Es war eine neue EU-Richtlinie, die im Jahr 1996 den Grundstein für die komplette Veränderung des deutschen Strommarktes gelegt hat. Die Richtlinie zur Elektrizitätsmarktliberalisierung wurde schließlich 1998 auch in Deutschland umgesetzt und wurde unter dem Namen Liberalisierung des deutschen Strommarktes bekannt. Das Konzept war einfach: Die Richtlinie sollte dafür sorgen, dass der Wettbewerb am Markt erhöht und die allgemeinen Preise für den Strom dadurch sinken würden. Die Verbraucher hatten nun eine freie Wahl bei ihrem Anbieter und auch die Versorger waren nicht mehr an einzelne Regionen innerhalb der Länder und der EU gebunden. Vorbild war dabei die Liberalisierung des Telefonmarktes. Experten hatten ausgerechnet, dass die Preise seit der Einführung der Richtlinie um 70 Prozent gefallen waren – das sollte nun auch für den Energiemarkt erreicht werden.

Die ersten Entwicklungen waren dank der Novelle schnell spürbar. Energieanbieter waren nun überregional tätig, entwickelten neue Tarifmodelle und die sogenannten Energie-Discounter entstanden, die mit billigsten Preisen lockten. Bei einem Verbrauch von 3500 kWh sank der Preis zwischen 1998 und 2000 tatsächlich von 50 auf knapp 41 Euro für die Haushalte. In diesem Jahr endeten die positiven Vorzeichen für die erwarteten Ergebnisse aber bereits.

Mit dem Jahr 2000 begann eine generelle Konsolidierung auf dem neu liberalisierten Energiemarkt. Zum einen verschwanden viele der neuen Anbieter wieder recht schnell. Die mangelnde Erfahrung auf dem Markt und der Preiskampf haben für schnelle Insolvenzen gesorgt. Schuld war auch der Mangel an Regulierung, der durch die EU-Richtlinie gewollt war. Ein anderes Phänomen war die zunehmende Monopolisierung in verschiedenen Regionen von Deutschland. Kleine Anbieter wurden von den Riesen der Branche aufgekauft und verschwanden somit wieder vom Markt. Viele der großen Anbieter, die noch heute bekannt sind, sind in dieser Zeit entstanden. Die zehn bekanntesten Namen versorgen bis heute etwa 80 Prozent aller Stromkunden in Deutschland. Die neuerliche Steigerung der Strompreise wurde aber auch von den neu eingeführten Steuern in die Höhe getrieben. Energiewende, Ökosteuer und die Steigerung der Mehrwertsteuer waren die entscheidenden Faktoren für die erhöhten Rechnungen.

Wie lässt sich die Entwicklung der letzten zwanzig Jahre also beschreiben? Das Ziel der gestiegenen Vielfalt auf dem Markt ist ohne Frage erreicht. Der Wunsch niedriger Preise für die Energie ist aber ein Traum geblieben. Ganz im Gegenteil – musste ein Haushalt 1998 noch 17,11 Cent für die Kilowattstunde zahlen, liegen die Preise im Jahr 2017 bereits bei 29,16 Cent. Die Steigerung um rund 70 Prozent ist besonders bei Haushalten mit einem geringen Einkommen zu einem Problem geworden. Im europäischen Schnitt befinden sich die Deutschen zudem bis heute an der Spitze für die Strompreise.

Weiter steigende Strompreise – wo liegen die Gründe?

Erst einmal ist es natürlich wichtig herauszufinden, aus welchen Faktoren sich in der heutigen Zeit der Strompreis berechnet. Die reine Energiegewinnung und die dafür nötigen Ressourcen sind in Deutschland nämlich eher zu vernachlässigende Faktoren dafür. Das sind die wichtigsten Anteile an den derzeitigen Strompreisen:

Während die Steuern fixiert sind, sind bei allen anderen Punkten Schwankungen zu bemerken, die sowohl mit dem Verbrauch, dem Wetter oder der allgemeinen Verfügbarkeit von Ressourcen zu tun haben. Das macht es so schwer, den Preis für Strom nachhaltig zu kalkulieren.

Die Preise für die Rohstoffe

Einer der Gründe für die stetig steigenden Preise findet sich natürlich in den Schwankungen, die in den Preisen für die Ressourcen zur Energiegewinnung zu finden sind. Kaum ein Markt bewegt sich so konstant in die eine oder andere Richtung. Dabei darf natürlich nicht ignoriert werden, dass Deutschland trotz aller Bemühungen einen Großteil seiner Energie noch immer aus fossilen Brennstoffen erhält. Braunkohle, Steinkohle und Erdgas machen mit 13%, 24,4% und 7% immer noch einen Großteil der deutschen Energie aus.

Während Deutschland zwar zu den wichtigsten Produzenten von Kohle gehört, muss immer noch ein großer Anteil der Ressourcen eingekauft werden. Mit dem Boom von Schwellenländern wie Brasilien, Indien oder China haben sich die Weltmarktpreise in den vergangenen Jahren deutlich nach oben bewegt. Die Folge ist, dass die Erzeuger deutlich mehr für den Strom bezahlen müssen. Das schlägt sich am Ende spürbar auf die Preise für die Endverbraucher in Deutschland.

Die Entwicklung des Großhandelpreises

In Verbindung mit den Strompreisen in Deutschland ist immer wieder von der Leipziger Strombörse die Rede. Hier kaufen die Unternehmen einen großen Teil der Energie von den direkten Erzeugern ein. Dabei sind die Schwankungen für die Kilowattstunde mitunter bemerkenswert. Es ist festzustellen, dass der allgemeine Preis in den vergangenen Jahren gesunken ist, was vor allem an den neuen Kapazitäten durch die regenerativen Energien liegt. Trotz dieser Entwicklung haben die meisten Anbieter ihre Preise für die Endverbraucher nicht spürbar gesenkt. Das bedeutet, dass diese Veränderungen nicht beim Kunden ankommen.

Emissionszertifikate – der Ausgleich für CO2

Die Produktion von Strom in Kohle- und Gaskraftwerken ist nicht gut für die Umwelt und muss durch sogenannte Zertifikate für Emissionen reguliert werden. Auf diese Weise kann sichergestellt werden, dass der Verbrauch von umweltschädlichen Strom zumindest nicht zu rentabel ist. Diese Zertifikate sind in den vergangenen Jahren allerdings deutlich teurer geworden und sind inzwischen ein Faktor, mit dem die Unternehmen kalkulieren müssen. Lag der Preis Ende 2017 noch bei 4,40 Euro pro Tonne CO2, so muss ein Energieunternehmen Ende 2018 bereits knapp 20 Euro für die Tonne bezahlen.

Die EEG-Umlage

Die Umlage für erneuerbare Energien hat sich sehr schnell zu einem erheblichen Kostenfaktor im Mix für den Strompreis entwickelt. Rund 24 Prozent des Anteils am Strompreis macht die EEG-Umlage inzwischen aus. Der Anteil dürfte in den folgenden Jahren weiter steigen, da immer mehr Möglichkeiten für die Generierung von umweltfreundlichen Strom entstehen und diese natürlich finanziert werden müssen.

Investitionsstau bei der Modernisierung

Das deutsche Stromnetz braucht, wie eigentlich alle Teile der deutschen Infrastruktur, neue Technologien und allgemeine Modernisierung. Gerade zum Anfang des neuen Jahrtausends wurde hier viel zu wenig Geld investiert. In den kommenden Jahren muss also in das Stromnetz investiert werden, ob die Unternehmen wollen oder nicht. Dies dürfte sich zu einem Kostenfaktor entwickeln.

Die Politik als Faktor beim Strompreis

Die Macht der ölfördernden Länder ist bis heute ungebrochen. Entsprechend wird der Strompreis auch von der politischen Lage beeinflusst. Noch immer ist der Mittlere Osten ein Pulverfass, trotzdem werden von dort die meisten Reserven an Erdöl importiert. Schon kleinste politische Veränderungen können dafür sorgen, dass die Preise sehr schnell und stetig ansteigen. Solange bestimmte Personen in den wichtigsten Machtzentren der Politik sitzen, kann es also jederzeit zu einem Anstieg der Preise kommen.

Regionale Unterschiede beim Strom

Zuletzt kommt der Preis auch immer auf die Region an. Im Norden ist die regenerative Energie längst Normalität. Aber wie kommt der Strom in Süddeutschland an? Die nötigen Investitionen führen dazu, dass sich die Preise zwischen Nord- und Süddeutschland stark unterscheiden können. Auch hier braucht es noch eine Lösung, die transparente Preise und eine entspannte Preispolitik ermöglicht.

Alles in allem kann der Endverbraucher also auf den ersten Blick nur wenig gegen die Entwicklungen bei den Strompreisen machen. Der große Trumpf ergibt sich aber immer noch aus der einstigen Liberalisierung des Marktes. So können Stromkunden mittlerweile selbst zum Energieerzeuger werden. Produkte wie Corrently verknüpfen den Bezug von Strom der Privathaushalte mit dem Investieren in Windenergie- und Solarkraftwerke mittels Bürgerenergiegesellschaften. Somit kann jeder Stromkunde selbst zum Anteilseigner von Kraftwerken werden.

Eine weitere Strategie gegen steigende Strompreise stellt ein regelmäßiger Anbieterwechsel dar: Mit über 1000 Stromanbietern haben deutsche Kunden eine große Auswahl und ein regelmäßiger Vergleich der Strompreise und konstante Wechsel zu günstigen Anbietern können dabei helfen, das Preisniveau für die eigene Stromrechnung möglichst niedrig zu halten.

Jan Rabe ist Mitbegründer und Geschäftsführer des Stromwechselservices Wechselpilot.com. Seit fast zehn Jahren arbeitet er in der Energiewirtschaft. Neben einem Diplom in Physik und einem Master in Nachhaltiger Entwicklung hat er auch die ersten beiden Teile der CFA Prüfungen erfolgreich absolviert.