Die Blockchain-Technologie geistert durch die Energiewelt und trifft dort recht häufig auf das bislang noch ungelöste Problem des lokalen Energiehandels, auch P2P Trading genannt. Entgegen aller Vermutungen zeigt sich bei näherem Hinblick, dass Energiehandel und Blockchain zwar viele Projekte hat, jedoch von der Art der Technologie nicht zum Problem passt. Blockchain und Energiehandel ist, wie wenn man einen Hammer nimmt um eine Schraube in die Wand zu bekommen.

In einer Zeit vor dem Brooklyn Micro Grid hatten sich die IT-Experten der Welt bereits intensiv damit beschäftigt, was man mit der neuen Technologie hinter Blockchain in Bereichen jenseits von Bitcoin und Ethereum eigentlich anfangen kann. Gerade von denen, die zu dieser Zeit an der Entwicklung von Werkzeugen rund um „Distributed Ledger“ gewesen sind, hörte man wie ein Mantra, dass man Blockchain nur dafür verwenden soll, wo es keine andere Lösung gibt.

Es sind viele Probleme, die sich bei einem unsachgemäßen Gebrauch der Blockchain einstellen. Angefangen von Skalierbarkeit hinsichtlich der Größe oder der Anzahl der Transaktionen, bis hin zum Thema Datenschutz. Man könnte fast annehmen, dass man mit Blockchain zunächst Probleme lösen muss, die man ohne überhaupt nicht hat.

Mehr Sicherheit durch Stromhandel

Der Energiehandel ist generell ein Problem. Strom hat eine sehr flüchtige Eigenschaft. Die Energie, der wir den Wert zumessen breitet sich in Lichtgeschwindigkeit aus und ist in bruchteilen von Sekunden auch wieder verschwunden. Um dennoch die Marktwirtschaft auch in die Energiewirtschaft einfließen zu lassen, wurde die Abstraktion in Produkte geschaffen. Vereinfacht ausgedrückt sind Stromprodukte nichts anderes wie eine Zusage über eine bestimmten Zeitraum (zum Beispiel 15 Minuten) eine Menge Energie von A an B zu liefern. Der Stromhandel hat sich von der Physik in einer pervertierten Form entfernt. Der Petitions-Ausschuss des Deutschen Bundestages hat in der Stellungnahme zur Petition 1-18-09-7517-029892 klar beschrieben, dass es der Energiehandel ist, welcher mit finanziellen Mitteln in der Sicherheitsbereitschaft abzusichern ist. In anderen Worten: Versagt die Marktwirtschaft, dann soll es die Physik wieder richten (in diesem Fall beim Fahrplanmanagement der Netzbetreiber).

„Der Stromhandel ist ein ungelöstes Problem, welcher klare Einschränkungen bei der Versorgungssicherheit bringt und bereits in Kürze auch Ursache für Blackouts in Europa sein wird.“

Deutliche Zeichen von einer störenden Wirkung des Stromhandels auf die Versorgungssicherheit sind die immer stärker werdenden Frequenzsprünge beim „Fahrplanwechsel“ oder auch, dass man heute eine Sicherheitsbereitschaft benötigt, welche es in einer Zeit vor dem Stromhandel nicht gegeben hat.

Für diese Sammlung von schwerwiegenden Problem soll nun eine Technologie und besonders eine solch limitierende Technologie wie die Blockchain ein Ausweg sein? Wohl eher nicht! Viel mehr wird die Verantwortung für Designfehler des Systems Stromversorgung aus der Vergangenheit an eine neue Technologie weitergereicht, ohne die eigentlichen Ursachen zu beheben. Ein solches Vorgehen ist verantwortungslos gegenüber denen, die sich nicht mit dem Thema beschäftigen und darauf vertrauen, dass sich auf einem freien Markt letztendlich die Technologie durchsetzt, die am effizientesten und mit der besten Sicherheit die Probleme löst aber nicht kagiert.

Trading – Zocken auf Kosten der Sicherheit

Schaut man auf die Finanzwelt, so findet man sehr viele Beispiel, um was es bei Trading tatsächlich geht. Optimiert wird mit Millisekundenbereich, damit ganze Aktienpakete schneller den Besitzer wechseln – voll automatisiert – bis es dann zu einem Crash kommt. Der Energiemarkt und auch die Strombörsen sind in Europa hiervon noch weit entfernt, da der erfolg des Handel ein Pflichtgeschäft ist und nur bedingt als einzige Einnahmequelle dienen. In den vergangenen Jahren konnte allerdings mit zunehmender Tendenz von „latenten Unterdeckungen“ in den Berichten der Hüter des Strommarktes gefunden werden. An Wertpapierbörsen entstehen daraus Leerverkäufe und letzendlich ein Crash, beim Strommarkt ist das Equivalent ein Blackout.

Der gemeine Stromkunde hat besseres mit seiner Zeit anzufangen, als mit Strom zu handeln, also wird er auch in einem Peer-2-Peer Markt auf einen Dienstleister – nennen wir ihn Broker – zurückgreifen. Ob dieser Broker seinen Job mit menschlichem Verstand erledigt oder in Form einer künstlichen Intelligenz das letzte Optimum rausholt, bleibt abzuwarten. Bereits heute ist abzusehen, dass sich auf Höhe der Broker eine erneute Konzentration am Markt ergeben wird, wo wenige Player eine dominante Rolle einnehmen.

Wenn der Stromkunde seinen (geringen) Willen zum Handeln an wenige Broker delegiert, warum benötigt man dann ein dezentrales System wie die Blockchain?

Ein Kontenbuch ist kein Orderbuch

Das zentrale Element einer Handelsplattform ist das Orderbuch. In diesem Orderbuch sind alle Kauf und Verkaufsabsichten geführt, woraus sich letztendlich die Transaktionen (Geschäftsabschlüsse) ergeben. Die Blockchain Technologie hat eine große Stärke darin, dasss sie manipulationssicher, ohne zentrale Entität, eine Liste von Transaktionen führen kann. Bedeutet so viel, als dass man in einer Blockchain das Ergebnis des Handels gut abbilden kann. Geht man zu einem Händler und kauft dort etwas ein, so sieht man später die Bezahlung auf dem Bankkonto, nicht aber den Handel selbst. Dieser Analogie folgt auch das Stromkonto, welches Transaktionen auf dem Energiemarkt dank Blockchain sichtbar macht.

Wie ungeeignet die Blockchain Technologie für das Führen eines Orderbuchs ist, kann man am besten an den großen Handelsplätzen und Tauschbörsen der Kyptowährungen selbst erkennen. CEX, Kraken und Co. verwenden konventionelle Technologien für das Orderbuch und übermitteln erst im Anschluss das Ergebnis in der Blockchain selbst ab.

„Die Kryptobörsen selbst zeigen, dass die Technologie nicht zum Handel geeignet ist. Warum sollten Strombörsen dann auf Basis der Blockchain Technologie funktionieren?“

Bei der EPEX-Spot hat es Jahre gedauert, bis mit einer Marktregel die Probleme von zu geringer Liquidität bei wenigen Teilnehmern gelöst werden konnte. Länder wie Deutschland waren zu klein, um effektiv Preisspitzen ausgleichen zu können. Erst mit der Einführung der sogenannten Price-Coupling-Region (PCR) wurde ein Algorithmus gefunden, der im Stromhandel tatsächliche Marktwirtschaft durch Vergößerung gebracht hat.

Wird von Peer-2-Peer Stromhandel, lokalen Strommärkten oder ähnlichen Konstrukten auf Basis der Blockchain-Technologie gesprochen, dann ist dies vielleicht noch technisch möglich, jedoch wird beim Orderbuchmanagement das Problem erst richtig spannend, da man Lösungen wie PCR nicht zum Einsatz bringen kann. Wenn Hintertupfingen nur mit Vordertupfingen handelt, dann ist das Makulatur, denn tatsächlich muss breits am ersten Tag Hintertupfingen auch das selbe Orderbuch wie Villa Riba und Villa Bajo sehen können.

Echte Nutzen der Blockchain-Technologie in der Energiewirtschaft

Wenn der Stromhandel ungeeignet ist, wo kann dann die Blockchain-Technologie zum Einsatz kommen? Bei Corrently sorgt die Blockchain für Transparenz, aber eben zusätzlich auch für die Umsetzung von digtalem Eigentum.

Schaut man über den Tellerrand der Energiewirtschaft hinaus, so findet man Anwendungsfälle der Technologie zum Beispiel im Kataster. Der Nutzen der Blockchain ist der geringe Aufwand im Vergleich zu anderen Arten des Eigentumsübergangs. In der Energiewirtschaft ist relevantes Eigentum immer die Erzeugungsanlagen.

In der Industrie wird das Supply Chain Management als die „gemähte Wiese“ für den Einsatz der Blockchain bezeichnet. Der Nutzen ist hier die Manipulationssicherheit und der stets gegebene Konsens, dessen Veränderung nachvollziehbar ist. In der Energiewirtschaft ist eine solche Nachweisführung ebenfalls im Form der Herkunfszertifikate vorhanden. Ausgedrückt wird dies zum Beispiel mit Hilfe des GrünstromIndex, der Zertifikate in Form von Transaktionen auf dem Stromkonto bereitstellt.

Blockchain Technologie und Energiewirschaft passen sehr gut zusammen, allerdings nicht wenn es um die Abbildung des Energiehandels geht.