Raum und Tisch für einen Vertrag

Das Zustandekommen eines Vertrages (die Unterzeichnung), ist vereinfacht eine Transaktion. Vorgelagert findet in einem abgeschlossenen Raum die Vertragsverrhandlung statt, wobei die Vertragsparteien „über den Tisch“ kommunizieren. Die Analogie wird ergänzt durch die Tatsache, dass sich am Tisch wohl identifizierbare Parteien (Identitäten) befinden, die für sich selbstbestimmt entscheiden können.

Beim Aufbau einer Systemarchitektur hat sich bewährt, wenn man für jede notwendige Transaktion sich die Fragen stellt:

Aus heutiger Sicht würde ich wirklich hoffen, dass wir immer die Antworten auf die Fragen dokumentiert hätten. Zu schnell denkt man im Projektalltag, dass dies allen Mitwirkenden klar sei und Einigkeit bestünde.

Zur Vollständigkeit muss „der Raum“ noch etwas näher beschrieben werden. Es ist die Laufzeitumgebung, der Ort/Code/Bestandteil, bei dem die Anweisungen ausgeführt werden und zum Beispiel die ganzen kryptographischen Bibliotheken zum Einsatz kommen. Was in der realen Welt mit 4 Wänden auskommt, ist doch einiges an Einrichtung und Ausgestaltung im „IT-Raum“. Im Zuge der Spezifikation des sogenannten Smart-Meter-Gateways hat das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnologie sogenannte Schutzprofile entwickelt, die nichts anderes als die Vorgaben beschreiben, wie dieser Raum abzusichern ist. Die Absicherung macht es allerdings schwieriger die Vertragsparteien an einen Tisch zu bekommen, denn der Zugang zum Raum – die Tür – fehlt meistens.

Ähnlich der Wahl des Papstes, eine Transaktion, die in einem Raum (Sixtinischen Kapelle) stattfindet, sollten auch die Transaktionen (Verträge) in unserem Fall der Ladung weitesgehend ohne äußere Störfaktoren ablaufen und lediglich am Ende mit einer Kommunikation des Ergebnisses (… hier kein weißer Rauch …) beendet werden. Für die einzelnen virtuellen Representanten der Identitäten bedeutet dies, dass sie selbständig (hier autonom) auf Basis der vorgetragenen Fakten (Messwerte) Entscheidungen treffen könnnen, die letztendlich einen Vertrag (Transaktion) zur Folge hat. Alles, was im Raum nicht vorhanden ist an Daten, existiert auch nicht…

IBM Mainframe und der Zentralismus

Kaum einer kann sich noch an die Zeiten erinnern, als man noch Terminals hatte (Bildschirme) mit eingebauter Tastatur, die dann an einen Großrechner angeschlossen waren. Aus dieser Zeit stammt allerdings der Gedanke, dass man zunächst alles an eine zentrale Stelle bekommen muss, bevor man damit einen Geschäftsvorfall durchführen kann.

Als ich im Spätjahr 2021 hörte, dass es Überlegungen zu einem zentralen Impfregister gibt, musste ich mir schon überlegen, ob wir dem überhaupt irgendwann einmal in der Lage sind neue Wege zu gehen. Ein zentrales Impfregister wird nicht benötigt, da wir dezentral mit digitalen Identitäten arbeiten, die wir „Impfzertifikate“ nennen. Diese dienen dazu einen Sachverhalt einem anderen präsentiert und einfach auf ihre Gültigkeit überprüft werden. Lediglich die Rückwärtssuche wird so erschwert, also eine Liste derer zu haben, die nicht geimpft sind. Eine solche Verknüpfung von verschiedenen Daten (Einwohnermeldedaten + Impfnachweis) halte ich aber ohnehin für zu Riskant hinsichtlich des Datenschutzes bei zu geringem Nutzen.

Die Energiewirtschaft kennt viele dieser zentralen Register und Verzeichnisse. Die Kommunikation findet zwar meistens zwischen zwei Parteien (via EDIfact in der sogenannten Marktkommunikation) statt, jedoch haben wir auch Dinge wie das Marktstammdatenregister (MaStR). Im MaStR muss die kleinste PV-Panele auf der Hundehütte eingetragen sein, wenn sie an das Stromnetz angeschlossen ist.

Bei den Messdaten der Stromzähler ist es zum Glück nicht ganz so schlimm. Hier existiert keine zentrale Stelle, an die Daten automatisch übermittelt werden, aber es existiert auch keine Stelle, bei der überhaupt daraus unmittelbar eine Transaktion abgeleitet werden kann/darf. Bedeutet, dass man viel zu lange mit den Datenströmen arbeiten muss, bevor man eine Klammer setzen kann. Dies führt dazu, dass die Daten der Zähler zunächst vom Stromzähler an das Gateway, weiter zum Messstellenbetreiber, Netzbetreiber, Energie Service Anbieter, Stromanbieter und Vermarkter, Handelsplattform …. übertragen werden und an jeder dieser einzelnen Stellen bevorratet werden, denn man kann ja nicht wissen, ob sie für einen Vertrag/Tansaktion benötigt werden.

In der Energiewirtschaft hat jedes Unternehmen in irgend einer Form ein zentrales System, welches das eine Datensilo ist, auf dessen Basis alle Transaktionen getätigt werden. Fehlendes Vertrauen ist hierbei das größte Problem, denn die Daten bilden die Grundlage für Entscheidungen, wehalb die Daten auch von jedem einzeln kontrolliert und gesichert werden. Eine eklatante Ressourcenverschwendung, die heute genau so praktiziert wird und vieles verhindert. Zwei Nachbarn können nicht einfach Strom austauschen, da der Netzbetreiber diesen Vorgang nicht in seinen Daten haben würde und damit das „Datensilo“ nicht stimmig sein würde.

Der Lösungsweg, den man gewählt hat, ist alles andere als elegant. Bei der Registrierenden Leistungs Messung (RLM), der Bilanzkreisbewirtschaftung sowie der generellen Vermarktung ist umgeht man das Dilema, indem man Transaktionen alle 15 Minuten vorschreibt. Unabhäng davon, ob sich ansonsten etwas an der Vertragsbeziehung geändert hat. Durch diese Transaktionen hat man wieder etwas, was man „synchron“ in den beteiligten, zentralen Silos ablegen kann.

Der Ladevorgang von Alice ist vielleicht kürzer als 15 Minuten, was unter Nutzung der bestehenden Verfahren ein Problem sein würde und immer Kompromisse hervorbringen würde. Viel schlimmer jedoch ist, dass Bob und Alice für ihren Vertrag nicht mehr einen abgeschlossenen Raum bilden können.

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