Missing Money Problem

An dieser Stelle wird es Zeit eine der größten Hindernisse anzusprechen, die jegliche Entwicklung im wirtschaftlichen Context mit sich bringt. Zunächst gibt es kein Geschäftsmodell dahinter, da es keinen etablierten Ort gibt, an dem Geld verdient werden kann. In den 0er Jahren hatte sich in der Dot-Com-Blase das „Follow-The-Free“ Prinzip breit gemacht. Dessen Schattenseite besagt, dass man zunächst alles „kostenlos“ denken muss und sich der wirtschaftliche Erfolg schon später einstellen wird. In unserem Projekt ID-Ideal sind wir in der komfortablen Situation, dass wir etwas mehr als die Hälfte der uns als STROMDAO entstehenden Kosten gefördert bekommen. Doch dies vertagt nur das eigentliche Problem nach der Suche der Wirtschaftlichkeit.

Bei IT-Lösungen gibt es zunächst zwei offensichtliche Arten, wie diese an den Markt kommen: Sie lösen ein Problem besser, wodurch Personal oder Material eingespart werden kann – oder sie lösen es müssen Auflagen/Regeln/Gesetze befolgt werden, die neu sind. Weder wollen wir bei der STROMDAO Gesetze neu definieren, noch möchten wir, dass irgendwo Personen gekündigt wird, da ihre Arbeitsleistung nicht mehr benötigt wird. Der dritte Weg ist der, der nur sehr schwer vorherzusehen ist, da sein Verlauf erst über die Zeit erkennbar wird.

Schön ist, dass die erfolgreichen Vorhaben des dritten Weges uns allen bekannt sind. Die Google-Suche, die heute ein defacto Standard für Suchen im Internet ist und mit dem sich definitiv Geld verdienen lässt. Paypal, welches ein Standard für die Zahlungen zwischen Freunden definiert hat – und Elon Musk hervorgebracht hat. Was diesen beiden Unternehmen gelungen ist, ist eine schnelle Verbreitung durch herausragende technologische Umsetzung im Einklang mit den Menschen, die es nutzen.

Es ist zu vermuten, dass selbstbestimmte, digitale Identitäten die Art, wie wir interagieren verändern wird und Dinge ermöglichen, die heute wegen fehlender Technologie an der richtigen Stelle nicht möglich sind. In unserem Beispiel sparen weder Alice noch Bob wirklich Geld. Der Prozessablauf existiert in dieser Form auch nicht, so dass man keine Wertschöpfung durch Effizienzgewinn ermitteln kann.

Im Universum der digitalen Identitäten in der IT-Welt haben sich einige Arten des Geldverdienen etabliert. Zum einen sind bereits Marktplätze für „Prüfer“ am Entstehen. In unserem Geschäftsvorfall von oben würde der Stromzähler auf einem Marktplatz von Validatoren nachfragen, wer seine ordentliche Identität bestätigen kann. Nun ist es in diesem konkreten Fall das Eichamt bzw. eine der technischen Prüforganisationen. Für andere Arten der Prüfung kennen wir solche Angebot bereits: Post-Ident und seine Online-Klone. Der Prüfer erhält Geld dafür, dass er einen Sachverhalt bestätigt. Wo bleibt bei diesem Geschäftsmodell eigentlich die Unschuldsvermutung? Wenn der Stromzähler in unserem Fall sagt, dass er schon weiß, wie man Strom misst, dann sollte man ihm doch glauben. Zumindest ich kann mir nicht vorstellen, dass in der Menge und Umfang, in der wir zukünftig Validatoren benötigen, diese jeweils kleine Geldbeträge dafür kassieren, dass jemand seine „Unschuld“ nachweist. Ein solches Vorgehen konterkariert auch die Selbstbestimmtheit, da diese erst nach dem Unschuldsbeweis (gegen Geld) gegeben ist.

Aus dem vorangegangenen Kapitel ist im Web-Of-Trust noch ein weiteres Geschäftsmodell erkennbar, welches heute von sogenannten Wallet-Anbietern genutzt wird. Hierbei wird Geld für die Präsentation und deren Validierung verlangt. Bei diesem Weg der Monetarisierung ist die Entstehung des Prüfsiegels des Stromzählers egal, jedoch wird für jeden Nachweis (hier bei Bob) ein Geldbetrag verlangt. Der Nachteil dieser Herangehensweise ist, dass das ein echtes, stabiles Netz des Vertrauens erst entsteht, wenn möglichst viele Beziehungen bestehen, wodurch eine große Anzahl von Präsentationen notwendig wird.

Naheliegend ist an dieser Stelle die Frage, für welche Art wir uns bei der STROMDAO entschieden haben. Wir sind verpflichtet, am Projektende einen Verwendungsbericht abzugeben und daher haben wir uns schon etwas Gedanken gemacht. Eine vorläufige Antwort ist, dass wir dem Beispiel von Google folgen und die Laufzeit des Projektes für Verbreitung unseres Konzeptes sorgen. Ein Baustein hierfür ist dieser Text, ein anderer eine Vielzahl von Open-Source Veröffentlichungen, die möglichst einfach nutzbar sein sollen. Bislang geht diese Strategie auf, denn mit etwa 1.000 Downloads innerhalb von einer Woche ist schon etwas geschafft, aber natürlich noch viel viel zu gering für eine echte Bekanntheit. Fast jeder dieser Downloads sorgt indirekt dafür, dass ein kleiner Teil vom Gesamtkonzept von jemandem aufgenommen und weitergeführt wird. Beim GrünstromIndex gehen wir schon fast 10 Jahre den selben Weg und Stück für Stück ist dieser zum Standard-Werkzeug bei den Datendiensten der Energiewirtschaft empor gewachsen.

Architektur trifft Einflusssphäre

Nach einem kurzen Ausflug in die ökonomischen Gefilde, kommen wir zurück zu einem Einflußfaktor, welcher in vielen Projekten irgendwann einmal zu Problemen führt und eine direkte Ausstrahlung auf den hoffentlich vorhandenen ökonomischen Erfolg hat. In einem Projekt kann man vieles neu denken und anders „verdrahten“, wie es bislang gemacht wurde. Man kann allerdings nicht die ganze Welt verändern. Konkret können wir vielleicht die Messdaten und ihre Verwendung durch Alice neu definieren, jedoch haben wir vielleicht keinen Einfluss darauf, wie Bob seiner Aufgabe nachkommt. Möchte Bob ein Telefax mit den Zählerständen, so sind wir aus dem Projekt heraus nicht in der Lage dies zu ändern.

Ein konkreter Fall, den wir im Projekt gehabt haben, war die Identifikation von Alice. Hier könnte es erstrebenswert sein, dass stellvertretend zu Alice das Auto sich automatisch identifiziert und die ganze Abwicklung mit dem Stromzäher und Bob ganz autonom übernimmt. Das Problem hierbei ist, dass es „Das Auto“ nur in der Werbung von Volkswagen gitb und man daher keine allgemeingültige Stelle hat, an der man die Logik installieren könnte. Persönlich bin ich der Meinung, dass es mit der OBD2 Schnittstelle zumindest die Möglichkeit gibt das Fahrzeug identifizierbar zu machen, jedoch würde man immernoch einen Mini-Computer für die Kommunikation mit der Ladesäuler/Stromzähler und Bob benötigen. Zudem fallen für alle Komponenten, die man zusätzlich „am Edge“ benötigt sehr hohe Kosten an, da man zumindest im Projekt keine Skaleneffekte realisieren kann, die den Preis reduzieren würden.

Für Projekte, bei denen etwas „am Edge“ gemacht werden soll, bedeutet dies, dass man zunächst sich auf ein Minimum an Technologie einigen muss, die bereits in einer hohen Verbreitung vorhanden ist. Konkret bedeutet dies für unser Vorhaben, dass wir zum Beispiel beim Stromzähler lediglich eine moderne Messeinrichtung (mME) voraussetzen können, nicht aber ein intelligentes Messsystem (ImSys). Oder eben nicht „Das Auto“, sondern lediglich ein Android oder iOS Gerät, welches von Alice bedient wird.

Damit man im Projekt nicht verzweifelt, bietet es sich an, mit allem, was zwingend für das Projektziel notwendig ist auf Platzhalter zu setzen. Ideal ist es, wenn es sogar absehbar ist, dass diese Platzhalter irgendwann eine Verbreitung haben werden. Für uns zum Beispiel die Entscheidung doch ein ImSys vorauszusetzen, obwohl diese auch an Ladesäulen bislang noch kaum Verbreitung finden. Damit es im Projekt weitergeht nutzten wir einen Platzhalter, welchen wir in kurzer Zeit implementieren konnten, der uns die Funktionen liefert, die wir benötigen von realen Stromzählern (s.h. node-red-contrib-openmeter). Der Aufwand für diese Umsetzung war zum Glück überschaubar, aber es dürfte jedem klar sein, dass man zum Zeitpunkt, an der man die Skizze für ein Projekt schreibt, dieser Aufwand nicht vorhersehbar ist. Trifft man dann im Proekt eine solche Entscheidung, dann kann ich wirklich empfehlen frühzeitig mit dem Projektträger zu sprechen, damit man am Ende des Projektes nicht auf Kosten für einen Workaround sitzen bleibt.

Die Einflusssphäre dessen, was im Rahmen eines Projektes realisiert werden kann, ist immer begrenzt. Gerade an den Randbereichen, bei denen man nicht durch Projektarbeit eine Welt schaffen kann, wie man sie benötigt, entstehen sehr schnell Kosten. Besonders hoch sind diese Kosten, wenn man am „Edge“ eine physikalische Komponente voraussetzt, die so dort noch nicht verbreitet ist. Innerhalb der Phase, in der das Feinkonzept für die Realisierung der Architektur entsteht, muss zwingend hier eine Klarheit geschaffen werden und mit allen am Projekt Mitwirkenden abgestimmt sein.

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