Darum ist Ökostrom klimafreundlicher aber nicht klimaneutral

Unter dem Begriff Ökostrom wird leider nur die Erzeugung betrachtet. Der Strom ist damit allerdings noch nicht beim Verbraucher und auf dem Transportweg gibt es Verluste. Um diese sogenannten Netzverluste auszugleichen wird in Deutschland der billigste Strom den Netzbetreiber kaufen können und das ist Strom aus fossiler Produktion. So mancher Grünstromtarife trägt daher aktiv zur Klimakrise bei.

Gut gemeint: Solarstrom plus von Greenpeace Energy

Auf der Webseite des Stromkonzerns kann man lesen:

inklusive 1 Cent/kWh Förderbeitrag für den Ausbau von Solaranlagen in Braunkohlerevieren und für politische Arbeit

Abruf 7.12.2019

Ich selbst wohne in der Nähe von Heidelberg. Das bedeutet etwa 550 km Netzstrecke, wenn mein Strom aus diesem Braunkohlerevier stammt. Für 100 Kilo-Watt-Stunden, die von mir verbraucht werden ergeben sich:

  • 0g CO2 bei der Einspeisung in der Lausitz
  • 5,5 kWh Verluste durch den Transport über das Stromnetz
  • 480g CO2 je kWh durch den Verlustausgleich
  • 2640g CO2 bei Bezug 100 kWh Solarstrom aus der Lausitz in Heidelberg (entspricht 26,4g CO2 je kWh)

Das falsche Leitermodell

Kraftwerk Schkopau bei Nacht
Braunkohlekraftwerk bei Nacht

E ine der Hauptschwierigkeiten des heutigen Strommarktes ist es, dass dieser immer von einer idealen Kupferplatte (Leitungsnetz) für ganz Deutschland ausgeht und Entfernungen zwischen Erzeugung und Verbrauch keine echte Rolle spielen bei Kosten und CO2 Ausstoß.

Für den Stromkunden ist das schön, denn er bezahlt 100 Kilo-Watt-Stunden am Punkt der Einspeisung und erhält diese auch bei sich zu Hause. Tatsächlich muss am Einspeisepunkt mehr Strom ins Netz gepumpt werden, sodass beim Verbraucher auch die bestellte Menge abgeliefert werden kann. Die Klimakrise wird damit jedoch befeuert, denn so lassen sich unter dem Deckmantel der Netzdienlichkeit auch zukünftig die größten Dreckschleudern weiter rentabel betreiben.

Der Zubau von Stromerzeugung in der Lausitz ist allerdings auch aus anderen Gründen bedenklich und die Kohlendioxidbilanz verschlechtert sich nicht nur wegen der Netzverluste, sondern auch wegen Regeleingriffen von Netzbetreibern. Die Region in der Lausitz ist in den letzten Jahrzehnten durch sogenannte Redispatches aufgefallen.

Redispatches – ein alter Bekannter verschmutzt den Ökostrom

Was ist Redispacht? Wird in einer Region mehr Strom eingespeist, als dort verbraucht oder abtransportiert werden kann, so führen die Übertragungsnetzbetreiber einen sogenannten Redispatch durch. Das ist ein Engpassmanagement. Jeglicher Strom, der in das öffentliche Netz eingespeist wird, unabhängig, ob Ökostrom oder konventioneller Strom, wurde im Vorfeld an jemanden verkauft. Damit Käufer, die weit entfernt von der Erzeugung sitzen, ihre „bestellte Menge“ auch erhalten, gibt es eine Anweisung an die Region der Erzeugung die Einspeisung zu reduzieren, um die Netze nicht zu verstopfen und eine Anweisung an die Region des Verbrauchs die Einspeisung zu erhöhen. Das wird Redispatch genannt, was in Deutsch soviel heißt wie „Verlagerter Versand“.

Großkraftwerk Mannheim (GKM)
Großkraftwerk Mannheim (GKM)

Betrachtet man nun, welche Kraftwerke in den vergangenen Tagen eine Anweisung zum Erhöhen der Erzeugung erhalten haben, so findet sich dort auch das Großkraftwerk Mannheim (GKM).

Fügt man zu den bisher bereits entstandenen 26,4g CO2 je Kilo-Watt-Stunde auch noch den Fakt hinzu, dass zu Zeiten, bei denen in der Lausitz die Erzeugung abgeregelt wird das Großkraftwerk Mannheim mehr Strom in das Netz einspeist, um mir meinen „bezahlten“ Strom auch tatsächlich zu liefern, dann verschlechtert sich die CO2-Bilanz noch einmal, denn das Großkraftwerk Mannheim ist ein Kohlekraftwerk.

Das Umweltbundesamt berechnet für Ökostrom eine durchschnittliche CO2 Emission von 35 Gramm je Kilo-Watt-Stunde. Damit ist dieser zwar deutlich nachhaltiger und klimafreundlicher als konventionell erzeugter Strom, jedoch noch weit von echter „Zero-Emission“ entfernt. Eine Werbebotschaft, die man aber gerade im Bereich der E-Mobilität gerne versucht zu verkaufen.

CO2 und die Elektromobilität

Weil beim Fahren selbst kein Kohlendioxid freigesetzt wird und zum Laden nur reinster Ökostrom verwendet wird, soll die E-Mobilität die Klimakrise abwenden.

Mein Renault ZOE verbraucht auf 100 km bei „günstigem“ Fahrstil etwa 12 Kilo-Watt-Stunden auf 100 Kilometer. Nimmt man als Basis für eine Berechnung der CO2 Emission die 35 Gramm des Ökostroms, so sind es 420 Gramm CO2/100km. Dieser Wert ist zwar auch hier deutlich besser als der eines Verbrenners, aber auch ein ganzes Stück weit weg von „neutral“.

Klimaneutraler Strom

Netzverluste, Redispatch und E-Mobilität – aus den bisher gezeigten Beispielen lassen sich sehr viele verschiedene Handlungen ableiten, die zu einer nachhaltigen Stromnutzung notwendig sind. Um die Klimakrise aufzuhalten, darf der CO2 Ausstoß pro Bundesbürger nicht über 600 Kilogramm pro Jahr sein.

Damit dies möglich ist, würde ich folgende Prioritäten empfehlen:

  1. Ökostromtarif nutzen
  2. Strom dann nutzen, wenn er lokal aus Erneuerbaren Energieträgern erzeugt werden kann (siehe GrünstromIndex)
  3. Verbleibender CO2-Fußabdruck kompensieren.

1 Kommentar zu „Darum ist Ökostrom klimafreundlicher aber nicht klimaneutral“

  1. Pingback: CO2 Freifunk(en) – blog.stromhaltig

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