Die Energiewirtschaft soll die Blockchain revolutionieren können, meint die Süddeutsche Zeitung unlängst. Bei der Wirtschaftswoche sieht man die Solaranlagen-Besitzer als Stromhändler und bei den Energie Experten will man ein Projekt aus den USA als Retter der Energiewende in Deutschland sehen.  Viel Euphorie – oder Hype – für eine Datenwurst, wie der Sonnenflüsterer die Technologie bezeichnet, was verbunden mit dem Beitrag von Energate die Schlussfolgerung nahe legt, dass die bestehende Energiewelt aus Würsten besteht, welche sich jetzt selbst aufisst. Risiko…

Was tun sprach Zeus, die Götter sind besoffen und der Olymp ist vollgekotzt.
(Thomas Gottschalk in „Die Supernasen“)

Vertrauen

Es ist schon faszinierend, dass neben der Finanzwelt nun gerade die Energiewelt ihre Zukunft mit der Blockchain Technologie umreist. Zwei Branchen, die beim Verbraucher alles haben, aber kein Vertrauen. Getäuscht von der Illusion mit dem 100% Ökostromtarif mit Prüfsiegel tatsächlich dafür zu sorgen, dass der Strom aus dem nahe gelegenen Kohlekraftwerk auf magische Art um den eigenen Stromzähler einen Bogen macht. Was physikalisch nicht möglich ist, kann nur über Illusion verkauft werden. Sehr erfolgreich, wie etliche Kommentare von Nutzer des Strommix-Navigator und Grünstromindex in den letzten Jahren gezeigt haben. Nur weil der Stromanbieter Ökostrom irgendwo in das Netz pumpt, leuchtet es bei mir nicht unbedingt grün aus der Steckdose. Strom kann nur dann Grüne-Farbe bekennen,  wenn man den Verbrauch mit der lokalen Erzeugung in Relation setzt. Weht hier kein Wind und scheint keine Sonne, ist es total egal ob auf der anderen Seite Deutschlands ein Wasserkraftwerk gerade Strom erzeugt, der von mir bezahlt – physikalisch jedoch von einem Braunkohlebagger genutzt wird.

Wo Vertrauen ist, da stellt sich der Sieg ein.
(Seami Motokiyo)

Konsens ist das große Stichwort hinter der Technologie Blockchain. Eine andere Umschreibung für kollektives Vertrauen, wie es auch hinter Währungen zu finden ist. Ein solch starkes Vertrauen, dass dreistellige Millionenbeträge mit dieser Technik jeden Tag den Besitzer wechseln. Die übereinstimmende Auffassung besteht darin, dass wenn man den abstrakten Besitz nachweisen und die Weitergabe verfolgen kann, alle Rechtmäßigkeit/Gültigkeit sich automatisch ergibt . Solange man darauf vertraut, ist die Blockchain das Mittel dem man trauen sollte.

Wer Kernkraftwerke betreiben kann, der kann auch die Blockchain beherrschen…

Ein statischer Blick auf die Datenwurst, gibt einen genauen Überblick über den Stand der Dinge. Alle Transaktionen – der Wechsel von Besitz/Eigentum – sind nachprüfbar und nachgeprüft. Es bedarf keiner Anwälte und Gerichte, keine Studie und Recherchen, darauf zu vertrauen, dass 0x970… im Besitz von mehr als 10.000 GrünstromJetons ist. Mehr als 1000 mal wurde dieser Fakt bereits bestätigt, genauso wie die Weitergabe von 21 Jetons an eine andere Adresse.

Ignorieren ist noch keine Toleranz.
(Theodor Fontane)

Die Blockchain toleriert keine Fehler. Ist das Regelwerk fehlerhaft, dann gehen auch mal 51 Millionen Euro an den „falschen Besitzer“, so wie auch im klassischen Bankensystem bei einer Überweisung an Lehman Brothers kurz vor der Pleite. Null-Toleranz – die Technologie ist die digitale Umsetzung der Schill-Partei. Wie kann man da noch tricksen?

Wer die Technologie nutzt, der wird immer von innen nach außen schauen. Entlang der übereinstimmenden Auffassung, die in der Blockchain abgebildet ist, sind dem eigenen Handeln enge Grenzen gesetzt. Wer die Regeln bestimmt, der kann nicht automatisch als Akteur in der Blockchain auf Augenhöhe agieren, sondern wird wie eine Zentralbank im Geldsystem, eine übergeordnete Stellung einnehmen.

Den Stromkunden könnte es freuen, wenn er den Marktprozessen vertrauen kann – ob er dadurch mehr Möglichkeiten zur Artikulation des Kundenwillen bekommt, bleibt abzuwarten. Fakt ist, dass von Groß bis Klein jeder in einer Blockchain die gleichen Rechte, Chancen und Pflichten hat. Da verlieren Regularien aus Parlamenten leicht an Bedeutung und ganze Verbände ihre Existenzgrundlage.

 

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Ein Gedanke zu “Vertrauen und Energiewirtschaft. Paradoxer Blockchain Hype

  1. „Mündige“ Energienutzer (im Gesetzestexten noch als „Letztverbraucher“ bezeichnet und damit abqualifiziert), die sich (mit-)verantwortlich fühlen, dass die Energieversorgung hochverfügbar ist und bleibt, könnten über ein technisches Verfahren („Istwert-Aufschaltung“ genannt) sich physikalisch nachweisbar in Echtzeit an fremden Energiekomponenten beteiligen. Dann könnten deren Leistungsmesswerte aus der Ferne in die eigene Energiezelle übertragen und dort in das lokale Energiemanagement einbezogen werden. Damit wäre nicht nur mit eigenen Einrichtungen, sondern auch mit im Netz angeschlossenen, irgendwo außerhalb gemieteten oder gekauften Einrichtungen eine Beteiligung an Systemdienstleistungen möglich. Ferner könnten so auch bestehende, aber bei anderen befindliche Energiebevorratungsmöglichkeiten mit genutzt werden. Allerdings setzt dies ein Energieinformationsnetz, den Einsatz auch von lokalen Energieassistenzsystemen und ein totales Umdenken nicht nur bei den Energienutzern (z. B. bei Stromkunden) voraus. Dies würde die Rahmenbedingungen von Grund auf ändern und das Tor zum Gelingen der Energiewende öffnen. Blockchain ist nicht das Zaubermittel. Die Istwert-Aufschaltung gibt es schon jahrzehntelang. Mit einem gemeinschaftsdienlichen Verhaltenscodex, implementiert in den Energieassistenzsystemen, und diese orchestriert durch eine als Dienstleistung überall bereitgestellte Sicht auf das Gesamtsystem würde ein massenhaftes Mitwirken an einer sicheren und stabilen Energieversorgung ermöglicht.

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