Die Kollegen des Mediums „Die Zeit“ haben eine beachtliche Meldung in Umlauf gebracht:

Stromanbieter Tennet erhöht Preise um 80 Prozent

Da bekommt man gleich Mut zum lesen, sucht man doch bei Verivox, Check24 und Co vergeblich nach einem Stromanbieter mit dem Namen „Tennet“. Zum Glück wird bereits im Teaser aufgeklärt, dass es sich um einen Netzbetreiber und  nicht um einen Stromanbieter handelt.  Ein Titel „Netzbetreiber erhöht Preis um 80 Prozent“  hätte aber bestimmt weniger Leser generiert, wo doch die Wort-Kost durchaus Potential für den Kopfschüttler der Woche hat.

Nach Angaben Keussens werde ein Drei-Personen-Haushalt rund 30 Euro mehr im Jahr bezahlen müssen. „Hauptursache für den Anstieg ist, dass der Netzausbau nicht so schnell vorankommt wie der Zubau der Erneuerbaren. Das muss uns alarmieren“, sagte er der Zeitung.

An dieser Stelle freut man sich wirklich, dass kaum jemand in Deutschland tatsächlich seine Stromkosten geschweige seinen Verbrauch kennt. Der durchschnittliche Haushalt hat in Deutschland 2,1 Personen – gut rechnen wir mit 3 weiter, welcher einen Jahresverbrauch von 3.100 KWh im Schnitt haben würde. Macht ein Anstieg bei grober Aufrundung von 1 Cent je KWh

1 Cent für den Netzausbau

Als Spitzenverdiener und Hobby-Snop, denke ich natürlich, dass mich dieser Betrag nicht wirklich umbringt. Mit dem schnellen Ausbau konnte auch wirklich niemand rechnen, hatte die Branche der Etablierten bei der Kernenergie gezeigt, dass man nur einige wenige Gigawatt pro Jahr an Kapazität schaffen kann. Wie schafft die Plebs es nur, dass man genügend Geld für solch alarmierende Ausbauzahlen hin bekommt?

Spooky mutet die Begründung des Alarms an:

Im Sommer 2015 etwa zeigten sich solche Probleme massiv: Während einer wochenlangen Hitzewelle erzeugten Photovoltaik-Anlagen im Norden Sonnenstrom in Hülle und Fülle, sodass konventionelle Kraftwerke ihre Leistung teils drastisch herunterfahren mussten, um das Netz zu stabilisieren. Für die Entschädigung an die Betreiber kommen die Verbraucher über die Netzentgelte ihrer Stromrechnung auf. Gut eine Milliarde Euro kostete das Engpass-Management 2015.

Das Zahlenmaterial für 2016 wird wahrscheinlich noch per Morse-Code in die Leitstände der Tennet telegrafiert. Wenn ich diese Sätze richtig lese, dann steht hier, dass der Sonnenstrom (keine Brennstoffkosten) dafür sorgte, dass die konventionellen Kraftwerke drastisch herunterfahren mussten. Die Energiewende machte sich also „wochenlang“ bezahlt, denn keine Brennstoffkosten mussten mehr verursacht werden und da die Abwärme der konventionellen Kraftwerke aus der KWK-Auskopplung auch nicht benötigt wurde, hat man diese Kraftwerke angewiesen herunterzufahren.

Eine Milliarde Euro für Engpass-Management

Auch Redispatch wird eine Maßnahme genannt, bei der die Netzbetreiber (wie Tennet) die Kraftwerksbetreiber anweisen, dass sie ihre Erzeugung erhöhen oder senken.  Diese Maßnahme wird angeordnet, damit Hochspannungstrassen nicht überlastet werden. Die Strommengen, die so umverteilt werden, sind allerdings doppelt so teuer, wie der Strom, welcher eigentlich an der Börse gehandelt wurde. Zum einen wird der erhöhende Betreiber entschädigt – zum anderen der Betreiber mit der Reduktion.

Das typische Szenario bei den Redispatches in Deutschland lautet wie folgt: Strom aus Braunkohle im Osten wird zum Spottpreis an die Börse gebracht. Da es in diesem Gebiet kaum Nachfrage gibt, werden diese Strommengen in den Süd-Westen verkauft. Leitungen wurden nach der Wende allerdings kaum gebaut, weshalb das Netz nicht abbilden kann, was der Handel hervorgebracht hat. Zum Dispatch des Handels kommt ein Redispatch der Netzbetreiber, um das Netz stabil zu halten.

Der gemeine Stromkunde zahlt dafür, da er lange Zeit keinen Nachweis erbringen konnte, dass er dieses Prozedere überhaupt nicht braucht. Dem privaten Stromkunden ist es erst einmal egal, ob irgendwelche Kraftwerke auf der anderen Seite der Republik günstiger als andere gewesen sind. Der Strom kommt aus der Steckdose, dem Nachbarn seine PV-Anlage hat ihn dort rein gebracht.

Mit den GrünStromJetons ist der fehlende Nachweis möglich. Wie letzten 3 Jahre gezeigt haben, sind die Kosten für Redispatches,  1 Milliarde Euro, nicht gerecht verteilt. Mehr als zwei Drittel wird von Stromkunden bezahlt, die an der Verursachung nicht mitgewirkt haben. Solidargemeinschaften sind schön, aber hier zahlen Privatkunden, was Groß-Gewerbekunden verbockt haben.

Tennet TSO sei Dank, dass die Zusammenhänge nicht die Bürger auf die Straße bringen.

Den Beitrag "Tennet: "Strompreis Erhöhung von 80%" offline Lesen:

3 Gedanken zu “Tennet: „Strompreis Erhöhung von 80%“

  1. Ein Ueberschuss von Solarstrom im Norden der dann nach Sueden geschickt werden muss …. das muss in der „Zeit“ gestanden haben.Wo sonst.

    Jetzt komm‘ noch einer her und erklaere dass die EE fuer die Subventionierungen der Industriestrompreise verantwortlich seien:

    http://yle.fi/uutiset/osasto/news/economy_minister_rehn_stands_firm_on_contested_electricity_subsidy_for_heavy_industry/9163039

    Vermutlich wird der EPR in Olkiluoto nie in Betrieb genommen, Frankreichs Regierung hat den Ansatz zur Subventionierung maroder Atomkonzerne total verbockt:

    http://www.hs.fi/talous/a1474771202053

    Egal wie es ist: es ist und bleibt wie es war, komme was wolle …..

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  2. Ich empfehle angesichts des Artikels dringend mal die sonst eigentlich schöne Redispatchkarte zu korrigieren. Da ist der Statkraft-Pumpspeicher Erzhausen zwischen Hildesheim und Göttingen in Südniedersachsen mal eben nach Erzhausen zwischen Frankfurt und Darmstadt und damit von der Tennet-Zone in die Amprion-Zone gewandert. Das verzerrt etwas die regionale Verteilung.

    Wenn wir über die verursachergerechte Verteilung von Systemkosten diskutieren lohnt auch der Vergleich der ÜNB-Regelzonen nach den Daten auf Netztransparenz. Dann sieht man auch wo hinreichend Netz ausgebaut wird und wo nicht.

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