„Ein Hartz IV für Kraftwerke wird es mit uns nicht geben“, meinte einst ein Hinterbänkler im Bundestag, nachdem er auf die Vergütung der Betreiber im Falle von Kraftwerksstilllegungen angesprochen wurde. Die Realität ist, dass Kraftwerke im Privatbesitz sind, die Politik lediglich mit Anreizfaktoren (Bestechungsgeldern) es schafft etwas zu verändern. Die Klimaziele bis 2020 können nur durchgesetzt werden, wenn rentable Braunkohlekraftwerke vom Netz genommen werden. Die Betriebsgenehmigung entziehen geht nicht, rentabel sind sie auch, Steuergeld als Subvention verwenden ist bei einer „Schwarzen Null“ auch tabu – also muss man den Betreibern eine Stilllegung anders schmackhaft machen. Im Strommarktgesetz ist der Bundesregierung die Quadratur des Kreises gelungen! Kapazitätsreserve, oder Sicherheitsbereitschaft – oder §13g nennt sich die Zahlungsverpflichtung der Stromkunden, der (k)eine Gegenleistung entgegensteht.

Stromkunden sollen für etwas zahlen, was keinen Bedarf am Markt hat. Man sagt es nur nicht, sondern gaukelt mit den Begriffen „Sicherheit“ und „Reserve“  eine teure Notwendigkeit vor, bei dem das Wahlstimmvieh einfach nicht widersprechen darf.

Nachgefragt beim Bundesministerium für Wirtschaft und Energie sowie den vier Übertragungsnetzbetreibern, zeigt, dass die Reserve nicht nutzbar ist und von Sicherheit nicht gesprochen werden kann.

§13g – Sicherheitsbereitschaft

Der Stein des Anstoßes in den Worten von EnergieWirtschaftPolitik (EnWiPo):

Kohlereserve: Ab 2016 gehen Braunkohlekraftwerke schrittweise aus dem Netz und werden vorläufig stillgelegt. Betroffen seien Braunkohlekraftwerke mit einer Leistung von 2,7 GW, was 13 % der gesamten in Deutschland installierten Braunkohlekraftwerkskapazität entspreche. Für jeweils vier Jahre könne auf diese Kraftwerke als letzte und befristete Absicherung der Stromversorgung zurückgegriffen werden.Für Sicherheitsbereitschaft und Stilllegung sollen die Kraftwerksbetreiber eine Vergütung erhalten. Die Gesamtkosten sollen sich über sieben Jahre auf 230 Millionen Euro pro Jahr belaufen. Dies werde zu einem Anstieg der Netzentgelte um rund 0,05 Cent pro Kilowattstunde führen.

Die 0,05 Cent des Anstiegs der Netzentgelte gelingen jedoch nur, wenn die durch Redispatch verursachten Folgeschäden der Braunkohleverstromung vollständig entfallen, obwohl dies bei den ausgewählten Kraftwerken nicht zu erwarten ist.

Nach dem Gesetzesentwurf ist ein Rückgriff auf die Kraftwerke in der Sicherheitsbereitschaft den Übetragungsnetzbetreibern möglich, wenn sie  10,5 Tage im Voraus den Bedarf den Betreibern anmelden.

Nachgefragt: Bundesministerium für Wirtschaft und Energie

Bereits mit den bestehenden Gesetzen existieren in Deutschland Reserven für die Stromversorgung. Diese werden per 5 Jahresplan von den Übertragungsnetzbetreibern beziffert und durch die Bundesnetzagentur genehmigt.

blog.stromhaltig wollte wissen:

Im entstehenden Strommarkt Gesetz §13g wird das Konstrukt einer „Sicherheitsbereitschaft“ eingeführt. Wie grenzen sich diese von der bestehenden Netzreserve (EnWG) ab, welche die Übertragungsnetzbetreiber mit einem Horizont von 5 Jahren bei Ihnen genehmigen lassen?

Antwort des Ministeriums:

In die Sicherheitsbereitschaft werden nur Erzeugungsanlagen überführt, die mit Braunkohle befeuert werden. Um die von der Bundesregierung gesetzte Klimaschutz-Zielmarke für das Jahr 2020 zu erreichen, werden Braunkohlekraftwerke (mit einer Gesamtleistung von 2,7 Gigawatt) ab 2016 schrittweise aus dem Markt genommen und vorläufig, für vier Jahre, stillgelegt. Für diese vier Jahre können sie sozusagen als letzte Absicherung der Stromversorgung verwendet werden (bildlich gesprochen wie der Hosenträger zum Gürtel). Danach werden die Blöcke endgültig stillgelegt. Damit werden CO2-Emmissionen im Stromsektor vermieden bzw. eingespart und ein Beitrag zur Erreichung unserer ambitionierten Klimaschutzziele in Deutschland geleistet. Sämtliche in der Sicherheitsbereitschaft unterliegen einem Vermarktungsverbot, das heißt sie dürfen ihre Erzeugung nicht an den Strommärkten veräußern. Zudem besteht ein Rückkehrverbot („no way back“), das heißt die Anlagen dürfen auch nach Ende der Sicherheitsbereitschaft nicht in den Markt zurückkehren.

Von der Sicherheitsbereitschaft zu unterscheiden ist die Netzreserve, die bereits heute existiert. Sie ist in der Reservekraftwerksverordnung geregelt und bis 2017 befristet. Mit dem Gesetzentwurf zur Weiterentwicklung des Strommarkts werden die Regelungen der Netzreserve über den 31. Dezember 2017 hinaus verlängert und die Regelungen zur Kostenerstattung angepasst. In der Netzreserve werden seitens der Kraftwerksbetreiber zur Stilllegung vorgesehene, aber nach Prüfung durch die Bundesnetzagentur für systemrelevant befundene Kraftwerke – zur Überbrückung von Netzengpässen außerhalb des Strommarktes – vorgehalten. Sinn und Zweck ist hier die Bewirtschaftung von Netzengpässen, so wird ein wichtiger Beitrag zur konstanten Versorgungssicherheit geleistet. Die Netzreserve ist zudem nicht – wie die Sicherheitsbereitschaft – nur auf Braunkohlekraftwerke beschränkt. Zudem gibt es hier keinen gesetzlich festgelegten Zeitplan für die Überführung von Kraftwerken in die Netzreserve. Vielmehr greift sie nur, wenn die Kraftwerksbetreiber die Stilllegung bei den Übertragungsnetzbetreibern und bei der Bundesnetzagentur selbst anzeigen und beide die sog. „Systemrelevanz“ (also Unerlässlichkeit für eine konstante Stromversorgung) bestätigen. Wird für ein zur Stilllegung angemeldetes Kraftwerk nach Prüfung keine Systemrelevanz festgestellt, darf das betroffene Kraftwerk stillgelegt werden. Wird die Systemrelevanz allerdings festgestellt, erfolgt eine Überführung in die Netzreserve wie oben beschrieben.

Da die vollständige Antwort des Ministeriums auch auf zentrale Fragen des Strommarktes eingeht, existiert als PDF zum Herunterladen: Rückantwort_BMWi.

Nachgefragt: Übertragungsnetzbetreiber

Angefordert wird die Sicherheitsbereitschaft durch die Übertragungsnetzbetreiber. Nur wenn diese einen Bedarf erkennen (10,5 Tage im Voraus), dann kommt es zur Aktivierung dieser Kraftwerke.

blog.stromhaltig wollte wissen: Wie schätzen Sie als Übertragungsnetzbetreiber die Notwendigkeit dieser Bereitschaft ein?

Damit Versorgungssicherheit weiterhin gewährleistet ist, soll der Strommarkt zukünftig mit einer Kapazitätsreserve abgesichert werden. Die Entwürfe von Kapazitätsreserveverordnung und Strommarktgesetz sehen vor, dass diese Kapazitätsreserve zum Ausgleich von Leistungsbilanzdefiziten (Ungleichgewicht von Angebot und Nachfrage an den Strommärkten) vorgehalten wird, die nicht durch andere Maßnahmen ausgeglichen werden können. Die Übertragungsnetzbetreiber können die Kapazitätsreserve aktivieren, wenn vorher netz- und marktbezogenen Maßnahmen ausgeschöpft worden sind (Ausnahme: wenn der Abruf schon vorher für einen sicheren und zuverlässigen Betrieb des Übertragungsnetzes erforderlich ist). (TennetTSO und 50 Hertz hat dem nichts hinzuzufügen)

Die Entwürfe von Kapazitätsreserveverordnung und Strommarktgesetz sehen vor, dass diese Reserve zum Ausgleich von Leistungsbilanzungleichgewichten bereitgehalten wird, die nicht anders ausgeglichen werden können. Die ÜNB können die Reserve aktivieren, wenn vorher netz- und marktbezogenen Maßnahmen ausgeschöpft worden sind. (Amprion und 50 Hertz hat dem nichts hinzuzufügen)

Die 10,5 Tage bereiten hier doch einiges an Kopfzerbrechen. Neben einem Krieg, Sonnenstürmen und der Multi-AKW-Versagen ist keine Idee geblieben.

blog.stromhaltig frage die ÜNBs daher: Welche Szenarien sehen Sie (Wetterlagen, Geospolitisch,…) sehen Sie für einen tatsächlichen Rückgriff auf diese Bereitschaft?

Entsprechend dem Entwurf soll die Reserve nachrangig zu Maßnahmen gemäß §13 Absatz 2 EnWG eingesetzt werden können, um eine Versorgungsstörung für lebenswichtigen Bedarf abzuwenden und wenn eine Gefährdung oder Störung der Energieversorgung eingetreten ist. (Amprion und 50 Hertz hat dem nichts hinzuzufügen)

Entsprechend dem Entwurf des Strommarktgesetzes soll die Sicherheitsreserve nur als „ultima ratio“ nachrangig zu Maßnahmen gemäß §13 Absatz 2 EnWG eingesetzt werden können, um eine Versorgungsstörung für lebenswichtigen Bedarf abzuwenden und wenn eine Gefährdung oder Störung der Energieversorgung eingetreten ist. (TennetTSO und 50 Hertz hat dem nichts hinzuzufügen)

Bei einer Technologie, die mit Lichtgeschwindigkeit funktioniert einen Zeitraum von 10,5 Tagen in die Zukunft zu sehen, erscheint etwas wie der Blick in eine Glaskugel…

blog.stromhaltig fragte lieber einmal nach: Die 10+ Tage zur Aktivierung erscheinen ein recht weiter Planungshorizont zu sein. Mit welcher Eintrittswahrscheinlichkeit können Angebot-s/Bedarfsprognosen über 11 Tage heute gemacht werden?

Die Übertragungsnetzbetreiber analysieren jährlich den grundsätzlichen Bedarf an Netzreserve für die nächsten fünf Jahre. Dies wird von der Bundesnetzagentur geprüft. Sie legt dann den Netzreserve-Bedarf fest. Für den Einsatz der Netzreserve nutzen die Übertragungsnetzbetreiber Prognosen zu Einspeisung und Wetterbedingungen, die eine Woche in die Zukunft reichen. Dabei werden diese Prognosen fortlaufend aktualisiert. Grundsätzlich ist es möglich, diese Vorschau noch eher durchzuführen, wobei hierbei natürlich die Genauigkeit weiter abnimmt. Die Einsatzanforderung richtet sich dann danach, welche Möglichkeiten des Einsatzes bei den Kraftwerken bestehen.  (TennetTSO und 50 Hertz hat dem nichts hinzuzufügen)

Jährlich wird der grundsätzliche Bedarf an Netzreserve für die nächsten fünf Jahre untersucht. Dies wird von der Bundesnetzagentur geprüft. Sie legt dann den Netzreserve-Bedarf fest. Für den Einsatz werden Prognosen genutzt, die eine Woche abdecken. Sie werden ständig aktualisiert. Die Einsatzanforderung richtet sich dann danach, welche Möglichkeiten des Einsatzes bei den Kraftwerken bestehen. Je weiter eine Prognose in die Zukunft reicht, desto ungenauer wird sie.  (Amprion und 50 Hertz hat dem nichts hinzuzufügen)

Die größte Einschränkung in der Erzeugungskapazität entsteht durch die sogenannten ungeplaneten Nichtverfügbarkeiten der konventionellen Kraftwerke. Ablesbar an der Netzfrequenz, den Handelsaktivitäten am Spotmarkt hinterlassen diese Ereignisse deutliche Spuren. In der Vergangenheit hatte es allerdings Indizien gegeben, dass man sehr wohl für einzelne Kraftwerke im Voraus erkennen kann, ob diese zufällig „ungeplant nichtverfügbar“ werden.

blog.stromhaltig wollte daher wissen: Sind ungeplante Nichtverfügbarkeiten soweit im Voraus bekannt?

Eine ungeplante Nichtverfügbarkeit ist nicht vorhersehbar. (Amprion)

Siehe vorige Antworten. (Tennet TSO)

Stromerzeugung aus Wind und Sonne ist abhängig vom Wetter.

blog.stromhaltig fragte: Ist die EE-Einspeisung über diesen Zeitraum in die Zukunft bekannt?

Alle ÜNBs bitten einen Blick auf die Antwort der 3. Frage (Die 10+ Tage…)

Fazit

Früher hatte man sich über Steuererhöhungen aufregen können, wenn die Politik etwas versemmelt hat. Heute dürfen wir uns über die Erhöhung des Strompreises aufregen. Die Betriebsgenehmigungen für die Kraftwerke sind ergangen und rechtskräftig. Schade ist, dass auch den Übertragungsnetzbetreibern scheinbar kein Szenario einfällt, bei dem man auf diesen Hosenträger zum Gürtel zurückgreifen kann. Von Seiten der Bundesregierung rühmt man sich gerne, dass man mit den Experten spricht. Beim Thema Notwendigkeit und Ausgestaltung dieser Kapazitätsreserve hat scheinbar niemand mit den Übertragungsnetzbetreibern gesprochen, die letztendlich für die Sicherheit der Stromversorgung verantwortlich sind.

Aus dem Hartz IV für Kraftwerke ist eine Abwrackprämie für Stromkonzerne geworden (nein, die Konzerne werden nicht gleich abgewrackt – lediglich 13% der Braunkohlemeiler).

Den Beitrag "Nachgefragt: Sicherheitsbereitschaft - Zwischen güldener Abwrackprämie und latenter Versorgungssicherheit offline Lesen:

Ein Gedanke zu “Nachgefragt: Sicherheitsbereitschaft – Zwischen güldener Abwrackprämie und latenter Versorgungssicherheit

  1. Vielleicht – mal ganz blauaeugig – plant die Bundesnetzagentur ja fuer mehrere neue Netzbetreiber gleich im Voraus mit?
    Die Neuen haben ja noch nicht geantwortet (weil die haben ja keine Frage gestellt bekommen) und man will ihnen ja nicht irgendwelche Vorgaben machen …

    EdF plant den Verkauf der Hochspannungsnetze in Frankreich um sich ueber den Tag zu retten, evtl. steht das ja auch in Deutschland an?!

    Braunkohle gerettet, latenten Netzbetreibern freie Hand gelassen …… wie schoen ist Panama:)

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