Eine Bürgerinitiative hat zu Werbeveranstaltung geladen, die Rhein-Neckar-Zeitung berichtet, der Leser wundert sich. Detlef Ahlborn ist Referent, Zitatenschleuder und bekennender Windkraftgegner. Der Unternehmer im Sondermaschinenbau für Bäckereien ist bereits häufiger durch seine blumigen Äußerungen wie „Windenergie schafft keine Versorgungssicherheit“ (YouTube)  und der dritten Potenz der Windgeschwindigkeit aufgefallen.

Da die Rhein-Neckar-Zeitung nicht gerade für eine dialektische Betrachtung im Lokalteil bekannt ist, soll in diesem Beitrag etwas Sekundärliteratur geliefert werden.

„Denn nach seiner Ansicht kann die Windenergie nichts zur Energiewende beitragen, und die Energiewende selbst sah er als bereits gescheitert an.“

Dieses Nichts lässt sich sehr gut an Zahlen belegen, die zum Beispiel von ENTSOe (Organisation der Übertragungsnetzbetreiber Europas) für jeden zugänglich sind.  Das Nichts war am Tag mit der geringsten Erzeugung im letzten Jahr (15.10.2015) immer noch größer als die Erzeugung eines Atomkraftwerkes. Nicht die Leistung von 18 Atomkraftwerken, die abgeschaltet werden, sondern mehr als 1. Am Tag danach hatten wir schon wieder Windstrom für 3 AKW-Äquivalente.

„Energiepolitik .. mit der die Schonung von Natur und Lebensraum oder der Erhalt der wirtschaftlichen Basis erzielt werden kann.“

Der Ort der Veranstaltung war Hirschberg. Von dort hat man einen sehr schönen Blick über die Rheinebene. Jonas Cords ist vor einiger Zeit eine sehr schöne Aufnahme gelungen über das Panorama der wirtschaftlichen Basis, Natur und Stromerzeugung.

Energie der Rheinebene (Foto: Jonas Cords)
Energie der Rheinebene (Foto: Jonas Cords)

Zu sehen sind die Schornsteine der BASF-Kraftwerke, das Großkraftwerk Mannheim, sogar Biblis kann man erahnen.  Bei guter Sicht und entsprechendem Weitwinkel lässt sich die Schönheit des Kernkraftwerks Philippsburg in südlicher Richtung ausmachen.

„Strom hat ein Problem, er muss in dem Augenblick seines Verbrauchs erzeugt werden“, erläuterte Ahlborn eine Grundregel der Stromproduktion.

Der Redner weißt darauf hin, dass man nicht nur die Erzeugung betrachten muss, sondern auch den Verbrauch. Dieser ist in der Nacht geringer als am Tage. Von einer Vollversorgung der privaten Haushalte mit Strom aus Wind und Sonne sind wir weit entfernt, wie man täglich aktuell auf der Micro-Site bewundern kann. Der bereits genannte 15.10.2015 zeigt ein sehr beängstigendes Bild, bei dem noch 55 GWh zur Vollversorgung fehlten. Man bemerke bei zeitgleicher Erzeugung und Verbrauch – ohne die Berücksichtigung von irgendwelchen Speichern.

„Denn der Wind wehe nun einmal zufällig und nicht nur stark, wenn gerade viel Strom benötigt wird.“

Wer in unseren Breiten aufgewachsen ist, der weiß wie schwierig es ist, das Wetter vorher zu sagen. Jede Sekunde müssen wir damit rechnen, dass ein Orkan auftritt, der – eine Sekunde später – rein zufällig wieder vollständig abflaut. Um etwas in den Pathos von Ahlborn zu verfallen, sei dieser Zufall am Beispiel Auto erklärt. Man steigt in den Wagen, dreht den Zündschlüssel um – und die Karre springt nicht an. Man will jetzt fahren, aber es geht nicht. Ein technischer Defekt sorgt für eine ungeplante Nichtverfügbarkeit des Autos. Es wird viel Strom benötigt, ein Defekt verhindert dies aber. Es soll vereinzelt vorgekommen sein, dass Steinkohlekraftwerke oder auch Braunkohlemeiler ein solches Schicksal widerfährt.   In der Kategorie Blackout gibt bei blog.stromhaltig  eine Anekdotensammlung.

„Wenn in Februar sich über Europa ein sibirisches Hoch einstellt, dann weht nirgendwo Wind“, verdeutlichte er die Problematik.

Ja… das Jahr 2016 war mit seinem Strommix eine bedauerlicher Einzelfall, bei dem es kein Hoch gab, welches im Winter für strahlenden Sonnensein sorgt und damit die Besitzer einer Photovoltaikanlage glücklich macht. Viel zu viele Stürme und Wetterwechsel ohne ein sibirisches Hoch verhageln die Einnahmen wegen geringer Erzeugung von Sonnenstrom.

„Das sei „Schrottstrom“, denn die Überproduktion führe dazu, dass Strom ins Ausland verkauft werden müsse.“

Wenn in Hirschberg für den Folgetag eine Schrottabholung durch die AVR angekündigt ist, dann sieht man sehr viele Sprinter mit ausländischen Kennzeichen in den Straßen. Schrott ist Schrott und hat keinen Wert. Beim Strom ist das fast gleich…

Wirtschaftlich lukrativ, denn wie Renewables International unter Berufung aus Daten des statistischen Bundesamtes meldet, kann der exportierte Strom um 6,3% teurer verkauft werden, als der importierte Strom gekauft wird. (weiterlesen…)

„Jeder der in Mathe aufgepasst hat, wird bestätigen, dass sich die…

„Teilweise werde dafür sogar eine „Entsorgungsgebühr“ fällig.

… durchaus rechnen. Nur eben nicht für den kleinen Stromkunden – aber das ist ein anderes Thema.

 Die Schöpfungshöhe von Herrn Ahlborn erreicht ihre Spitze bei der Thesen-Bebilderung „Bodensee“:

„Um eine Windflaute von drei Wochen abfangen zu können, müsste das Wasser des Bodensees 300 Meter hoch gepumpt werden“

Die Vision, welche dem Vodenker scheinbar bei seiner Berechnung gekommen ist, beruht auf der Integration des Zweckverbandes Bodensee-Wasserversorgung in die Stromversorgung. Auf den 310 Meter über dem See liegenden Sipplinger Berg wird bereits seit 50 Jahren das Trinkwasser vieler Kommunen in Süddeutschland gepumpt. Pumpen, die bislang mit dem konventionellen Strommix betrieben wurden und somit der Wasserversorgung einen CO2-Ausstoß anheften.

Die schon fast geniale Vision wird allerdings durch den ersten Satzteil zur Halluzination. Eine drei Wochen andauernde Windflaute lässt sich in den Wetteraufzeichnungen bislang nicht finden.Berücksichtigt man diese Eventualität bei der Definition von Versorgungssicherheit, dann müssten wir uns auch um Tatsachen mit geringerer Eintrittswahrscheinlichkeit Gedanken machen.  Bei der Klimakonferenz reden wir zum Beispiel immer von einem 2 Grad-Ziel bei der maximalen Erwärmung – nehmen wir mal nur 1 Grad an, dann wird es hinter dem Bodensee bald eng. Abschaltungen thermischer Kraftwerke sind die Folge, welche deutlich länger andauern würden als 3 Wochen.

Bei aller Polemik kann nicht jede Berechnung auf ihre Gültigkeit geprüft werden. Es ist wahrscheinlich dem Redakteur der Rhein-Neckar-Zeitung geschuldet, dass man folgendes nicht ganz nachvollziehen kann (ein Link auf die Studie würde hier helfen..):

Um schließlich zu zeigen, dass eine hundertprozentige Versorgung mit regenerativen Energien gar nicht möglich sei, zog er Berechnungen des Fraunhofer Instituts in Freiburg heran, nach denen durch Windkraftwerke 200, durch Fotovoltaik 252 und durch Biomasse 50 Gigawatt an Strom produziert werden müssten.

Es ist die Rede von Gigawatt nicht Gigawattstunde: 200 GW+252 GW+ 50 GW =  502 GW – Laut Echtzeitanzeige des Stromverbrauchs in Deutschland  brauchen wir zum Zeitpunkt, wo dies geschrieben wird: 73 Gigawatt. Wahrscheinlich will man aber in Gigawatt-Stunden basierend auf sogenannten Volllaststunden hinaus. Eine etwas sinnlose Mittelwertberechnung, welche mit Jahreswerten und nicht mit tatsächlichem Dargebot ermittelt wird. Anschaulich wird dieses Missverhältnis, da Volllaststunden eine Wahrscheinlichkeit ermitteln, dass die Sonne in der Nacht mit voller Kraft scheint (nach dieser Berechnung übrigens mit einer Wahrscheinlichkeit von 1 zu 10). Die Sonne scheint zumindest in unseren Breiten nicht in der Nacht, weshalb man mittlerweile mit Rollen arbeitet. Photovoltaik (Sonnenenergie) gibt es am Tage, wenn auch die Industrie sehr viel Strom benötigt. Stürme gibt es eher am Abend und in der Nacht …

„Die Energiewende ist gescheitert, und zwar an den Gesetzen der Physik, der Statistik und der Ökonomie“, so Ahlborns Fazit.

Bevor der Eindruck entsteht, dass hier bei blog.stromhaltig von einer Super-Duper-Energiewende-Welt ausgegangen wird: Nein! Gerade der Netzbetrieb muss vollständig umgebaut und in weiten Teil sogar neu „erfunden“ werden.  Viele Fehlentwicklungen, die es bei der finanziellen Ausgestaltung und Abschöpfung des EEG in der Vergangenheit gegeben hat sind zu korrigieren. Der Aspekt des „Dezentralen“ wird nicht nur physikalische Wirkung zeigen.

Noch 2 Tage sind Zeit, damit sich die Bürger von Hirschberg bei der Veranstaltung Voller Energie 2016 von Metropolsolar anmelden können. Es darf gespannt sein, was die Rhein-Neckar-Zeitung darüber schreiben wird.

Den Beitrag "Rhein-Neckar-Zeitung im Gegenwind - Hirschberg kontra Energiewende offline Lesen:

Ein Gedanke zu “Rhein-Neckar-Zeitung im Gegenwind – Hirschberg kontra Energiewende

  1. Der Herr Zoerner hat offensichtlich viel zu viel Zeit, so dass er sich mit „Argumenten“ von Personen auseinandersetzen kann, die von Energie exakt so viel verstehen wie der Ameisenbär von der Luftfahrt.
    Danke dafür. Habe sofort den Lokalteil der Rhein-Neckar-Zeitung aus dem Regal geschmissen, in dem die Fachliteratur steht.

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