Wie bei allen Meldungen des BDEW, wird man als Otto-Normal Stromkunde erst einmal denken: „Was interessiert es mich?“. Viele Medienvertreter folgen dieser Lethargie der Kritiklosigkeit und schließen sich lieber dem bequemen Bild an: „Gebt ihnen was sie fordern, dann sind sie zufrieden…“. Tressiert darauf, dass bei den Stromkosten oder Ausfällen der BDEW einem hilft, die Ursache auch hier irgendwem anders in die Schuhe zu stecken.

In der aktuellen „Presseinformation“ nennt der gemeinnützige Zwergenverein der „Wir sind Einprozent der Stromerzeugenden Unternehmen“ – BDEW – eine Tatsache der Industrialisierung als „Notfall“. Ein differenzierungsfreier  Taschenspielertrick hilft der Elektro-Lobbygruppe im Vorzimmer des Bundes-Wirtschaftsministeriums den Bürgern und Unternehmern immer mehr Geld aus der Tasche zu ziehen.

Historische Entstehung – Der erste Redispatch

Zunächst gab es Fabriken, diese benötigten Strom (und Dampf), damit die Maschinen liefen. In der Nacht konnte dieser Strom auch den Bürgern zur Beleuchtung zur Verfügung gestellt werden. Die Städte mit viel Industrie wurden zuerst elektrifiziert. Viele Inseln entstanden, welche eine Schwäche hatten: In jeder musste soviel Strom erzeugt werden, wie exakt zum gleichen Zeitpunkt auch verbraucht wurde.  Die Folge waren, dass der nun lieb-gewonnene Elektronenfluss aus dem Kabel in der Wand recht instabil war. Abhilfe schaffte die Vernetzung, wodurch das Gleichgewicht deutlich einfacher erreicht werden konnte. Doch die Leitungen zwischen den Inseln hatten eine maximale Belastung, die nicht überschritten werden durfte.  Ein sogenannter Redispatch musste durchgeführt werden.

Ein Redispatch ist eine Maßnahme des Engpassmanagements, bei dem die maximale Belastung einer Leitung dadurch reduziert wird, dass man umverteilt. In Flussrichtung (Quelle) soll weniger in den Strom eingespeist werden, in Verlauf muss dann der Zufluss wieder erhöht werden, so dass am Ende die gleiche Menge wieder gleich ist. Eine Maßnahme, die man sich mit Flüssen, Quellen sowie Zu/Abflüssen  wirklich sehr gut bildlich vorstellen kann. Heute wird der Begriff verwendet, um die Eingriffe zu beschreiben, die Netzbetreiber vornehmen, wenn der Stromhandel vertraglich „Quellen“ aushandelt, an denen von der Natur keine Flüsse oder Bäche vorgesehen sind.

Zu Zeiten der ehemaligen DDR war Bitterfeld eine blühende Industriestadt (Video Empfehlung: Schwarze Pumpe – 60 Jahre unter Strom). Was damals das „Waschpulver umsonst“ waren, zahlen die Stromkunden heute mit den Redispatchkosten. Die Insel des Braunkohlestroms wurde nie (ausreichend) an das europäische Stromnetz angebunden und so kommt es wie es kommen muss: Notall Engpassmanagement.

Presseinformation des BDEW

Berlin, 29. Januar 2016 – Anlässlich der heutigen Beratung des Strommarktgesetzes im Bundestag fordert der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft einen angemessenen oder besseren Ausgleich der Kosten für Notfallmaßnahmen der Kraftwerksbetreiber zur Stabilisierung des Stromnetzes (Redispatchkosten).

Die Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung, Hildegard Müller, sagte: „Die Unternehmen werden gezwungen, große Kraftwerke kurzfristig an- und abzuschalten, um das Stromnetz stabil zu halten. Mit der jetzt von der Bundesregierung vorgeschlagenen Regelung soll den Kraftwerksbetreibern aber nur ein Teil der Kosten dafür ersetzt werden. Das ist für die Branche nicht nachvollziehbar.

Das Oberlandesgericht (OLG) Düsseldorf hat sich bereits in der Vergangenheit Gedanken zu einer fairen Vergütung von Redispatch-Maßnahmen gemacht. Im April 2015 hatte es eine Beschränkung der Vergütung auf einen Auslagenersatz als nicht zulässig angesehen. Das OLG nannte zahlreiche Kostenarten, die zu erstatten seien. Der Vorschlag der Bundesregierung greift das aber nicht nur nicht auf sondern führt darüber hinaus zu einer systematisch zu geringen Vergütung. Es ist unverständlich, dass die Bundesregierung die Grundsatzentscheidung des Gerichts außer Acht lässt.“

Die aktuellen Zahlen zum Redispatch machen laut Müller deutlich, warum eine angemessene Vergütung dringend notwendig ist. „Redispatch-Maßnahmen haben in den letzten Jahren rasant zugenommen. Während im Jahr 2010 insgesamt 306 Gigawattstunden (GWh) ‚redispatcht‘ wurden, betrug die Gesamtarbeit im Jahr 2015 bereits über 11.000 GWh“, sagte Müller.

Desto günstiger der Börsenstrom, desto mehr Braunkohle im Mix

War im Jahre 2010 der Strompreis noch relativ hoch an den Strombörsen, so ist er nun deutlich niedriger. In der Folge ist es für teurere Kraftwerke nicht rentabel ihren Strom dort zu verkaufen, weshalb für die günstigeren Quellen mehr Platz bleibt. Strom aus Braunkohle ist dank lukrativer EEG-Befreidungs-Subvention sehr günstig… . Die Grünen fordern daher die Logik des Strommarktes vollständig umzudrehen, wie man bei EnWiPo nachlesen kann.

Kombiniert man die historische Entwicklung mit einem niedrigen Börsenstrompreis, dann kommt man sehr schnell auf die scheinbar explodierenden Mengen an Redispatch. Ob es mit den Kosten tatsächlich im gleichen Umfang ist, sei einmal dahingestellt. Schließlich darf jeder selbst bewerten, wenn jemand eine Quelle erschlossen hat, deren Wasser verkauft – ohne es transportieren zu können. Ist die Allgemeinheit dann dafür verantwortlich?

Am 11.04.2014 hatte blog.stromhaltig  unter der Überschrift „Auch Speicher will gelernt sein“ einen Beitrag über einen ganz speziellen Redispatch geschrieben. Frage: War dies ein Notfall? Wurden solche Fälle aus den Zahlen des BDEW herausgerechnet? Laut Presseinformation wird auf die Gesamtarbeit 2015 geschaut. Hier im Blog ist man auf eine etwas andere Zahl gekommen,  was aber nicht weiter schlimm ist. Die Frage ist viel eher, wo die Not tatsächlich besteht.

Dezentrale Stromerzeugung – Gescheitert?

Der BDEW zeigt in seiner Presseinformation nicht nur, wie man das Normal der „Industrialisierung“ plötzlich zum Notfall umdefinieren kann, sondern auch, wie gescheitert eigentlich der Gedanke einer dezentralen Stromerzeugung ist.

Wenn mein Nachbar eine Solaranlage auf dem Dach hat, deren Überschüsse in das Stromnetz eingespeist werden, diese dann von mir abgenommen werden, dann benötigt man dafür keinen Redispatch. Solche bedauerlichen Einzelfälle treten in Deutschland auch an bewölkten Tagen etwa 1,2 Millionen mal auf. Wenn das Windrad auf dem Feld der Nachbargemeinde in der Nacht dreht, dieser Strom bei mir dafür sorgt, dass Kühlschrank und Telefon weiter ihre Dienste verrichten, dann benötigt dies auch keinen Redispatch. In der Logik des BDEW: Es liegen keine Notfälle vor :)

Es mag vielleicht für den einen oder anderen schockierend sein, aber die Netzverluste zeigen, dass der Strom immer kürzere Wege zurücklegt. Nicht mehr das entfernte Atomkraftwerk macht die Fernseher hell, sondern lokal erzeugter Strom. Die Redispatches heute dienen nur dazu, dass veraltete Kraftwerke nicht (ohne Entschädigung) gedrosselt werden.

Fazit

Im Jahre 2016 lässt der BDEW außer acht, dass die Stromkunden nicht die Verursacher sind, sondern die Presseinformationen und die Arbeit der Mitglieder des Branchenverbandes, welches die Redispatches verursachen und die Kosten in die Höhe treiben lassen.

 

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