In den vergangenen Tagen zog das Sturmtief Iwan über Deutschland hinweg. Wegen einer räumlich sehr unvorteilhaften Konzentration der Windkraftanlagen im Norden und einem fehlenden Ausbau im Süden, bringt ein solches fast jährlich auftretende Wettererscheinung das Stromnetz etwas durcheinander. In anderen Worten, die Stromnetzbetreiber müssen für ihr Geld auch mal etwas arbeiten und nachdenken. Bei einem Sturmtief ist der Netzbetrieb eben nicht nur passiv auf die Anzeigen schauen und ansonsten einen Kaffee auf Kosten der Stromkunden genießen.

Tennet ruft den Notstand aus…

„Sowohl die Eingriffe in die konventionelle als auch in die erneuerbare Erzeugung sind Notmaßnahmen“, betonte Urban Keussen, Vorsitzender der Geschäftsführung der Tennet TSO GmbH: „Sie sind nicht geeignet, die Versorgung auf Dauer zu sichern.“  (Quelle: Wetzels Welt)

Es ist schon eigenartig, dass man im Jahrestakt bei den ersten Stürmen immer den Notstand ausruft, jedoch unterjährig fast nichts zum Thema hört. Schaut man dann noch auf die Ausbauzahlen der Windkraft in den letzten 24 Monaten, dann fragt man sich schon, wie viel Superlativ man heute benötigt, um in die Zeitung zu kommen. Eine einfache Meldung ohne Dramaturgie hätte es wahrscheinlich nicht in die Welt geschafft. Ja, der große Iwan war bislang der kräftigste Sturm des aktuellen Winters, aber müssen es gleich Notmaßnahmen sein? Was für ein Bild wirft dies auf die so gerne propagierte Versorgungssicherheit in Deutschland? Helfen uns da etwa Braunkohlekraftwerke, die in 11,5 Tage wieder ans Netz gehen könnten?

Die Netzttransparenz Seite der vier Übertragungsnetzbetreiber nennt 102 Eingriffe in die Kraftwerksfahrpläne in der Tatzeit vom 17.11.2015 bis zum 19.11.2015.  Ein um etwa 1/3 höherer Wert, als dies in einem anderen 3 Tageszeitraum üblich ist. Abgeregelt wurde vor allem in der Lausitz die Braunkohle und erhöht wurde Staudinger, Irsching, Rhein-Dampfkraftwerk-Karlsruhe sowie die Vorallberg Illwerke. Allein aus dieser Liste kann man schon erkennen, dass Iwan eine durchaus positive Auswirkung auf die Bilanz der Treibhausgase hatte.

Grund der Maßnahme Wirkleistungseinspeisung erhöhen Wirkleistungseinspeisung reduzieren Gesamt Ergebnis
Strombedingter Redispatch 74.971 MWh 174.650 MWh 249621

Der extreme Unterschied zwischen den „Erhöhungen“ und den „Reduktionen“ ist ein Thema, welches die Bilanzjongleure der Netzbetreiber und Stromhändler einmal durchdenken sollten, aber besorgniserregend ist an diesen Zahlen erst einmal nichts.

Auf der einen Seite sorgt Iwan zwar für etwas Abwechslung im Betrieb, auf der anderen Seite ist in Deutschland noch recht viel Potential zur Regelung vorhanden.

Für den 18.11. melden die Netzbetreiber den folgenden Strommix:

Energieträger Anteil am 18.11.2015
Biomasse 5%
Solar (Photovoltaik) 3%
Wind (Onshore) 39%
Wind (Offshore) 3%
Laufwasser 3%
Pumpspeicher 1%
Steinkohle 6%
Braunkohle 16%
Erdgas 5%
Nuklear 14%

Ja, die 16% Braunkohle sind beachtlich – und die Stromerzeugung aus Steinkohle kam trotz der Anforderungen zum Erhöhen lediglich auf magere 6% (normal > 30%).

(Beitragsbild Unsplash @ pixabay)

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4 Gedanken zu “Review: Sturmtief Iwan kreuzt das Stromnetz

  1. Hallo Herr Zoerner,

    ich finde es sehr interessant, dass zum ersten Mal seit Einführung der Kraftwerksreserve gem. ResKV ein Teil dieser Kraftwerke (0,2 bis 2 GW darunter zeitweilig auch Gas- u. Öl-KW in Österreich) seit weit über 1 Woche (ab dem 09.11.2015) ununterbrochen in Betrieb ist. Die für den Winter 2015/16 gem. ResKV auf rechtliche Anordnung der Bundesnetzagentur vertraglich gebundene Kraftwerksleistung beträgt 6 GW, wobei sie im letzten Winter noch bei nur rund 3 GW lag.

    Was denken Sie, warum der Betrieb der Reservekraftwerke erstmalig schon solange andauert (diese sind bisher noch niemals bei Sturm benötigt worden) und warum man für 2015/16 insgesamt 6 GW Leistung angemietet hat?
    Abschaltung KKW Grafenrheinfeld in 2015?
    Zubau + Anschluss von 3 GW off-shore und knapp 4 GW on-shore an WKA in 2015 in Nord- und Mitteldeutschland?
    Fehlende Nord-Süd-Stromleitungen?
    Haben Polen und Tschechien ihre Phasenschieber aktiviert??
    Warum leistet die in Süddeutschland installierte gigantische PV-Kapazität von rund 25 GW keinen Beitrag zum Redispatch??, da doch immer behauptet wird Wind u. PV ergänzen sich ideal??
    Allein dieser jetzt bald zweiwöchige Betrieb der Reservekraftwerke wird den Stromverbraucher mit weit über 500 Mio. € belasten. Die Kosten wird jeder dann in den steigenden Netzentgelten wiederfinden, aber das verstehen die allermeisten Verbraucher ja eh nicht.

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  2. Hey Bertl,

    magste uns mal verklickern wieso eigentlich die Bayern seit 9 November kontinuierlich 5-6 GW zu den Ösis rüberschicken? Was willst Du uns vor dem Hintergrund mit den läpischen 0,2-2 GW angeforderten Reservekapazitäten sagen, außer dass die Ösis zu wenig eigene Erzeugungskapazitäten haben (zu niedrige Pegelstände in den Saisonspeichern in der Aussage subsummiert.) Tja, die Schluchtenscheißer haben wohl ebenso offensichtlich wie die Bayern noch zu wenig Windradln, um bei einem Sturmtief ausreichend „Gegendruck“ in den Netzen zu erzeugen.

    Polen und Tschechien haben übrigens noch keine Phasenschieber installiert, die werden erst 2017 in Betrieb gehen. Aber auch so ist der Import/Export mit diesen beiden Ländern verbnachlässigbar gering. Aber für diejenigen die es genau nehmen, Wir haben von den Tschechen wurde während Heini/Iwan strom von den Tschechen importiert und zu Polen gab es eine Flatline. Damit dürfte sich die Geschichte vom nach Polen und Tschechien drückenden Windstrom ins Reich der Ammenmärchen wandern.

    Bevor dubiose Theorien auftauchen, ich rede hier nicht von Handelssalden, sondern Lastflüssen an den Kuppelstellen.

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