„OT“ steht für Off-Topic. Ein Thema, welches nichts mit dem Strommarkt oder Netz zu tun hat, obwohl es mich persönlich die letzten Tage immer mehr unter Strom setzt. Nachdem ich meine anderen Blogs aufgegeben habe, ist hier der einzige Ort für einen Leserbrief an die Welt. Nein, an Deutschland.

Es vergeht keine Nachrichtensendung ohne eine neue Meldung zum Thema Flüchtlingen. Der Begriff „Willkommenskultur“ ist sogar bei meinem französischen Chef angekommen und macht auch etwas stolz, was wir Bürger gerade leisten. Wir Bürger – nicht aber Teile der Politik:

Wenn jemand nicht mit dem Grundgesetz zufrieden ist und dieses ändern will, dann sollte man ihn doch vom Verfassungsschutz kontrollieren lassen und zumindest ein Berufsverbot als Politiker aussprechen? (Facebook Status zu Reuters Meldung)

Eine diffuse Gedankensammlung…

Wenn Europa und Deutschland tatsächlich die Hürden für Flüchtlinge anhebt, dann verringert dies nicht den Wunsch zur Flucht, sondern spült lediglich mehr Geld in Kassen von Schleußern und allen anderen, die gegen Geld den Weg frei machen.  Betrachtet man den 9. November 1989 in Deutschland, dann sieht man, dass der Wunsch vorhanden war – allerdings die Möglichkeit fehlte. Man sieht allerdings auch, dass kein Regime es schafft die Bevölkerung vollständig auszublenden oder sogar zum Feind zu machen.

Ein sehr geschätzter Bekannter von mir fragte in der Nacht, als wir auf die Budapest Flüchtlinge warteten, wieso man nicht Kreuzfahrtschiffe direkt in die Herkunftsländer schickt, und die Flüchtlinge abholt? Man würde sofort allen kriminellen Elementen die Grundlage entziehen. Ist die Hürde zur Flucht gering, so geht auch eine Signalwirkung an die Verursacher der Fluchtgründe. Dabei ist es eigentlich egal, ob es sich um Verfolgung oder wirtschaftliche Gründe handelt. Wirtschaftliche Not entsteht, wenn ein Staat nicht funktioniert. Wenn es Korruption gibt und eine (kleine) Elite die Reste einer Volkswirtschaft ausbeutet.   Doch auch diese Volkswirtschaft braucht „Human Resources“ – auch wenn ich diesen Begriff hasse, so zeigt er doch, dass ohne Bevölkerung nichts geht – auch nicht der Erhalt eines Elitestatus.

Verlässt jemand Deutschland, dann senden wir ein Kamerateam hinterher und produzieren eine weitere Folge von „Goodbye Deutschland“ auf VOX. Kommen Amerikaner, Briten, Franzosen oder andere nach Deutschland, dann gibt es zur Belohnung eine Arbeitserlaubnis. Die einen Flüchten, die anderen wandern aus. Aber: Sind nicht alle Menschen gleich? – Was interessiert uns als Land, was vorher gewesen ist? Jeder, der kommt fängt in Deutschland von neuem an.

Eine motivierte Integration ist deutlich günstiger als eine demotivierte Integration. Die vielen ehrenamtlichen Helfer, die entweder bei einer der Hilfsorganisationen, oder in ganz neuen Gruppierungen die „Willkommenskultur“ demonstrieren, bekommen ein großes Problem, denn sie werden von der Abschottungspolitik ausgebeutet. Es ist nicht die tatsächliche Tätigkeit in einer der Unterkünfte, die demotiviert. Es ist das Kopfschütteln, wenn einmal in aufgebaute Feldbetten über Nacht in eine andere Sporthalle gebracht werden müssen, obwohl abzusehen gewesen ist, dass der Schulsport wieder anfängt. Die Idee mit den Kreuzfahrtschiffen hat den Charm, dass man 2 Wochen Vorlauf hat, die genutzt werden können. Keine Nachtschicht im Akkord, sondern relaxed mit einer Pizza vom Lieferdienst am Mittagstisch.

Die aktuelle Verteilung sieht vor, dass zum Beispiel das Land Baden-Württemberg 13% der Flüchtlinge bekommt. Wir wissen heute schon recht genau, wie viele Menschen sich in Afghanistan, Syrien oder auf dem Balkan auf den Weg machen. Eine Woche bis zu einigen Monaten, bevor sie tatsächlich hier ankommen. Kommunen, die am Verteilungsschlüssel optimieren, beuten vorsätzlich die Helfer aus. Gleiches gilt natürlich auch für Bundesländer, Staaten oder ganz Europa.

„Was das alles kostet?“  – wurde ich in einem vorwurfsvollen Tonfall gefragt. Als Spitzenverdiener muss ich sagen, dass ich wirklich einiges an Steuern zahle. Aber: sind meine Steuern deshalb gestiegen? Werden meine Steuern in den kommenden Jahren deshalb steigen? Und wenn sie steigen, kann ich mir dann weniger leisten? – Auch in den letzten Jahrzehnten hat Deutschland einiges an Völkerbewegung mitgemacht, zu Zeiten bei denen die Wirtschaftskraft deutlich schlechter war. In meiner Branche, aber auch in vielen anderen Branchen, brauchen wir Zuwanderung, wenn wir nicht irgendwann ohne „Human Ressources“ dastehen wollen.

Die Welt verändert sich ständig. Pelzig hat dies in seiner Sendung am Dienstag sehr schön herausgearbeitet. Veränderungen funktionieren dann am besten, wenn man selbst ein Bestandteil der Veränderung wird. In der Mathematik nennt man dies „integrieren“.

  • Wohnungsbau stärken
  • Lehrer ausbilden
  • Infrastruktur anpasssen
  • Ziele definieren und nicht Hürden

Klar kostet dies Geld! Wird dies aus Steuern bezahlt, so fließt dies auch wieder in weiten Teilen zurück an den Staat. Die ehrenamtlichen Helfer sind eine enorme Schatztruhe, deren Belohnung in einer großen Einzahlung auf das Motivationskonto gelingt. Wo sind die Leitfiguren geblieben, die verstanden haben, wie man motiviert?

Nach einer Nacht des Auf- und Umbauens stand am letzten Sonntag morgen plötzlich ein neuer Mitbürger vor mir und hatte ein LeipzigAir Shirt an, welches ich nur zu gut kannte. Was in diesem Moment durch meinen Kopf ging, wünsche ich jedem! Es zeigt, dass „es“ funktioniert.

Deutsches Grundgesetz – Grundrechte

Artikel 1

(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.

(3) Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.

Artikel 2

(1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.

(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.

Artikel 3

(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.

(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.

(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

Von der Bergpredigt über die Fünf Silas  bis zu vielen anderen Regelwerken gibt es für einen Staat etwas, was von der Veränderung auszuschließen ist. Es ist die Verfassung – sozusagen das Grundmanifest der Kultur.  Kein hipper Schreibstil, kein Sensationsgehalt, wenn wir über Flüchtlinge reden, dann sollten wir zuerst unter den alten Mitbürgern den Konzens finden, dass wir uns an diese Regeln halten.

Abschließend noch eine Beobachtung, die gegen die Vorgaben zur Kommunikation vieler Hilfsorganisationen geht. Sobald von „Die“ die Rede ist, wenn es um Neubürger geht, kommt meist ein mit Vorurteilen angereicherte Stereotypen-Darstellung.  Sobald die Helfer als Botschafter aus der Anonymität kommen, verstummen die Gespräche und der bekannte Ausschnitt von 1,2 Meter Bildschirmdiagonale der Weltordnung, wird durch reales Erleben ersetzt. Vorurteile haben eine Plattform, auch wenn manch Götterbote lieber im Verborgenen geblieben wäre. Die Willkommenskultur ist noch wenig organisiert  und braucht mehr Botschafter der Willkommenskultur.

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