Warum wehren sich Nachbarländer gegen Strom Made-In-Germany? 1

Warum wehren sich Nachbarländer gegen Strom Made-In-Germany?

Unter dem Titel Nachbarländer wollen deutschen Strom blockieren reiht man im Fachmagazin Die Welt die Begrifflichkeiten Blackout, Erneuerbare Energie und EU-Stromnetz geschickt zu einer German-Angst zusammen. Durch Kalina Oroschakoff werden uns die Beweggründe der europäischen Wut-Nachbarn gezeigt:

Tschechien, Polen, die Niederlande, Belgien und Frankreich haben darunter zu leiden

und weiter

Während die EU-Kommission auf eine Integration des europäischen Energiemarktes dringt, wird derzeit offenbar, welch unerwartete Konsequenzen der Boom erneuerbarer Energien bei anfälliger Infrastruktur und inkonsistenter Zusammenarbeit innerhalb der EU haben kann.

Strom wird gehandelt, es steh jedem Käufer frei, ob er Strom aus Frankreich, Deutschland oder Tschechien kauft. Wo liegt hier tatsächlich das Problem? Zwingt man die Nachbarstaaten den Strom aus Deutschland zu kaufen? Verschenken wir ihn tatsächlich an unsere Nachbarn? – Will man hier physikalisch etwas gegen Blackout unternehmen, oder nicht eher den freien Handel in Europa kritisieren?

In den letzten 4 Jahren ist Deutschland zum Primus in Sachen Stromexport erwachsen. Bereits ein Jahr nach der ersten Stilllegung eines Kernkraftwerkes in Deutschland wurde in der Bilanz wieder ein Plus geschrieben. Dies führt dazu, dass importierter Strom aus Deutschland in Frankreich günstiger ist, als französischer Strom.

Deutschen Strom kann man an den Spotmärkten kaufen. Die EPEXSpot ist im Jahre 2013 dazu übergangen, eine sogenannte Preiskopplung einzuführen (vergl. Beiträge zu PCR). Vereinfacht beschrieben, werden von einem Land die Strommengen im Markt eines anderen Landes so lange zugänglich gemacht, bis die physikalisch vorhandenen Netzkopplungen ausgeschöpft wurden. Dies sorgt dafür, dass bei einem hohen Angebot von günstigem Strom aus Deutschland der Preis auf den Spotmärkten der Nachbarländer solange zurückgeht, bis es keine Leitungskapazitäten mehr gibt. Eine Überlastung – oder sogar ein Blackout – wie ihn Oroschakoff sehen will, kann es so eigentlich nicht geben.

„Der Strom sucht sich seinen Weg.“

Es ist richtig, dass der physikalische Strom durchaus seinen Weg sucht. So wird besonders in Grenzregionen tendenziell mehr Strom aus dem Nachbarland zur Verfügung stehen, als in anderen Ländern. Viel zu oft werden jedoch sogenannte Ringflüsse als Kritikpunkt angeführt. Ein typisches Szenario soll sein, dass im Norden von Deutschland ein Überangebot von Strom besteht, der dann nach Polen exportiert, über die Slowakei und Tschechien im Süden von Deutschland wieder importiert wird. Auf dieser über 1000 Kilometer langen Strecke soll ein Netzverlust von 0% bestehen (?). Es mag schockierend klingen, aber dieser Superleiter wurde bislang noch nicht erfunden. Tatsächlich wird es wohl eher so sein, dass der Strom aus Norddeutschland ein grenznahes Kraftwerk verdrängt, dieses muss seine Strommengen auf einem südlicheren Absatzmarkt an den Verbraucher bringen. Dies geht weiter, bis man letztendlich wieder in der Süddeutschen Grenzregion (auch bekannt als Bayern) ankommt.

 Würde in Bayern kein Absatzmarkt bestehen – oder die lokal erzeugten Strommengen günstig genug im Wettbewerb sein, dann käme aus nicht zu einem Re-Import oder einem idealistischen Ringfluss.

Im klassischen Handel würde man Zölle einführen, wenn man die lokale Wirtschaft schützen möchte. In Polen zum Beispiel ist die Stromerzeugung meist in staatlicher Hand – es ist ein Leichtes, den Erzeugungspreis in Bahnen zu bewegen, welche der polnischen Industrie eine lokale Beschaffung näher bringt.  Zölle oder Subventionierung müssen allerdings auf nationaler Ebene bezahlt werden, was die Gesamtkosten für Industrie erhöht. Dann doch lieber auf günstigen Strom Made-In-Germany zurückgreifen. Können wir uns noch an die niederländische Alu-Firma Adel erinnern, die vor ihrer Pleite einen Anschluss an das Stromnetz in Deutschland suchte?

Wo liegt das eigentliche Problem? Wenn Strom aus Deutschland über den Handel die Erzeuger bei den Nachbarn unter Druck setzt, dann fließt auch Geld aus den Nachbarländern nach Deutschland. Dieses Geld steht nicht für notwendige Investitionen der Nachbarn zur Verfügung. Wir wissen aus unserer eigenen Vergangenheit, dass im heutigen Preis die Endlichkeitskosten nicht eingepreist sind. Kosten für die Reaktorsicherheit, Erschließung von Endlagern und der Rückbau der Kernkraftwerke, können nicht aus Rücklagen gedeckt werden.

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