„Weitere 9 Kraftwerke sollen vom Netz gehen“ lautete die Nachricht in den Tagesthemen des Montag-Abends. Eine wirtschaftliche Entscheidung der Betreiber, die man vielleicht verstehen kann, vielleicht auch Fragen der Versorgungssicherheit aufwirft. Nach dem ursprünglichen Plan einen Kapazitätsmarkt zu schaffen, geht der Trend jetzt zur Kapazitätsreserve. Versorgungssicherheit und Kapazitätsreserve wollen allerdings nicht entkoppelt betrachtet werden, denn letztendlich sollen genau die Kraftwerke, die sich in der „Reserve“ befinden dann einspringen, wenn es dem Markt nicht gelingt die Versorgung zu sichern.

Stellen wir uns einige Minuten vor, wir sind Betreiber eines Kraftwerks….

Mit der Kapazitätsreserve will sich das BMWi einen Gürtel zum Hosenträger gönnen, der letztendlich als doppelte Absicherung auf Kosten der nichtprivilegierten Stromkunden bezahlt wird. Möglichst schwer/teuer soll es sein, wenn diese Kapazitäten tatsächlich benötigt werden. Die Bilanzkreisverantwortlichen, also diejenigen die tatsächlich den benötigten Strom für die Stromkunden einkaufen, müssen ihre Bilanz glattstellen (koste es was es wolle). Wenn kein Strom für einen bestimmten Lieferzeitpunkt eingekauft wurde – und die Stromkunden dennoch verbrauchen – dann haben die Bilanzkreisverantwortlichen ein Problem.

Was mache ich als Kraftwerksbetreiber?

Zunächst ein langes Gesicht, wenn 100% des Strombedarfs aus Erneuerbaren-Quellen kommt. Diese sogenannten EE-Strommengen müssen am Spotmarkt verkauft werden – egal wie teuer oder billig. Von dieser Strommenge geht somit kein direktes Preissignal aus.

Freude kommt auf, sobald die Strommengen aus Erneuerbaren nicht mehr ausreicht. Am Sonntag den 23.08.2015  musste zur Deckung der privaten Stromnachfrage in den Abendstunden auch andere Kraftwerke eingesetzt werden. Diese Information ist öffentlich und steht dem Bilanzkreisverantwortlichen und dem Kraftwerksbetreiber zur Verfügung.  Selbstverständlich kann der Kraftwerksbetreiber nun zum gleichen Preis sein Angebot machen, wie die Erneuerbaren. Ob damit die Brennstoffkosten gedeckt werden, ist dem Markt egal. Er kann aber auch warten, bis die Bilanzkreisverantwortlichen kaufen müssen. Zu jedem Preis, der unterhalb des „Reservepreises“ ist, kann der Betreiber nun den Martk-Räumen. Die Versorgung ist sichergestellt – der Betreiber freut sich, da er deutlich mehr Einnahmen verzeichnen konnte.

Beim aktuellen Ausbaustand von Wind- und Sonnenkraftwerken, kann etwa 1/4 des Strombedarfs aus diesen Quellen gedeckt werden. Entsprechend häufig kommt es zu der Situation, bei der ein Käufer auf dem Markt unbedingt kaufen muss – und jedes Angebot (unterhalb der Strafe für den Rückgriff auf die Reserve) annehmen wird.

Was wird im Strommarkt 2.0 (mit Kapazitätsreserve) wahrscheinlich passieren?

Einige Bilanzkreisverantwortliche werden aus Angst vor hohen Strompreisen eine deutlich längerfristigere Beschaffungsstrategie wählen. Auf dem Terminmarkt dreht sich dadurch der aktuelle Trend zu Preisen ähnlich dem Spotmarkt, hin zu deutlich höheren Preisen. Angst  muss eben bezahlt werden.

Da es Aufgabe eines Marktes  ist, die Investitionen der Betreiber zu sichern, fließt mehr Geld in den Terminmarkt – weniger Geld in den Spotmarkt.  Der Terminmarkt besitzt allerdings keine „Ökostrom“-Produkte. Stromerzeugung aus Windkraft und Solarenergie erhält weniger Kapital zur Refinanzierung. Mehr Kapital fließt in die Terminmärkte – und damit auch an Betreiber der Kraftwerke, die nicht die in Kapazitätsreserve aufgenommen wurden. Am Geld, welches in die Kapazitätsreserve investiert wird, verdienen alle anderen (konventionellen) Kraftwerke mit, um eine undefinierte Angst zu befriedigen.

Schaut man gezielt auf den Spotmarkt, dann wird sich ein anderes Bild ergeben. Nach dem Einspeiseprivileg kam das Vermarktungsprivileg – dies bedeutet, dass jeglicher EEG geförderte Strom an der Spotbörse verkauft werden muss, bevor andere Betreiber zum Zuge kommen. Die Folge waren in der Vergangenheit negative Strompreise, da „zu jedem Preis“ verkauft wurde.  Wer denkt, dass zum Zeitpunkt von negativen Strompreisen alle nuklear/fossilen Kraftwerke vom Netz sind – oder für die Einspeisung von Strom sogar Geld zahlen müssen – liegt falsch. Wird im Terminmarkt der Strombedarf zu hoch eingeschätzt, so geht die Nachfrage auf dem Spotmarkt zurück. Selbst wenn es eine negative Nachfrage gibt (Bilanzkreisverantwortliche müssen Strom abverkaufen, der zuviel eingekauft wurde), wird  der EEG Anteil den Preis noch einmal nach unten korrigieren.

Nachfrage und verkaufte Strommengen am Terminmarkt lassen sich sehr gut prognostizieren. Dies bedeutet, dass der Kraftwerksbetreiber jetzt gegen die Versorgungssicherheit wetten kann. Die geforderte Zulassung von extremen Preisen verschärft die Situation weiter (vergl. Maßnahme 1: „Freie Preisbildung am Strommarkt garantieren„).  Bislang ist nicht erkennbar, wie konventionelle Kraftwerke daran gehindert werden sollen, im Falle einer tatsächlichen Knappheit ihr Angebot nicht zu einem überhöhten Preis zu platzieren. Im Gegensatz zu den EE-Strommengen haben konventionelle Kraftwerke keine Verpflichtung ihren Strom tatsächlich zu erzeugen und einzuspeisen.

Was macht der Kraftwerksbetreiber, wenn man sich verzockt hat?

Der Terminmarktpreis war nicht befriedigend. Die Verknappung am Spotmarkt ist nicht wie erhofft eingetreten. In diesem Falle besteht immer noch Handlungsspielraum. Auch wenn es bislang unbestätigt ist, so wird auch heute bereits über die sogenannten „ungeplanten Nichtverfügbarkeiten“ der Geldfluss optimiert. Oder glaubt irgendjemand, dass am 23.08.2015 tatsächlich 18 technische Störungen vorhanden waren?

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