Im Zuge der Neuausrichtung des Europäischen Strommarktes, rücken in den letzten Monaten die Nachbarländer immer weiter in den Vordergrund bei der Diskussion um die Stromerzeugungswende.  Von Blockade des Stroms aus Deutschland  ist die Rede, oder dass Atomstrom aus Frankreich exportiert wird – und Deutscher Strom aus Erneuerbaren in Frankreich verscherbelt wird.  Was steckt an Zahlen und Daten eigentlich hinter dieser Polemik?

Bei einer Diskussion in der Facebook Gruppe „Europäische Energiewende“ hat es etwas Kritik gehagelt, dass der letzte Beitrag zum Thema zu stark auf die Spot-Märkte zugeschnitten gewesen ist. Fakt ist, kein Land in Europa bekommt Strom von seinem Nachbar geliefert, der nicht von einem Stromkunden vorher gekauft wurde. Die Physikalischen Lastflüsse, die in diesem Beitrag betrachtet werden, sind immer die Folge von Stromhandel. Würde das nicht so sein, dann hätte der Markt ein „Loch“ und Strom würde ohne Berechnung irgendwo genutzt – ohne zu zahlen. In Deutschland steht darauf sogar Gefängnisstrafe.

Das Institut Acror Pilum hat für das erste Halbjahr 2015 die physikalischen Stromflüsse zwischen Deutschland und den Nachbarländern untersucht. Für alle sogenannten Netzkopplungen sind dabei Profile entstanden, die beschreiben, welche Einflussfaktoren dafür sorgen, dass elektrische Energie entweder nach Deutschland importiert oder in die Nachbarländer exportiert wird.  Als Basis dieser Untersuchung dienten die Daten der nationalen Übertragungsnetzbetreiber und der Dachorganisation der Europäischen Übertragungsnetzbetreiber (ENTSOe). Für Deutschland kommt erleichternd dazu, dass die Berichtspflichten für die EE-Strommengen bei den 4 Übertragungsnetzbetreibern in den letzten Jahren nicht verändert wurde, wodurch eine einheitlich erhobene Zeitreihe zur Auswertung bereitsteht.

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Für diesen Beitrag wurde das Profil zwischen Deutschland (TransnetBW) und Frankreich (RTE) exemplarisch herausgezogen. Das Höchstspannungsnetz der TransnetBW GmbH ist über zahlreiche 380/220-kV-Übergabestellen mit in- und ausländischen Partnern vermascht. International betrifft dies die Grenzübergabestellen nach Frankreich, in die Schweiz sowie nach Österreich.  Im ENTSOe Handbuch wird geregelt, wie die Bewirtschaftung der Übergabestellen erfolgen muss und wie das sogenannte Engpassmanagement operativ durchgeführt wird.

Export Bilanz - Strom Deutschland (TransnetBW) /Frankreich (RTE) im 1. Halbjahr 2015
Export Bilanz – Strom Deutschland (TransnetBW) /Frankreich (RTE) im 1. Halbjahr 2015

Bei der Kopplung zwischen TransnetBW und RTE kam es im ersten Halbjahr zu einem Netto-Import von Strom. Insgesamt wurden 1.220.579 MWh aus Frankreich importiert und 849.324 MWh nach Frankreich exportiert. Diese Zahlen decken sich im Verlauf mit den Handelsbilanzen der EPEXSpot und der NTC-Prognose des Übetragunsnetzbetreibers.

Umgekehrt zur Vermutung wurde in den Wintermonaten, als in Deutschland wenig Strom aus Erneuerbaren vorhanden gewesen ist, mehr Strom nach Frankreich exportiert – und in den Sommermonaten, bei denen gerade die grenznahen Atomkraftwerke in Revision sind – mehr Strom aus Frankreich nach Deutschland importiert.  Eine Erklärung kann hier nur sein, dass der Handel die Flüsse vorgibt und nicht die physikalische Logik.

Im Süden von Deutschland gibt es relativ wenig Windkraft – dafür aber einen starken Ausbau der Photovoltaik. Untersucht wurde daher, in welchem Zusammenhang die grenzüberschreitende Stromflussrichtung zur Menge der zeitgleichen PV-Einspeisung steht.

Zusammenhang PV-Einspeisung und Stromexport/Import
Zusammenhang PV-Einspeisung und Stromexport/Import

Bei einem starken Zusammenhang zwischen PV-Einspeisung und Export nach Frankreich, würde das Schaubild eine klare Tendenz der Datenpunkte entlang einer Linie von links unten nach rechts oben zeigen. Die Punkte sind allerdings eher um die Mitte ausgerichtet, ohne einen klaren Trend. Ohne eine MW Solarstrom im Netz kam es sowohl zu einem Export von 1653 MWh als auch zu einem Import von 1689 MWh.  Lediglich bei einer Einspeisung von über 3.500 MW konnte eine deutliche Zunahme des Exportes verzeichnet werden.  Dieser relativiert sich allerdings, wenn man die in Frankreich benötigten Strommengen zur Kühlung betrachtet. Im Gegensatz zum Stromverbrauch in Deutschland, steigt der Bedarf  in Frankreich steiler an, wenn die Temperaturen am Tage über 25 Grad Celsius steigen. Sehr gut kann dies auch an den Spotmarktpreisen bei entsprechenden Wetterlagen beobachtet werden. Der Vollständigkeit muss gesagt werden, dass auch bei Wärmebedarf der Strombedarf in Frankreich sehr steil ansteigt.

Die Windenergie soll nicht vollständig ausgeblendet werden.

Zusammenhang Wind-Einspeisung und Stromexport/Import
Zusammenhang Wind-Einspeisung und Stromexport/Import

Auch bei der Windkraft ist kein eindeutiger Trend erkennbar. Die Einspeisung im Übertragungsnetz der TransnetBW sind bislang relativ gering und wurden lediglich bei der Detailuntersuchung um die Werte aus dem Netz der Tennet TSO  ergänzt.  Für die isolierte Betrachtung kann man die Aussage machen, dass ab 520 MW Windstrom der Import von elektrischer Energie aus Frankreich (RTE) zunimmt.

Zusammenhang zwischen Strom Export/Import zur Residuallast
Zusammenhang zwischen Strom Export/Import zur Residuallast

Als letzter Punkt wurde betrachtet, ob ein klares Rollenbild für den Austausch erkennbar ist. Eine Rolle bei der Netzkopplung könnte die Deckung der Residuallast oder der Grundlast sein. Würde eine idealisierte Aussage zutreffen, dass Deutschland Strom aus Frankreich importiert zur Deckung der Grundlast, dann würde man bei geringer Netzlast einen höheren Import feststellen. Für das erste Halbjahr 2015 sind hier tatsächlich Tendenzen erkennbar, dass bei einer hohen Netzlast der Strom aus Deutschland für Frankreich eine Flexibilitätsoption ist, wobei eine Grundlastabdeckung aus Frankreich erfolgt.

In den einzelnen Auswertungen wurden 4.080 Stundenwerte (nach Bereinigung) verwendet. Neben der visuellen Darstellung dienen die Daten von grid.stromhaltig vor allem zur Simulation und Prognose verschiedener Betriebszustände. Neben dieser Auswertung wurden in der Vergangenheit bereits die unterschiedlichen Betriebskonzepte der Kraftwerke in Deutschland, oder die Wahrscheinlichkeiten der Netzfrequenz als Essays  herausgezogen. Im Datapool erfolgt ein kontinuierliches Monitoring für ReMIT, Redispatch, Netzfrequenz, Lastflüsse und Cross Border Flows sowie der Handelstätigkeit auf den europäischen Märkten.

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Ein Gedanke zu “Netzkupplungsprofil – Deutschland (TransnetBW) / Frankreich (RTE) – H1 2015

  1. Ein weiterer Punkt koennte der Transithandel sein.

    Die Niederlande und die Schweiz beziehen Strom aus Frankreich ueber Deutschland.
    So ist zwar die dt.-fr. Austauschbilanz betroffen aber de facto herscht in Deutschland kein Bedarf an fr. Strom.
    Dieser Strom aus Frankreich ist immer teurer als Strom aus Deutschland. Aber guenstiger als in den Niederlanden oder in der Schweiz.

    Z.Z. werden die schweizer AKWs renoviert, die meisten stehen still. Das bedeutet fuer den fr.-dt.Transithandel Hochkonjunktur: nicht nur wollen die schweizer Konsumenten Stromersatz sondern der erhoehte Sommerspitzenbedarf in Frankreich muss ueber die schweizer Pumpspeicher mit abgedeckt werden.
    Die duerften z.Z. rund um die Uhr im Einsatz sein.Das dirkte Uebertragungsnetzt Fr.-Ch. ist nicht ausreichend, so wird der Umweg ueber Deutschland genommen.

    Durch Bergschaeden und Trockenheit sind fr. Wasserkraftwerke z.Z. nicht voll abrufbar:

    http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2015/07/26/01016-20150726ARTFIG00130-le-glissement-de-terrain-s-accelere-au-dessus-du-lac-du-chambon.php

    Anders als frueher in den Medien kolportiert geht es den Pumpspeicherwerken in der Schweiz sehr gut:

    http://www.infosperber.ch/Artikel/Umwelt/Rekordgewinn-Die-faulen-Ausreden-der-Stromlobby
    (siehe auch die dort angegebenen links)

    Fraunhofer verweist ebenfalls in seinen monatlichen Berechnungen auf den fr.-dt.-nl. Stromtransit.
    In der letzten Veroeffentlichung von Fraunhofer (kein link, Autor war Dr. Berg(?)) wurde zum ersten Mal auf den raeumlich noch weiteren Handel hingewiesen: GB bezieht jetzt ueber die Niederlande aus Deutschland Strom.In wie weit dieser dann zeitgleich aus Frankreich nach Deutschland importiert wird wurde nicht dargestellt, ist aber durchaus moeglich.

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