Ein Markt ist ein Ort, bei dem Angebot und Nachfrage zusammen kommen. Anbieter treffen auf Kunden oder in den Worten von Elektrizitätsmarktplätzen: Anbieter treffen auf Erzeuger. Der Ort, an dem der Markt stattfindet ist das öffentliche Stromnetz, weshalb den Netzen die Rolle des Erfüllungsgehilfen in Sachen Logistik zukommt.

Mit der Energiewende (Stromwende) ändern sich die Anforderungen für einen Markt. Aus ehemals wenigen Erzeugern (<600) sind mittlerweile 1,6 Millionen Unternehmen in Deutschland geworden. Über die Liberalisierung der Tarife, kann der Kunde aus einigen hundert Anbietern auswählen. Die große Veränderung für den Markt vereinfacht eine Vergrößerung der Akteure, wobei  das physikalisch vorhandene Netz die Möglichkeiten zum Tauschgeschäft (Strom gegen Geld) begrenzt. Nicht jeder denkbare Handel kann über das Netz abgebildet werden – man spricht von Redispatches (Engpassmanagement).

Nach der Emanzipation der Kleinerzeuger in den letzten 10 Jahren, ist für die Energiewende heute wichtiger denn je, dass auch die Bürger in ihrer Rolle als Stromkunden als Akteure wahrgenommen werden. Im Modell des Hybridstrommarktes wurde daher das Ziel verfolgt, den Kunden als vollwertiges Mitglied auf dem Markt zu positionieren.  Die Forderung nach einer Aufhebung der Standardlastprofile  ist dabei nur ein Anfang (vergl. Antwort der Bundesnetzagentur zu flexiblen Stromtarifen).

Das jetzt vorhandenen Weißbuch  für das Strommarkt Design ist darauf zu überprüfen, wie sich die Rolle des Stromkunden entwickeln wird.

  • Was sind die Pflichten der Stromkunden?
  • In welchem Zusammenhang wird der Stromkunde als Akteur wahrgenommen?
  • Welche Rechte, Handlungsfreiräume und Entscheidungen kann der Stromkunde ausüben?

Am wichtigsten ist jedoch, wie entwickelt sich der wirtschaftliche Spielraum beim Bezug von Strom?

Weißbuch

Das Weißbuch leitet sich nach Angaben des BMWi aus den 695 Einreichungen zum Grünbuch her. Bereits bei der ersten Lesung der Kommentierung zu diesen Einreichungen fällt auf, dass man sehr viel Wert darauf legt, dass eine hohe Anzahl von Einreichungen eingegangen ist, jedoch den 484 Einreichungen von Privatpersonen sehr wenig Raum eingeräumt wird.

Grafik: BMWi
Grafik: BMWi

Risiko: Akzeptanz

Privatpersonen sollen hier als Synonym für Stromkunden – oder auch für Bürger – gesehen werden. Eine Vernachlässigung derer Einreichungen, macht das anstehende Gesetzgebungsverfahren angreifbar, da Pflichten und Einschränkungen nur durch Akzeptanz und Zustimmung in dieser Gruppe umsetzbar sind. Die Gefahr besteht sowohl politisch durch Entzug des Vertrauens der Wähler, als auch ökonomisch durch eine zunehmende Autarkiebewegung und damit Abspaltung aus dem öffentlichen Stromnetz.

Erste Lösungen, wie  im Beitrag zu Shared Economy vom Juni skizzieren ein Bild, dass ein von Verkäufern dirigierter Markt auch Alternativen hat. Andere Märkte haben bereits ihre Erfahrungen damit machen dürfen, wobei diese Märkte zugegeben geringer reguliert sind.

Kontext Kunde

Sucht man im Weißbuch nach dem Begriff „Kunde“, so wird man 27 mal fündig.  Zum Vergleich: Erzeuger=30, Netz=506, Bürger=12, BDEW=11, VKU=9,BEE=28

„Der Staat setzt die Marktregeln. Die Stromkunden bestimmen in eigener Verantwortung über ihre Nachfrage das Kapazitätsniveau.“

Dieser Passus findet sich in den Optionen Strommarkt 2.0 im Abgrenzung zum Kapazitätsmarkt. In der Konsequenz bedeutet dies für den Stromkunden, dass die Nachfrage zeitnahe am Markt bekannt sein muss, da ansonsten das Kapazitätsniveau nicht bestimmt werden kann. Neben der Regelung des Staates zu den Marktregeln hat dies vor allem eine Auswirkung auf die Ablesung und den Betrieb von Stromzählern.

Da in der Folge auch von den Bilanzkreisen gesprochen wird, kann man hier allerdings „Stromkunde“ bereits als Aggregation über viele Kunden sehen und nicht als individualer Akteur. Sollte dies zutreffen, so obliegt die Erfüllung dieser Verantwortung den Bilanzkreisverantwortlichen (=Versorgungsunternehmen).

Zu Beginn des Teil II findet sich eine alternative Formulierung:

Es wird einen verlässlichen Rechtsrahmen vorschlagen, auf den Investoren vertrauen können und in dem Stromkunden in eigener Verantwortung bestimmen, wie viele Kapazitäten vorgehalten werden.

Im Rahmen der öffentlichen Konsultation zum Weißbuch wird blog.stromhaltig  darauf hinweisen, dass der individuelle Stromkunde seine Verantwortung übernehmen kann, diese allerdings auch an einen Erfüllungsgehilfe (=Dienstleister, Versorger) delegieren kann.

Stromanbieter bieten Haushaltskunden Tarife auf Basis der durchschnittlichen Großhandelspreise an. Selbst deutliche Preisspitzen in wenigen Stunden haben kaum einen Einfluss auf den durchschnittlichen Großhandelspreis. Haushaltskunden sind durch feste Tarife gegen Preisspitzen am Großhandelsmarkt abgesichert. Industrielle Großverbraucher können hingegen über langfristige Verträge von Preisspitzen sogar profitieren

Die Erzeugungskosten (=Großhandelspreis) machen leider nur einen sehr geringen Anteil der tatsächlichen Stromkosten aus. Der überwiegende Teil der Stromkosten von Haushaltskunden entstehen in der Stromlogistik (=Netzentgelte, Durchleitungskosten, …). Kritisch ist zu sehen, dass bereits heute ein Großteil des Netzausbaus nur notwendig ist, da der Großhandelspreis vom Konzept einer Kupferplatte ausgeht (es ist egal, an welchem Ort Strom eingespeist oder entnommen wird). Price Coupling, wie es im europäischen Austausch geschieht, bei dem lokale Märkte ihre Preise zwar gekoppelt – allerdings variabel zueinander auf Basis von Leitungskapazitäten beeinflussen, werden im Weißbuch nicht angesprochen. Für den Stromkunden bedeutet dies, dass ungünstige Marktsitutationen eine direkte Auswirkung auf die Netzentgelte haben wird. Sollten die Netzentgelte hier nicht reformiert werden, dann dürfen wir Meldungen wie  „Zuviel für Strom bezahlt?“ auch in Zukunft lesen.

Durch die Mittelwertbildung bei den Preisen entfallen Anreize zur Lastverschiebung, die Preisspitzen ebenfalls wirkungsvoll verhindern könnten.

Als Beispiel für ein Geschäftsmodell der Zukunft wird Cuxhaven genannt:

Es hat ein komplexes, auf Information und Kommunikation ausgelegtes System getestet, welches Strom aus Erneuerbare-Energien- und KWK-Anlagen intelligent in die Netze und in einen regionalen Markt integriert und Haushaltskunden aktiv einbindet. Kern war die tatsächliche Erprobung eines Strom-Marktplatzes mit regionalen Produkten, auf dem Erzeuger, gewerbliche Verbraucher mit verschiebbaren Lasten und Energiedienstleister zusammengeführt wurden.

Aufgeführt wird dieses Beispiel, wenn es darum geht optimierende Maßnahmen für den Strommarkt im weiteren Sinne zu beschreiben. Cuxhaven kommt dem Tenor des Hybridstrommarktes bereits sehr nahe.

Bislang tragen die Bilanzkreisverantwortlichen – sofern sie von den Fahrplänen abweichen – nur die Einsatzkosten der Regelleistung. Die Vorhaltekosten geben die Netzbetreiber über die Netzentgelte an die Stromkunden weiter. Durch ihre Inanspruchnahme von Ausgleichsenergie beeinflussen die Bilanzkreisverantwortlichen jedoch mittelfristig auch die vorgehaltene Menge an Regelleistung – das heißt wie viele Kapazitäten den Netzbetreibern zum Abruf von Regelenergie zur Verfügung stehen. Würden die Vorhaltungskosten zumindest teilweise über die Ausgleichsenergie abgerechnet, könnte dies die Anreize zur Bilanzkreistreue stärken und die Kosten verursachungsgerechter verteilen.

Im E-Book In 30 Stunden Schalte ich das Licht ein (Amazon, Kindle Edition), wurden die Zusammenhänge zwischen Verbrauchsverhalten und Regelleistung/Ausgleichenergie bereits ausgiebig beschrieben. Bei einer Beibehaltung der Standardlastprofile ist dieser Punkt für die Haushaltskunden ist dieser Abschnitt irrelevant, da es keinen realen Wettbewerb zwischen den Bilanzkreisverantwortlichen gibt, da der Bilanzkreis des Verteilnetzbetreibers vom Ort abhängig ist – der Bilanzkreis des Stromanbieters stupide dem Lastprofil folgen muss (und nicht dem tatsächlichen Bedarf).

Schwieriger zu bilanzieren sind die nicht-leistungsgemessenen Haushaltskunden.

An dieser Stelle sollte man einen Blick  in die Verordnung zur Änderung von Verordnungen auf dem Gebiet des Energiewirtschaftsrechts aus dem Jahre 2013 werfen:

Wie schon bislang bei Profilkunden sind nun auch bei der neu eingeführten Variante der Zählerstandsgangerfassung die daraus ermittelten Viertelstundenwerte gleichwertig zu Werten aus registrierender Lastgangmessung verwertbar, insbesondere für Zwecke der Bilanzierung und Abrechnung.

Zwei Jahre nach der Einführung der Zählerstandsgangerfassung ist davon auszugehen, dass die Schwierigkeiten bereits gelöst sind. Die EnBW hatte dazu unter dem Titel „Neues kosteneffizientes Bilanzierungsverfahren auf Basis der Zählerstandsgangmessung“ im vergangenen Jahr einen sehr lesenswerten Beitrag veröffentlicht.  Den besten Konzens findet dabei die Verwendung von Referenzprofil aus pseudonymisierten Zählerstandsgängen, welches wiederum sehr nahe an den parametrischen Profilen von blog.stromhaltig aus dem Jahre 2013 ist (s.h. auch „Lastprofil/Lastganganalyse – Synthetische Verteilung der Verbrauchsmengen„).

QED:

Staatlich veranlasste Preisbestandteile und Netzentgelte überlagern die Wirkung des Großhandelspreises. Der Strompreis für Endkunden enthält neben dem Großhandelspreis verschiedene staatlich veranlasste Preisbestandteile und Netzentgelte.

Fazit

Weißbuch aus der Sicht der Stromkunden: Vorsicht!

In den kommenden Monaten sind vor allem die Verbraucherschützer gefragt ihre Stellungnahmen zum Weißbuch abzugeben. Der Kunde (=Letztverbraucher) im Strommarkt 2.0 spielt eine untergeordnete Rolle, welche ursächlich bei den vorhandenen Überkapazitäten zu suchen ist. Fehlende Knappheit bedingt in der aktuellen Gesetzgebung, dass die Spielregeln der Erzeuger und Logistiker geklärt werden müssen – nicht aber der der Verbraucher (Konsumenten).  Der Wille des Kunden  wird marginalisiert in Fußnoten abgebildet, wobei die finanzielle Ausstattung des Projektes Energiewende (Stromwende) von dieser Akteurengruppe kommt.

Auch wenn die 695 Einreichungen zum Grünbuch bereits eine Zahl sind, so  ist es doch wünschenswert, dass aus den 80 Millionen unmittelbar betroffenen des Strommarktes mehr Interesse geäußert wird. Entsprechend der Open-Source Philosophie, dass viele Augen mehr sehen, ist das Gesetzgebungsverfahren zu hinterfragen und zu kommentieren. Die Medien können hier eine entscheidende Rolle als Vermittler einnehmen.

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