Defacto ist die im Weißbuch „Strommarkt 2.0“ vorgeschlagene Kapazitätsreserve – bestehend aus ausschließlich Braunkohlekraftwerken – eine Frührente für eine Technologie, deren Produktlebenszyklus dem Ende zugeht. Im Kompromiss zwischen Bundeswirtschaftsministerium, RWE und Vattenfall unter Orchestration der IGBCE, wurde folgender Deal ausgehandelt:

Ab 2017 bis 2020 gehen insgesamt 2,7 GW an Braunkohlekraftwerke in eine Kapazitätsreserve. Diese ist je Kraftwerksblock auf 4 Jahre befristet. Ist ein Kraftwerk in der Kapazitätsreserve, so darf es nicht mehr am Markt teilnehmen. Der Stromkunde zahlt mit einer (kommenden) Erhöhung der Stromkosten für die Aufrechterhaltung der Betriebsfähigkeit. Nach 4 Jahren ist das Kraftwerk dann endgültig still zu legen und darf kein Strom mehr erzeugen.

Man muss anerkennen, dass damit ein Teil der Braunkohlekraftwerke tatsächlich über die Zeit vom Netz genommen wird. Das würde allerdings ohnehin geschehen, da Kraftwerksblöcke auf eine Lebenszeit ausgelegt sind (30-50 Jahre) und danach ohnehin dem Rückbau zugeführt werden. Gerade die letzten Betriebsjahre können für den Betreiber teuer werden, wenn in den Vorjahren an Reparaturen gespart wurde – man kennt dies von Altautos. Schön, wenn das Kraftwerk/Auto in dieser Zeit zum Garagenwagen wird, und nur noch einmal im Jahr zum Kundendienst rollen muss. Wird man dann dafür entschädigt, kann man sich doppelt freuen.

Würde es diese Form der Frühverrentung bei Autos geben, dann würde ich nach 6 Jahren mein Auto in die Garage stellen, dafür 4 Jahre eine Reparationszahlung kassieren und parallel mir natürlich ein neues Auto kaufen. Das Versprechen, dass ich kein Auto fahren werden, welches älter als 10 Jahre ist, wird dann wirklich einfach.

Nennen wir Namen: Boxberg Block R, BoA 1 und 2 – das sind relativ neue Braunkohlemeiler, die mit Sicherheit nicht auf der Liste oben stehen werden. Im Pressegespräch zum Weißbuch nennt StS Baake auch keine Namen – das wird den Beteiligten selbst überlassen – am Schluss muss die Zahl stimmen.

Erst ab 2020 dürfen auch andere Kraftwerke an der Reserve mitspielen, was einige ältere Steinkohlekraftwerke freuen dürfte, wenn sie es durch die Präqualifikation schaffen, die dann zur Ausschreibung gesetzt wird. Bis 2020 gibt es keine Ausschreibung, da das Bundeswirtschaftministerium davon ausgeht, dass dabei kein vernünftiges Ergebnis herauskommen würde. Man setzt auf die Verhandlungsstärke gegenüber der Betreiber. Ist eigentlich schade, da man im europäischen Gedanken vielleicht auch Kraftwerke in Polen hätte stilllegen lassen können, was vielleicht sogar billiger ist. Hauptsache die Bilanz stimmt…

Als Kosten in Deutschland wird aktuell von 230 Millionen Euro ausgegangen. Was eigentlich nicht wirklich viel Geld ist, die Mehrkosten dürfte bei deutlich unter 8€ liegen (rechnet man nicht wie die RWE). Hierbei fällt auf, dass das um Zustimmung aus der Bevölkerung bemühte BMWi mit 230 Millionen Euro rechnet, die RWE von 900 Millionen Euro ausgeht. Man sieht, wie weit die Verhandlungspartner sich an dieser Stelle einig sind.

Fakt scheint, dass auf jeden Fall der nicht-privilegierte Stromkunde in Zukunft mehr zahlen muss.

Im öffentlichen Braunkohle Memorandum hatte blog.stromhaltig im April 2015 einen Vorschlag gemacht, der auf die Kapazitätsreserve anwendbar ist. Durch die Überführung der richtigen Kraftwerke (Boxberg, Jänschwalde, Schwarze Pumpe, Schkopau und Lippendorf) würden die Kosten der Redispatches deutlich zurück gehen. Die so gesparte Milliarde steht für die Deckung der Kosten einer Kapazitätsreserver zur Verfügung.

Auswirkung auf die Präqualifikation (Auswahl der Kraftwerke in der Kapazitätsreserve):

  • Abhängig von den verursachten Redispatchkosten
  • Reperationszahlungen werden in Höhe der Redispatchkosten der vergangenen 4 Jahre für die kommenden 4 Jahre gezahlt
  • Auf längere Sicht (+8 Jahre) würden die Netzentgelte zurück gehen
  • Systemrelevanz von einzelnen Kraftwerken wird hervorgehoben
  • Marktverzerrende Wirkung einzelner Kraftwerke wird aufgelöst
  • Strukturwandel / Änderung der Stromverbrauchszentren wird langfristig über die Kapazitätsreserve parallelisiert.
  • Die Diskriminierung anderer Energieträger in der ersten Welle würde aufgelöst.

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Veröffentlicht von Thorsten Zoerner

Seit dem Jahr 2007 beschäftige ich mich mit den Themen Stromnetz und Strommarkt. Parallel dazu entstand ein Blog, um Informationen zu den jeweiligen Themen bereitzustellen. Er ist unter blog.stromhaltig.de zu finden. Über das Thema Energiewirtschaft habe ich bislang drei Bücher veröffentlicht. In meinem 2014 erschienenen Buch zum Hybridstrommarkt beschreibe ich ein Marktdesign, das in Deutschland in das Gesetzespaket Strommarkt 2.0 aufgenommen wurde. Hierbei werden zwei Technologien des Strombezugs vereint: der Hausanschluss mit Bezug bei einem klassischen Stromanbieter und einen alternativen Bezug von erneuerbaren Energien. Die wirtschaftlichen Vorteile für ein solches Marktdesign sind erwiesen. Auch die Digitalisierung beeinflusst die Energiewirtschaft von morgen. Daher habe ich mich intensiv mit dem Thema Blockchain Technologie befasst. Blockchain ist eine Technologie, die den Austausch und die Dokumentation von Daten vereinfachen kann. Daher kann diese Technologie mithilfe der digitalen Möglichkeiten das heutige Energiesystem revolutionieren. Denn damit ist eine automatische Abgleichung von Energieerzeugung und Energieverbrauch möglich. Um zukünftige Herausforderungen und Chancen mitgestalten zu können, habe ich 2017 die Firma STROMDAO gegründet. Dort bin ich Geschäftsführer und möchte dafür sorgen, dass mithilfe der Blockchain Technologie und dem Hybridstrommarkt eine digitale Infrastruktur für die Energiewirtschaft der Zukunft aufgebaut wird. Der STROMDAO Mechanismus zur Konsensfindung für den Energiemarkt unterstützt dabei die Marktkommunikation aller beteiligten Akteure.

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