Die Techniker des Energiespeicherherstellers SENEC.IES haben erstmals bei  Photovoltaikspeichern die ferngesteuerte Vollaufladung getestet – mit Erfolg. Für den Erstversuch wurde eingekaufter Strom verwendet, künftig sollen die Speicher jedoch kostenlose Regelleistung aufnehmen. (Energiezukunft / Naturstrom)

Es sind Lösungen wie diese, die wir zukünftig im Stromnetz benötigen, doch bislang sind die Strukturen für kleine Speicher zur Nutzung in der Regelenergie noch nicht vorhanden – viel schlimmer, der Einsatz heute könnte einen notwendigen Wandel über Jahrzehnte nach hinten verschieben. Das Problem, dass Energiewende gerne von oben nach unten – von groß zu klein – gedacht wird. Man erkennt sofort den Nutzen, aber merkt nicht, dass man erst einige andere Probleme im großen Schaubild lösen muss.

Das vorgestellte System ist clever, denn es sorgt mit sogenannter negativen Regelleistung dafür, dass dann elektrische Energie aus dem Netz genommen werden muss, wenn zuviel davon im Netz vorhanden ist. Im Netz muss immer ein Gleichgewicht vorhanden sein, wodurch bei einem Überschuss die Lösung immer mehr Verbrauch – oder weniger Einspeisung erzwingt. Dieses netzdienliche Verhalten wird bei SENEC.IES genutzt, um dem Speicherbetreiber einen zukünftige Nutzung zu ermöglichen. 

Regelenergie wird ausgelöst durch die Netzfrequenz, ein Indikator der im gesamten europäischen Verbundnetz gleich ist. Bedeutet, dass unter normalen Bedingungen bei einer Frequenz von 50,02 Hz in Garmischs sind auch in Oslo 50,02 Hz messbar sind. An welcher Stelle/Ort tatsächlich zuviel Strom vorhanden ist – oder sogar ein Defizit – verrät die Frequenz nicht. Die Übertragungsnetzbetreiber nutzen daher auch noch andere Indikatoren für die Lastflüsse, können diese aber nur in ihrem Gebiet bestimmen. Abruf von Regelleistung bei TransnetBW bedeutet immer, dass jeder Anbieter in Baden-Württemberg liefern darf (der im Preis der günstigste ist, denn es wird nach Merit-Order selektiert). Im Idealfall gibt es eine kleine Menge zum kleinen Preis – und eine große Menge zum großen Preis. Ist das bei dieser Lösung gegeben?

Aber wieso kommt es überhaupt zu Zeiten, bei denen zuviel oder zuwenig elektrische Energie vorhanden ist? Der Grund sind Fehlprognosen – entweder, weil der Handel es nicht geschafft hat einen hinreichenden Fahrplan für Kraftwerke vorzugeben, oder weil die Datenbasis zur Erstellung der Prognosen nicht ausreichend ist. Letzteres dürfte meistens der Fall sein. Im konventionellen Stromnetz der 1950er Jahre wurde davon ausgegangen, dass man „unten“ bei der Entnahme nicht messen muss, sondern es reicht, wenn man oben misst und prognostiziert, was man reinschüttet. In einer Zeit, in der das heutige Stromnetz aufgebaut wurde, war dies auch möglich. Mittlerweile entnimmt der eine Verbraucher allerdings den Strom, der physikalisch von der Anlage auf dem Nachbarhaus erzeugt wurde. Das „Oben“ sieht diese Strommengen zu keinem Zeitpunkt – versucht aber im Handel dennoch irgendwie einen Fahrplan für große thermische Kraftwerke herauszubekommen. Der Trick: Man fasst je Gebiet der Übertragungsnetzbetreiber die PV/Wind-Erzeugung zusammen und tut so, als ob es ein Kraftwerk ist. Verschönt unter dem Begriff „Hochrechnung“ kann man dann für jede Viertelstunde eines Tages genau erkennen, wie hoch die Prognose gewesen ist – und wie hoch der Ist-Wert. Wie genau kann dies ohne Messung sein? – Es kann genau sein, man kann es nur nicht nachweisen…

Stromspeicher rentieren sich bereits heute, auch wenn man keine Photovoltaik-Anlage hat (vergl. Beitrag aus dem Jahre 2013). Regelenergie ist ein weiteres Handlungsfeld, allerdings viel zu zentralistisch. Notwendig ist eine  netzdienliche Betriebsführung, wie man diese zum Beispiel mit einem Beachten des Spannungsniveaus erzielen könnte – nur hier fehlt noch einiges an Produkten und Ideen. 

Es ist niemandem geholfen, wenn man auf Anweisung des Übetragungsnetzbetreibers elektrische Energie aus dem Netz nehmen muss – dies aber in einem Ortsnetz macht, welches gerade ohnehin ein niedriges Spannungsniveau aufweist. Wann kommt dieser Fall vor? Sonntag Nachmittag im Sommer – eine Gewitterfront zieht herein…

Der Gratisstrom des einen sind steigende Netzentgelte der anderen. Technologisch „cool“ trifft auf sozial „fraglich“. Lieber einige mehr Probleme an der Ursache lösen, als neue Spekulationsobjekte zu schaffen.

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Veröffentlicht von Thorsten Zoerner

Seit dem Jahr 2007 beschäftige ich mich mit den Themen Stromnetz und Strommarkt. Parallel dazu entstand ein Blog, um Informationen zu den jeweiligen Themen bereitzustellen. Er ist unter blog.stromhaltig.de zu finden. Über das Thema Energiewirtschaft habe ich bislang drei Bücher veröffentlicht. In meinem 2014 erschienenen Buch zum Hybridstrommarkt beschreibe ich ein Marktdesign, das in Deutschland in das Gesetzespaket Strommarkt 2.0 aufgenommen wurde. Hierbei werden zwei Technologien des Strombezugs vereint: der Hausanschluss mit Bezug bei einem klassischen Stromanbieter und einen alternativen Bezug von erneuerbaren Energien. Die wirtschaftlichen Vorteile für ein solches Marktdesign sind erwiesen. Auch die Digitalisierung beeinflusst die Energiewirtschaft von morgen. Daher habe ich mich intensiv mit dem Thema Blockchain Technologie befasst. Blockchain ist eine Technologie, die den Austausch und die Dokumentation von Daten vereinfachen kann. Daher kann diese Technologie mithilfe der digitalen Möglichkeiten das heutige Energiesystem revolutionieren. Denn damit ist eine automatische Abgleichung von Energieerzeugung und Energieverbrauch möglich. Um zukünftige Herausforderungen und Chancen mitgestalten zu können, habe ich 2017 die Firma STROMDAO gegründet. Dort bin ich Geschäftsführer und möchte dafür sorgen, dass mithilfe der Blockchain Technologie und dem Hybridstrommarkt eine digitale Infrastruktur für die Energiewirtschaft der Zukunft aufgebaut wird. Der STROMDAO Mechanismus zur Konsensfindung für den Energiemarkt unterstützt dabei die Marktkommunikation aller beteiligten Akteure.

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