Einem Leser von blog.stromhaltig ist aufgefallen, dass auch an diesem Wochenende das Kraftwerk Boxberg Block „Q“ ungeplant nicht verfügbar ist. Folgend der „Urgent Market Messages“ ergibt sich eine Mindereinspeisung von 6,5 GWh – oder anders ausgedrückt dem Jahresverbrauch von 1800 Privathaushalten. Nachdem die Nachfrage beim Betreiber Vattenfall in der letzten Woche mit dem Verweis auf Firmeninternas geendet hatte, soll für dieses Wochenende ein Blick auf ein unterschwellig im Raum stehender Verdacht geworfen werden: Ist das Baunkohlekraftwerk Boxberg ungeplant nicht verfügbar, da die Einspeisung der Erneuerbaren zu stark ist? (Stichwort: Grünstromprivileg)

Sollte dies der Grund sein, dann hätte dies der Pressesprecher eigentlich ganz einfach schreiben können. Der Einspeisevorrang soll eigentlich dafür sorgen, dass Strom aus Wind und Sonne vorrangig eingespeist wird. Dies bedeutet für ein Braunkohlekraftwerk natürlich eine Beschneidung, wenn mehr Strom aus Erneuerbaren im Netz ist, als transportiert werden kann.

Beim aktuellen Ereignis ist das Kraftwerk um 16:00 Uhr am Samstag den 13.06.2015 nicht verfügbar. Zu diesem Zeitpunkt ergibt sich für das Netzgebiet der 50 Hertz Transmission, in der das Kraftwerk ist, folgende Werte:

Vertikale Netzlast = 4877 MW
Windkraft = 2348 MW
Photovoltaik = 1660 MW

Um den Saldo des Netzgebietes auf 0 zu bringen sind 4877-2348-1660=869 MW notwendig. Von den Übertragungsnetzbetreibern ist bislang kein Redispatch veröffentlicht worden, der ein aktives Engpassmanagement erkennen lassen würde. Da der Fahrplan der Kraftwerke vom Handel bestimmt wird, bedeutet dies, dass der Handel ein Ergebnis für den Lieferzeitpunkt ergeben hat, bei dem keine Engpässe entstehen. Da in diesem Handel bereits vollständig die EE-Strommengen enthalten sind, kann diese Aussage abgeleitet werden: Für 16:00 Uhr können alle Lieferverträge über das Stromnetz abgebildet werden, ohne dass es zu einem Redispatch kommt.

Dies inkludiert sowohl die langfristigen Terminverträge (vielleicht beim Kraftwerk Boxberg), als auch die kurzfristigen Verträge (EE-Strommengen) vom Spotmarkt.

Was bedeutet also Einspeisevorrang? Eigentlich ein Vermarktungsvorrang, denn bevor ein konventionelles Kraftwerk seine Strommenge am Spotmarkt verkaufen kann, muss die gesamte Strommenge aus den Erneuerbaren verkauft sein.

Kleine Denkfrage: Warum sollte ein Kraftwerksbetreiber seine Erzeugung bei negativen Strompreisen verkaufen?
Antwort: Wegen dem Muss bei der Vermarktung sind zum Zeitpunkt von negativen Strompreisen tatsächlich nur EE-Strommengen im Angebot auf dem Spotmarkt?

Große Denkfrage: Wieso sind bei negativen Strompreisen immer noch  Erzeugungen aus fossilen Kraftwerken vorhanden?
Antwort: Diese Lieferverträge wurden auf dem Terminmarkt – lange vor dem Spotmarkthandel – geschlossen.

Es gibt allerdings auch noch die Physik…

Vor einigen Wochen gab es bei blog.stromhaltig die Daten der Stundenszenarien.  Auf Basis dieser Daten lassen sich Zeitpunkte finden, bei denen im Netzgebiet des Kraftwerkes der Anteil an Sonnen und Windstrom höher gewesen ist, als am Samstag um 16:00 Uhr (Query: wind_50hz_ist+pv_50hz_ist>4008). Das Ergebnis gibt bei 3333 Stunden – 1499 Treffer. Eine EE-Einspeisung von mehr als 4 GW ist für das 50 Hertz Netz somit eher kein Problem, sondern Normalität.

Die Spitzenreiter der EE-Einspeisung im Netz der 50 Hertz Transmission

Zeitpunkt Wind/Sonnen Einspeisung
01.04.15 14:00 13719,5 MW
01.04.15 13:00 13629 MW
31.03.15 13:00 13177 MW

Auf Basis der hier vorliegenden Informationen, kann der Einspeisevorrang nicht als ursächlich erkannt werden.

Da auch im Beitrag zur letzten Woche ein Vergleich der Terminmarktpreise zu den Spotmarktpreisen angestellt wurde, soll dieser hier abschließend aufgeführt werden. Wurde an der EEX im Jahre 2014 bereits die Strommenge für den in diesem Text betrachteten Zeitraum verkauft, so konnte laut PHELIX-Future von 34,27€/MWh erzielt werden. Ist das Kraftwerk nun ungeplant nichtverfügbar, so ist zur Erfüllung der Lieferverträge aus dem Jahre 2014 ein Ersatz zu beschaffen. Diese Ersatzstrommenge kann über die EPEXSpot für etwa 21,00€/MWh erfolgen.

  • Wo liegt der wirtschaftliche Anreiz, die ungeplanten Nichtverfügbarkeiten zu reduzieren?
  • Wer profitiert bei diesem Szenario von den niedrigen Spotmarktpreisen?

Den Beitrag "Das zweite Wochenende - Boxberg offline Lesen:

4 Gedanken zu “Das zweite Wochenende – Boxberg

  1. Sollten gewinnmaximierende Überlegungen hinter der Nichtverfügbarkeit von Block Q stehen, entsteht die Frage: wie kann ein Kraftwerksblock wöchentlich kurzfristig heruntergefahren werden ohne dass die berichteten Schäden am Dampfkessel ( Spannungen im Metall usw) auftreten?

    Antworten
  2. Wesentliche Lücke in der Argumentationsgrundlage: OTC Geschäfte sind in den Handels-Daten der EEX nicht verfügbar. Spannende Frage ist nun, sind die in OTC Geschäften nachgefragten Strommengen in der vertikalen Netzlast enthalten, respektive wird die „vertikale Netzlast“ aus den Handels-Daten oder anderweitig ermittelt?

    Auf jeden Fall lässt sich die Notwendigkeit von Redispatches ohne Kenntnis der Strommengen die mit OTC Geschäften gehandelt wurden, nicht (immer zweifelsfrei) ermitteln.

    Antworten

Kommentar hinterlassen

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong> 

benötigt