Am 12.05.2015 besuchte Franz Untersteller (Minister für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft des Landes Baden-Württemberg) nach eigenen Aussagen sein erstes Barcamp und beteiligte sich aktiv an den 9 Sessions, die von den Teilnehmern vorgeschlagen wurden. Das Energiewende Barcamp in Stuttgart zeichnet sich nicht nur durch seinen Running-Gag „Hallo Thorsten!“, sondern auch durch sein breites Themenportfolio aus, welches sich von Mobilität über Energiewende in Quartieren bis hin zum Hybridstrommarkt erstreckte.

Nach einer kurzen Vorstellung des Hybridstrommarktes, meinte Untersteller sinngemäß, das es sich um ein Konzept zur Privatisierung der Versorgungssicherheit handeln würde, welches sehr nahe an der Gabriel’ischen Weiterentwicklung des Energy-Only-Marktes liegen würde. Ist dies so?

Hybridstrommarkt - für die Energiewende in Bürgerhand
Hybridstrommarkt – für die Energiewende in Bürgerhand

Beim HybridStrommarkt erhält der Stromkunde die zusätzliche Option zur Miete von Anteilen an Stromerzeugungsanlagen. Benötigt der Stromkunde zeitgleich mehr Strom, als in den angemieteten Anlagen erzeugt werden kann, so muss dieser wie bisher über einen Versorgungsvertrag bezogen werden.

Das Prinzip der bisherigen Versorgungsverträge für Strom werden als Energy-Only-Markt bezeichnet, da auf Basis der bezogenen Energiemenge (Kilo-Watt-Stunde) alle Abgaben, Umlagen, Steuern und natürlich die Kosten für Stromlogistik und Erzeugung gedeckt werden. Der Nachteil dieses Konzeptes ist es, dass ein großer Anteil der Kosten nicht variabel sind. Ein Trafo kostet bei wenig Belastung das gleiche, wie unter Vollast. Für Solaranlage und Windkraftanlagen gilt dies auch – nur bei Erzeugungsanlagen mit Brennstoffkosten kann man tatsächlich für verbrauchte Menge eine Beziehung zu den Stromkosten herstellen.

Große Teile der Infrastruktur, die heute zur Stromerzeugung eingesetzt wird hat ihren größten Kostenblock bei der initialen Beschaffung (=Investitionskosten), welche über die Betriebszeit der Anlage abgeschrieben (und erwirtschaftet) werden müssen. Es fällt deutlich einfacher, diese Investitionssummen in Form einer Miete an die Kunden weiterzugeben. Von Mietwagen bis Mietwohnung – jedes Modell, welches auf eine Vermietung basiert, wird so gerechnet.

Strom funktioniert allerdings nicht so statisch. Mal möchte der Stromkunde mehr Strom haben, mal weniger. Mal ist die gemietete Anlage auf Volllast, mal ist bedingt durch Wartungen oder Wetter, nicht verfügbar. Bei der Stromversorgung funktioniert ein reines Mietmodell nicht, da sehr häufig auf andere Erzeuger ausgewichen werden müsste. Im HybridStrommarkt kommt daher als zweiter Baustein der klassische Energy-Only-Markt als Mikroausgleichenergie hinzu.  Praktisch ist Mikroausgleichenergie nichts anderes wie die bisherige Stromversorgung, nur dass es sich um dynamische/flexible Preise handelt. Ehrlich: Diese Strompreise werden wohl über den 2,8 Cent Erzeugungspreis liegen, die heute üblich sind. Es werden Gaskraftwerke sein, die genau in diesen Fällen ihre Gewinne erwirtschaften müssen.

Politik haftet für ihre Stromkunden
Politik haftet für ihre Stromkunden

Wieso könnte man dies als eine Privatisierung der Versorgungssicherheit verstehen? Bereits heute werden im Kampf zwischen Discount-Strom aus Braunkohle und flexiblem Strom aus Gaskraftwerken eine Preisschlacht ausgetragen. Beide Kraftwerkstypen haben ihre Berechtigung in der klassischen Stromversorgung.  Der Staat sieht es als seine Aufgabe die Stromversorgung als ein Stück der Daseinsvorsorge  zur regulieren und zu kontrollieren. Durch die Privatisierung des Strommarktes agieren hier wirtschaftlich denkende Unternehmen mit Gewinnerzielungsabsicht und die Mechanismen des Marktes darf nicht zu einem Versorgungsengpass führen. Markt funktioniert allerdings nur bei Knappheit, weshalb man Luft nicht handeln kann.  Eine echte Knappheit im Stromnetz bedeutet aber, dass die Lichter ausgehen. So (beinahe) geschehen im Februar 2012, als der Bedarf  an Strom „latent“ von einigen Marktteilnehmern niedriger eingeschätzt wurde, als tatsächlich vorhanden.

Hüter der Versorgungssicherheit
Hüter der Versorgungssicherheit

Dr. Michael Maxelon (technischer Geschäftsführer der Stadtwerke Stuttgart), der ebenfalls die Session zum Hybridstrommarkt besuchte, merkte an, dass die Verteilnetz und Übertragungsnetzbetreiber verpflichtet sind, die  Stromversorgung (unterbrechungsfrei) sicherzustellen. Ereignisse, wie im Februar 2012 dürfte es somit nicht geben. Dies ist richtig, nur haben die Netzbetreiber nach dem sogenannten Unbundling keinen Zugriff auf Erzeugungsanlagen. In sogenannten Bilanzkreisen wird sichergestellt, dass der Strom für ihre Kunden auch immer irgendwo in das Netz eingespeist wird. Kontrolliert werden die Netzbetreiber durch die Bundesnetzagentur, welche das eigentliche Organ ist, das sich um die Erfüllung der Daseinsvorsorge Stromversorgung kümmert.

Mit der Reservekraftwerksverordnung hat die Bundesnetzagentur ein Werkzeug, welches  die jährlichen Meldungen „Für den Winter … wurden x GW an Kapazitäten gesichert“  hervorbringt. Tatsächlich ist dies eine Kapitulation vor der freien Marktwirtschaft, denn würde tatsächlich einmal der Strom knapp werden, dann würden sich selbst Notstromaggregate plötzlich rechnen – wenige Betriebsminuten zu sehr hohen Einspeisepreisen würden Mini-BHKWs wie Pilze in den Kellern sprießen lassen. Es entstünde ein Infrastrukturwandel, der rein vom Markt induziert ist – aber ohne Kontrolle und Steuerung durch politische Gremien. Insofern kann bei einem Energy-Only-Markt von einer Privatisierung der Versorgungssicherheit gesprochen werden.

Die aktuellen Modelle, die auch vom Land Baden-Württemberg getragen werden, sehen immer eine politische Hand an der Stellschraube vor. Der Staat als Risikobewerter für seine Bürger. Ein freier Markt ist da deutliche radikaler – vielleicht aber auch deutlich günstiger.

Strompreis ist gefühlte Sicherheit
Strompreis ist gefühlte Sicherheit

Die Probleme, die man mit einem absehbaren Kontrollverlust in politischen Kreisen hat, kann man bereits heute erkennen. Solange die Photovoltaik und Windkraft noch ein Randthema mit Nachkommastellenbedeutung bei der Stromversorgung war,  konnte man vieles vernachlässigen. Ab dem Jahre 2021 laufen immer mehr Anlagen des Erneuerbaren Energien Gesetzes (EEG) aus ihrer Einspeisegarantie. Über die Laufzeit  von 20 Jahren hatte der Anlagenbetreiber einen Vertrag, der ihn auch verpflichtete weiter Strom in das Netz einzuspeisen. In wenigen Jahren kann der Betreiber frei entscheiden, was mit seiner Anlage passieren soll. Stromverkaufen auf dem freien Markt? Abbau der Anlage? – Keiner weiß es genau, welche Antwort hier die richtige ist.

Der Hybridstrommarkt dient hier als Brücke, denn im Mietumfeld kann der Betreiber der Anlage durchaus noch einige Jahre seinen Strom verkaufen. Vertraglich ist er solange gebunden, wie die Mietverträge laufen. Es entsteht auch hier ein vom Markt indizierter Anreiz zur Versorgungssicherheit, welcher allerdings ohne politische Steuerung ablaufen würde.

Franz Untersteller geht als Landesminister auf ein Barcamp, was man ihm sehr hoch anrechnen muss. Bereits im Januar wurde in einem Beitrag der Bürger-Dialog insgesamt als positiv bewertet. Leider musste der Minister auch in Stuttgart eingestehen, dass der Einfluss von Lobby-Gruppen sehr hoch ist. Ein Konzept wie der Hybridstrommarkt kann nur in Dialogform vermittelt werden, wenn aber dafür keine Zeit eingeräumt wird (und ein Barcamp ist hier nicht ganz der richtige Rahmen), dann darf die Wirkung der Wählerstimme hinterfragt werden. Bei Frau Dr. Merkel war es einst die Frage nach Chicorèe Rezepte oder Energiewende – in Baden Württemberg haben wir bereits die den Friseur von Windfried Kretschmann oder Strommarktdesign.

Wir können alles außer Hochdeutsch… – der HybridStrommarkt hat es mittlerweile in die Welt geschafft. In den Niederlanden wird das Modell nun bereits 2 Monate mit einigen Testkunden umgesetzt, andere Netzbetreiber fragen für die Organisation von Modellregionen nach. Nur Deutschland braucht ein Jahr, um eine Petition zu bearbeiten.

(Beitragsbild von RudolfSimon (Own work) [CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)], via Wikimedia Commons

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