Nach der Beschwerde von 25 Kraftwerksbetreibern urteilte das Oberlandesgericht Düsseldorf am Dienstag im Sinne der Stromkonzerne. Die bisher restriktive Verrechnung der Kosten für Eingriffe im Zuge des Engpassmanagements (Redispatch) muss gelockert werden, was zu einer deutlichen Erhöhung der Netzentgelte führen wird. Der Verband der zentralen Großstromerzeuger BDEW begrüßte die Entscheidung, die alle Stromkunden in der Solidargemeinschaft Stromnetz weiter belastet.

Durch den hohen Anteil an sogenanntem Billigstrom aus Braunkohlekraftwerken in bevölkerungsschwachen Gebieten in der Lausitz, kommt es zu Netzengpässen auf der Ost-West Traverse, welche die Übertragungsnetzbetreiber mit Hilfe sogenannter Redispatches lösen (vergl. Karte der Redispatches). In den ersten 2 Monaten sind dabei bereits Kosten in ähnlicher Höhe entstanden, wie im gesamten Jahr 2014 (blog.stromhaltig berichtete). Diese auf den Verbrauch umgelegten Kosten sind nicht direkt auf der Stromrechnung ersichtlich, sondern werden erst mit der nächsten Festlegung der Netzentgelte belastet.

Nach ersten Schätzungen könnte im Jahr 2016 auf Industrie und private Stromkunden eine Kostenlawine zukommen, die deutlich über den Ausgaben der EEG-Umlage für den Ausbau von Erneuerbaren Energiequellen liegt.

redispatch_2015

Im Grundsatz sind auch weitere Kosten und entgangene Gewinnmöglichkeiten ersatzfähig. Dazu erklärt der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW):

„Aus Sicht der betroffenen Kraftwerksbetreiber ist es dringend notwendig, dass die bisher gültigen Vergütungsgrundlagen von Redispatch-Maßnahmen für Stromerzeuger angepasst werden. Das bestätigt das heutige Urteil des Oberlandesgerichts Düsseldorf. Damit teilen die Richter in einigen wesentlichen Punkten die Einschätzung des BDEW, der wiederholt auf die Probleme hingewiesen und eine Überarbeitung der Regelungen gefordert hatte. Denn die bisherige Umsetzung der Vorgaben der Bundesnetzagentur hat in der Praxis gezeigt, dass die entstandenen Kosten nicht vollständig gedeckt werden. Dies hat bereits auf Seiten der Kraftwerksbetreiber zu finanziellen Schäden geführt. Daher ist es zwingend erforderlich, dass die betroffenen Kraftwerksbetreiber so schnell wie möglich eine vollständige Kostenkompensation erhalten.

Der BDEW vertritt als Verband etwas weniger als 1% der Betreiber von Anlagen zur Stromerzeugung in Deutschland. Historisch bedingt spricht er vor allem für die Betreiber von Großkraftwerke der 100+Mega-Wattklasse, die Begünstigter des OLG-Urteils sind. Von den Übertragungsnetzbetreibern wird laut dem Mediendienst PS gefordert, dass sie vor der Nutzung der Redispatches alle vom Markt und dem Netz gebotenen Werkzeuge voll umfänglich ausnutzen. Dies dürfte allerdings schwierig sein, da  die Übertragungsnetzbetreiber im Zuge des Unbundlings keine Möglichkeit zur Rückkopplung auf das Marktgeschehen haben, welches Lieferbeziehungen zwischen Erzeuger und Verbraucher vertraglich regelt.

StromAktion

  • Finden Sie heraus, ob Ihr Stromanbieter im BDEW Mitglied ist.
  • Fragen Sie nach, wie viel Euro des Postens „Netzentgelte“ auf Ihrer Stromrechnung für Redispatches ausgegeben wurde.
  • Welche Entfernung legt Ihr Strom tatsächlich zurück?

Der Strommarkt in einem Dezentralen-Leistungsmarkt, wie er unter anderem vom BDEW propagiert wird, sieht den Handel mit Strom als eine große Kupferplatte an, bei der es egal ist, an welchem Ort der Strom eingespeist wird. Ein Kraftwerk in Ost-Deutschland steht bei der Preisfindung damit in direkter Konkurrenz zu einem Kraftwerk in Westdeutschland. Sobald eine Strommenge gehandelt wurde ergibt sich daraus ein sogenannter Fahrplan für das Stromnetz, welches physikalisch das abbilden muss, was kaufmännisch auf dem Bankett geregelt wurde. Kommt es hierbei zu mit den vorhandenen Stromleitungen nicht durchführbaren Lastflüssen, so greift das Engpassmanagement mit einem Redispatch. Das eigentlich vertraglich zur Lieferung verpflichtete Kraftwerk wird gedrosselt, ein näher an der Verbrauchsstelle befindliches Kraftwerk wird angewiesen mehr Leistung einzuspeisen. Der Redispatchkosten sind ein Anzeichen von Standortvorteile einzelner Erzeuger, die durch Preissignale beim Handel nicht aufgelöst werden konnten. Es handelt sich um einen direkten Eingriff in den Netz- und Kraftwerkrsfahrplan, der ursächlich dem Handel zugeschrieben werden muss.

Der starke Anstieg der Eingriffe in den Betrieb von Kraftwerken zur Stabilisierung der Stromnetze in den vergangenen Jahren zeigt deutlich, dass Redispatch-Maßnahmen nicht mehr als Notfallmaßnahme bezeichnet werden können. Sie stellen zunehmend den Normalfall dar. Durch Anbieterwechsel oder andere Marktmechanismen besteht keine Möglichkeit eine bessere Wirtschaftlichkeit von der Kundenseite zu forcieren.

Hybridstrommarkt - für die Energiewende in Bürgerhand
Hybridstrommarkt – für die Energiewende in Bürgerhand

Von der Praxis, dass im Großhandel lediglich die Kosten der Erzeugung – nicht aber die Kosten der Stromlogistik angegeben werden, ist Abstand zu nehmen. Preisangaben für Strom sollten generell alle Kosten für die Belieferung bis zur Entnahmestelle beinhalten. Realisiert werden kann dies zum Beispiel mit einer Abwandlung des PCR-Algorithmus (Preis-Kopplung), wobei die hierfür notwendigen Daten zur Berechnung aus der MaSTR Datenbank der Bundesnetzagentur stammen.

Es ist bewusst, dass ein Risiko zur Überkompensation der Kosten durch die Netzbetreiber besteht. Dies würde bei der Kapazitätsmiete als auch bei der Leistungsabrechnung zu steigenden Bezugspreisen führen.

Die in Deutschland übliche Gesellschaftsform der Netzbetreiber ist “GmbH”. Wegen der Quasi-Monopolstellung könnte geprüft werden, ob die Unternehmen nicht die Auflagen der Gemeinnützigkeit entsprechen und somit die Gesellschaftsform “gGmbH” vorzuziehen ist.

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Ein Gedanke zu “Nach OLG Urteil zu Redispatches deutlicher Strompreisanstieg zu erwarten

  1. Jedem der etwas von Stromnetzen versteht, ist seit langem klar, dass mit dem stetig ansteigendem Anteil des erratisch und höchst volatil anfallemden Stroms aus WKA u. PV die Redispatch-Kosten sich massiv erhöhen. Der Bundesregierung war es allerdings bisher über die Regeln der Bundesnetzagentur gelungen einen erheblichen Anteil der Kosten dafür den konventionellen KW-Betreibern aufzubürden, die das Netz stabil halten müssen. Das wird jetzt wohl anders, mal sehen was sich daraus entwickelt. Es wird von den EE-Protagonisten ja schon mal kräftig an der Legende gestrickt, dass hauptsächlich der „böse“ Stromhandel schuld an den Redispatch-Kosten ist.

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