Die stabilste Stromversorgung in ganz Deutschland bekommen wir hin, wenn jeder Ort (Verteilnetz) in der Lage ist sich selbst zu versorgen. Sobald elektrische Energie über weite Strecken transportiert werden muss, entstehen neue Schwierigkeiten nicht nur politisch, sondern auch physikalisch. Jeder Meter Leitung zwischen der Erzeugung und dem Verbrauch kann eine Schwachstelle sein, die zu einem partiellen Ausfall des Systems Stromnetz führt.

In der aktuellen Debatte rund um die Umstellung der Stomerzeugung, wird gerne der Netzausbau nach vorne geschoben. Bei Dialog-Energie-Zukunft finden sich gerade zwei Standpunkte zum Thema HGÜ-Ausbau: Neue Energielandschaft erfordert auch neue Netze und Kohlebedingter Netzausbau behindert Energiewende. Beide Meinungen sind richtig, doch sollte man vielleicht auch den radikalen Ansatz einmal denken: Abschalten der Übertragungsnetze.

Für das Stromnetz über Deutschland gibt es verschiedene Spannungsniveaus. In der sogenannten Höchstspannungsebene wird Strom von der Nordsee bis nach Berchtesgarden transportiert und von der Polnischen Grenze bis nach Frankreich. Zuständig sind die 4 Übertragungsnetzbetreiber Amprion, 50 Hertz, Tennet und TransnetBW, die aktuelle vor allem auf 380 KV Höchstspannung zur Übertragung setzen eine Alternative ist die im Dialog-Energie-Zukunft Beitrag genannte HGÜ-Technik, eine andere Alternative ist von einer vollständigen Abschaltung der Übertragungsnetze die Energiewende zu denken und vollständig auf die dezentrale Versorgung zu bauen. In einem solchen Szenario entsteht ein vollständig anderes Bild, als es bislang im Netzentwicklungsplan vorgesehen ist. Anstelle mit dicken Linien kreuz und quer über das Land die Standortnachteile in Netzentgelte umzuwandeln, entstehen viele lokale Herausforderungen, die bestimmt auch lösbar sind.

  • Ein Top-Down Ansatz = Netzausbau
  • Ein Bottom-Up Ansatz = Dezentrale Energiewende

In der Betriebswirtschaftslehre kennt man das Prinzip von 0- Budget, eine Planung, die ohne jegliche Fremdmittel auskommt. Für die Stromversorgung gab es einen solchen Ansatz eigentlich auch einmal. So konnte im Jahre 2006 beim Stapellauf eines Schiffes ein ganzes Bundesland vom Netz abgekoppelt werden und sich selbst versorgen. Dazu benötigt es nicht nur die richtige Erzeugungsmengen von Strom, die zur zeitgleichen Verbrauchsmenge passt, sondern auch die Möglichkeit alle Systemdienste zu erbringen. Systemdienste im Stromnetz sind Regelleistung, Blindleistungskompensation, Schwazstartfährigkeit und und und … – alles Leistungen, die durchaus auch von kleinen Erzeugungsanlagen erbracht werden können, selten aber dafür genutzt werden. Ein Ziel kann es aber sein, dass zumindest der Lastgang der Verbraucher nachgefahren werden kann. Werden im ländlichen Bereich zum Beispiel Biogasanlagen immer unter Volllast gefahren, so ist der Sinn verfehlt. Windkraft, Photovoltaik und auch andere Erzeuger können zu 100% im sogenannten Lastgangfolgebetrieb gefahren werden. Tatsächlich bedeutet dies lokal für eine Überkapazität zu sorgen und lokal abzuregeln.

Hybrdistrommarkt - Strommarktdesign für die Energiewende in Bürgerhand
Hybrdistrommarkt – Strommarktdesign für die Energiewende in Bürgerhand

Der Wunsch Strom durch die ganze Republik zu transferieren, stammt eigentlich aus dem Handel, der vom Idealbild einer Kupferplatte ausgeht, bei der es keine Wegstrecken zu überwinden gibt. Lokale Strommärkte wird unter den heutigen Akteuren eher skeptisch betrachtet, da in einem solchen Markt die Liquidität nicht vorhanden ist. Bei einer Börse spielt die Liquidität eine wichtige Rolle, da bei geringer Liquidität es zu extremeren Preisen kommen kann – tatsächlich tritt dieser Effekt aber durch die Dominanz einzelner Akteure auf.  Ein Großkraftwerk könnte bei einem lokalen Strommarkt dies Preise für die Erzeugung diktieren. Tatsächlich kann dies aber umgangen werden, indem zum Beispiel ein Teil der Strommenge in einem Mietmodell (vergl. Hybridstrommarkt) umgesetzt wird.

Tatsächlich lässt sich auch bei dem Vorhandensein von Großkraftwerken ein lokaler Stromhandel organisieren. Auch hier findet sich der Ansatz im Hybridstrommarkt, bei dem es zwischen den Regionen fest Mietverhältnisse gibt, die zunächst eine Art Grundversorgung sichern. Auf Höhe der Übertragungsnetze wirkt sich dies als eine Art Grundlast aus, die allerdings deutlich unter der heutigen Netzlast liegt.

Fazit

Übertragungsnetze wird es immer geben. Die Rolle dieser Netze sollte zum Wohle einer dezentralen Energiewende anders gedacht werden. Szenarien, wie die Zukunft des Stromnetzes aussehen könnte, sollte zunächst von einem Nichtvorhandensein der Höchstspannung ausgehen, bevor diese als zusätzliche Reserve einbezogen werden.

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5 Gedanken zu “Dezentrale Energiewende = Übertragungsnetze abschalten

  1. Physikalisch ist an diesen Gedanken etwas dran, ökonomisch und ökologisch führen sie aber in die Irre. Es ist nun mal so, dass auf Grund der topo- und demographischen Gegebenheiten Strom an einigen Orten günstiger pro Flächeneinheit herstellen lässt als an anderen und dass an anderen Orten pro Flächeneinheit ein Vielfaches an Energie im Vergleich zu dünn besiedelten ländlichen Gebieten verbraucht wird. Deutschland ist nicht gleichmäßig dezentral und ebenso kann der Strom nicht gleichmäßig dezentral erzeugt werden. Um für den Ausgleich (auch zwischen Wind- und Sonnenenergie) zu sorgen, sind weiträumige Übertragungsnetze derzeit die preiswertesten Lösungen.

    Das spricht nicht gegen einen lokalen Strommarkt, wohl aber gegen den Anspruch, ein lokaler Strommarkt sei der Stein der Weisen.

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  2. Die Frage nach den „elektrischen Transportverlusten“ sollte dabei im Vordergrund stehen. Ohnedies entsteht diese Veränderung nicht über Nacht. Sicher gibt es Orte, wo aus unterschiedlichen Gründen nicht genügend EE produziert werden kann.

    Doch andererseits gibt es Gebiete wo das Gegenteil der Fall ist – wo erheblicher Überschuss und das noch mit gewissen Schwankungen (voraussehbaren und witterungsbedingt) produziert werden kann.

    Wer also eine echte Energiewende will, muss nach Wegen suchen all das, so verlustfrei wie eben möglich zu verwirklichen. Kleinteilige PV (auf privaten Dächern) ist ein Baustein. Da sind Übertragungsverluste sehr, sehr gering. Gleichzeitig wird nochmals auf allen „Zubringerleitungen“ der nicht benötigte Strom zu den ansonsten unvermeidbaren Verlusten in einer erheblichen Größenordnung indirekt vermieden. Da dieser Anteil ca. 1/3 der benötigten elektrischen Energie ausmacht, eine kaum noch zu vernachlässigende Einsparung. Sicher wer an der Durchleitung von Energie verdient wird das sehr ungern vernehmen.

    Doch zu was können Verluste auf Leitungen nützlich sein ? Da fällt mir nun überhaupt nix ein. Bleibt noch „P2G“ a) um Energie speichern zu können. b) aber auch um Energie ohne die üblichen Verluste verteilen zu können. Und das nicht nur um das Gas überall wo jetzt schon eine Gasleitung vorhanden ist (praktisch in der kompletten Republik und völlig unsichtbar !) wieder zu „verstromen“ – nein, das kann mit geringem Aufwand sowohl zu Heizzwecken verbrannt oder für Antrieb von Fahrzeugen genutzt werden. Selbst die Chemie kann damit allerlei anfangen.

    Weitere Kombinationen mit anderen Gaserzeugern sind durchaus bereits Realität.

    All das braucht Zeit, doch einmal „losgetreten“ wird eine eigene Dynamik dafür sorgen, das alle technischen Möglichkeiten genutzt und weiterentwickelt werden. Bei der Photovoltaik unkten – und „unken“ wider besseres Wissen „bestimmte Kreise“ immer noch herum. Die Zeit und die angestoßene Entwicklung wird über sie hinweggehen oder wir alle dürfen uns auf darauf freuen, das spätestens unseren Enkeln das Licht buchstäblich ausgehen wird.

    Was auch wenig, bis keine Beachtung findet, dezentrale Systeme können nicht nur den lokalen Verhältnissen besser und ressourcenschonender angepasst werden – oft muss nur wenig verändert werden – nein, diese „virtuellen Kraftwerke“ sind bei entsprechender Auslegung auch im weitesten Sinn „unkaputtbar“ und bei entsprechender Anpassung „schwarzstartfähig“.

    Das wird alle, die weiter daran glauben nur „big sei beautiful“, verwundern und empören. Die unverkennbare soziale Komponente einer weit gestreuten Teilhabe an der Energieerzeugung, dürfte sich ebenfalls pro „dezentral“ auswirken – jedenfalls für alle, die sich unter „privat“ nicht unbedingt „im Besitz anonymer Großkonzerne“ verstehen. So kann, wer nicht nur Beton im Kopf hat, nur hoffen, dass dieser Kampf pro kleinteiliger EE ausgeht. Was tatsächlich größer sein muss, muss es eben sein. So sieht ein „natürlich wachsendes System“ eben aus. Wer die Kosten bei EE tatsächlich treibt, wir auch immer klarer…..

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  3. @Hubertus

    Die Argumentationskette hat am Entscheidenden Punkt eine Lücke, was ist noch lokal, was nicht mehr? Das Niederspannungsnetz (Verteilnetz) wurde ich klar als ein lokales Netz betrachten und hier sind auch die höchsten Kosten (oder Sparpotentiale?)
    Auf der anderen Seite ist das Höchstspannungsnetz sicher nicht mehr ein lokales Netz. Im absoluten Betrag sind die Kosten hierfür gar nicht mal hoch, der Nutzen für dezentrale Erzeuger ist aber zurecht zu hinterfragen.

    Nun haben wir in DE etwa 80 Städte mit mehr als 100.000 Einwohner. Wenn ich schätzen darf, dann gibt es keinen Weiler in DE, der mehr als 100km zur nächsten solchen Stadt hat. Die Frage ob die Stadt den solche Weiler noch als Erzeuger einbinden musste, lasse ich offen im Raum stehen und platziere hier einfach die Aussage, dass ich 50km gut mit Mittelspannung vernetzen kann. Das würde bedeuten, dass die drei Millionenstädte evtl. unterversorgt wären und entlegene Landstriche nicht das gesamte Erzeugeungspotential ausreizen könnten. Ob es gerechtfertigt ist, dass alle den Preis für die Hoch- und Höchstspannungebene, die von weniger als 10% der Bevölkerung benötigt werden zahlen sollen, kann jeder selbst urteilen. Ich sehe keinen Grund für eine finanzielle Unterstützung um Metropolen aufzublähen, um damit andernorts durch Entvölkerung abermals Probleme und Mehrkosten zu erzeugen.

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  4. Das eigentlich Interessante an der Diskussion über regenerative Energiequellen, Transportnetze, Stromhandel und diversen Zuschlägen, dem Gejammer der Kraftwerksbetreiber ist, das eine simple Tatsache übersehen wird:

    der Lebenszyklus eines Produktes. Dezentral erzeugte elektrische Energie wird seit 1884 verkauft – die BEWAG war der Vorreiter. Das Produkt „Strom“ selbst zu erzeugen, das war lange Zeit für die Konsumenten schlicht und ergreifend nicht möglich,

    1990 wurde das „1000-Dächer-Programm“ initiiert, gefolgt vom „100.000-Dächer-Programm“ im Jahre 1999. Strom selbst erzeugen? Nur etwas für gutverdienende Idealisten!

    Inzwischen hat sich die Situation geändert. Auf dem Dach eine 10 KWp – Anlage? Die Überproduktion wird in das Netz eingespeist? Noch!

    Demnächst wird der gespeichert, raus mit dem Zähler, Du Netzbetreiber! – ab in den Inselbetrieb. Und im Winter gleich das Mini-BHKW im Keller aus, wenn die Sonne schwächelt…

    Findige Nachbarn schalten sich zusammen, per Luftkabel von Grundstück zu Grundstück. Clever: im Inselnetz fliesst Gleichstrom. Netzfrequenz, Phasenlage, Blindstrom ade! Wechselrichter für die Wohneinheiten sorgen für den Rest.

    Das Produkt „zentral erzeugte elektrische Energie“ geht dem Ende seines Lebenszyklus entgegen, eigentlich ein simpler Technologiewechsel.

    Meinen Strom mach ich mir selbst!

    Übrig bleiben den „Energieriesen“ Ballungsräume und die Industrie. Noch.

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  5. @Mathias

    Die letzten 10% zur Atarkie im Heimnetz sind (wie bei allem) die Teuersten.
    Die meisten BHKW und Akkusysteme kommem mit Spitzenleistungen im Bereich 2-3,5 KW.
    Das Bügeleisen, der Wasserkocher und der Fön überfordern zusammen mit der Grundlast schon mal diese Systeme, Grossverbraucher wie Wäschetrockner, Waschmaschine, E-Herd oder Backofen kann man damit kaum in der Insel betreiben.
    Strippen zu Nachbarn schmeissen ist faktisch das selbe wie das Verteilnetz der Stadwerke/ Gemeinde, nur in technisch schlechter und Störungsanfalliger, bzw. wegen weniger Kontrolle und mehr Gefrickel auch gefährlicher.

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