Ganz Europa hat es natürlich bemerkt: Die Lichter blieben an, die Computer liefen weiter und es ist gerade mal ein wenig dunkler geworden am Vormittag. Ganz so, als ob es ein bewölkter Tag gewesen wäre.

Doch der Freitag war eine Belastungsprobe für das europäische Stromnetz. Wir berichteten in einer Live-Übertragung im Netz über dieses Spektakel. Hintergründe – und eine Zusammenfassung des Tages.

VoRWEg (sorry für das Wortspiel) ein wenig Selbstreflexion. Jeder kann wohl nachvollziehen, dass das erste Mal etwas besonderes ist. Das war es auch für uns. Thorsten Zoerner hatte die Idee, über die Sonnenfinsternis live zu berichten und wir planten zusammen die über drei Stunden lange Sendung (logischerweise nachts). Klar, es gibt einiges zu kritisieren (Details weiter unten), doch in der Summe waren wir überrascht, dass unsere Aktion solch großen Erfolg hatte. Ein Danke an die Zuschauer, Zuhörer und Unterstützer.

Das Grundproblem

Normalerweise ist eine Sonnenfinsternis eher ein schickes Phänomen für Hobby-Astronomen. Auch 1999 war das so. Doch in diesem Jahr war die Situation eine andere. Der Ausbau der erneuerbaren Energien in den letzten Jahren hat unsere Stromversorgung verändert und gerade die Photovoltaik erzeugt einen wesentlichen Teil des deutschen Energiebedarfs. Die Verdunkelung der Sonne ist deshalb etwas besonderes. Denn zu einer Zeit, in der die Photovoltaik-Anlagen langsam aber stetig zur Leistungsspitze aufdrehen, wird es dunkel in Deutschland. Das gibt es normalerweise jeden Tag, doch wenn die Dunkelphase ganz Deutschland und mehr betrifft, dann sinkt die Leistungserzeugung entsprechend auf ein Minimum.

Da im Stromnetz zu jedem Zeitpunkt jedoch genau so viel Leistung produziert werden muss, wie verbraucht wird, mussten die europäischen Übertragungsnetzbetreiber – in enger Zusammenarbeit mit den lokalen Verteilnetzbetreibern – den Leistungsrückgang durch andere Erzeugungsformen kompensieren. Oder auch im Einzelfall den Verbrauch in Teilen einschränken, wo es möglich war. Indikator für dieses Gleichgewicht ist die Netzfrequenz, die in europa bei 50 Hz liegt und sich nur in engen Grenzen verändern darf.

Netzfrequenz
Die europäische Netzfrequenz wurde während der Sendung live immer wieder eingeblendet.

Schwarzmaler können den Hut nehmen

Seit langem diskutierten verschiedene Experten darüber, ob diese Herausforderung das Netz zum Absturz bringen würde. Der teilweise postulierte Blackout – ein flächendeckender Stromausfall in ganz Europa – blieb jedoch aus. Techniker und Ingenieure der Netzbetreiber haben souverän bewiesen, was es heißt Netze zu betreiben, trotz dem hohen Aneil von volatiler Energieerzeugung. Die Kritiker stehen natürlich jetzt entsprechend schlecht da.

Einer der vehementesten Gegner der erneuerbaren Energien, der Journalist Daniel Wetzel, berichtete auch sporadisch live via Twitter aus der Netzleitstelle des Übertragungsnetzbetreibers 50 Hertz. Sind Flatterstrom, Dunkelflaute und Co. normalerweise ein Schreckgespenst für ihn, so konnte er heute nur berichten, dass es keinerlei Probleme gab:

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Laut Agora Energiewende war die Sonnenfinsternis eine Vorschau auf das Jahr 2030. Bis dahin soll die deutsche Energieversorgung nahezu komplett über erneuerbare Energien abgedeckt sein. Leistungsschwankungen wie am Freitag im 2-stelligen Gigawatt-Bereich wäre da keine Ausnahme. Da bis dahin auch der Speicherausbau weiter voranschreitet, wird die Umstellung auf Erneuerbare auch in Zukunft funktionieren.

Hangout On Air – Livesendung mit Hintergrund

SoFiWährend ein Großteil der Bevölkerung mit SoFi-Brillen das Naturschauspiel beobachteten, flatterten vielen aus der Energiewirtschaft die Hose.

Bereits vor einigen Tagen hatte Energieexperte Thorsten Zoerner zur Live-Berichterstattung im Netz eingeladen. Um 09:20 Uhr gingen wir – Thorsten Zoerner und Björn-Lars Kuhn – dann online. Mit von der Partie war Hubertus Grass, seines Zeichen auch Energieexperte und Autor der Plattform dialog-energie-zukunft.de der EnBW.

Die Übertragung war für uns eine technische Herausforderung. Bei mehreren Personen in einem Hangout mit Bildübertragung muss man schon über eine gute Internetbandbreite verfügen. So haben wir uns entschieden nur Thorsten Zoerner und Hubertus Grass als Bildquelle einzuspielen.

Damit auch interessierte Personen besser mithören und auch mitdiskutieren konnten, haben wir eine externe Telefonkonferenz mit an die Übertragung angebunden. Hier waren bis zu 50 Personen gleichzeitig als passive Zuhörer mit dabei. Auf Youtube konnte der konsolidierte Audio-Video-Stream dann als Komplettsendung betrachtet werden. Hier waren weit über Hundert Zuschauer online dabei.

Rein technisch hat man die Bandbreitenschwankungen bei der Übertragung durchaus gemerkt. Und auch die Disziplin der Telefonkonferenz-Teilnehmer war anfänglich nicht optimal. Wir haben daraus gelernt und werden diese kleinen Fehler in Folgeveranstaltungen abstellen.

SMA-Leistungsportal
(c) SMA AG

Die anwesende Expertenrunde diskutierte dann mit Beginn der Sendung über die Hintergründe und Zusammenhänge in Bezug auf die Herausforderungen an das Stromnetz und zeigte mit einigen Live-Charts auch z.B. den aktuellen Frequenzverlauf an. Als Indikator für die eingespeiste Leistung wurde dasPortal von SMA herangezogen, die mit Tausenden von Datenquellen in Solaranlagen die PV-Leistung für Deutschland recht genau hochrechnen können.

Bereichert wurde die Sendung durch Einbeziehung von weiteren Teilnehmern aus der Telefonkonferenz. So konnte beispielsweise Energieblogger-Kollege Jürgen Haar vom Photovoltaikforum über Messwerte seiner eigenen Anlage berichten. Zeitgleich gaben wir die aktuell diskutierten Inhalte via Twitter weiter. Das Hashtag #NetzSoFi schaffte es während der Übertragung mühelos auf die Trendliste.

Das das Interesse an der Netzstabilität enorm groß war konnte man auch im Netz spüren. Die Frequenzanzeige auf netzfrequenz.info oder auch auf Swiss Grid waren temporär wegen Serverüberlastung nicht erreichbar. Auch SMA hatte auf der PV-Leistungsplattform kleine Ausfälle zu verzeichnen.

Arbeiten wie die Großen

Während wir über die Sonnenfinsternis und die Auswirkungen im Stromnetz diskutierten gab es eine zweite Veranstaltung im Haus der Bundespressekonferenz. Die Naturstrom AG stellte dasGrünstrom-Markt-Modell (GMM) zusammen mit den an der Entwicklung beteiligten Firmen interessierten Journalisten im Detail vor.

Andreas Kühl - energynet.de

Hauptstadt-Korrespondent
Andreas Kühl von
energynet.de

Da Thorsten Zoerner, als Autor des Hybridstrommarktes natürlich persönlich an diesem Thema interessiert ist, und man die Statements der Pressekonferenz nicht verpassen wollte, war unser Hauptstadt-Korrespondent und Betreiber der Website energynet.de Andreas Kühl vor Ort anwesend.

Kurz nach der Veranstaltung in Berlin schalteten wir mit unserem Livestream direkt zur Bundespressekonferenz, wir zusammen mit Andreas Kühl ein Live-Interview mit Daniel Hölder (@DHoelder), Leiter Energiepolitik von Clean Energy Sourcing AG, führen konnten.

Andreas hat dazu einen eigenen Artikel geschrieben.

Thorsten Zoerner kommentierte später unsere gesamte Aktion mit den Worten:

«Zwei Dinge, die ich nie gedacht hätte zu sagen: „Wir schalten nun zu unserem Hauptstadt-Korrespondenten in die Bundespressekonferenz“ und „unsere Sendezeit ist leider zu Ende“»

Das fasst es ganz gut zusammen.

Auch Hubertus Grass, der während der Sendung einige Hintergrundinformationen und Erklärungen geliefert hat, zog ein positives Fazit und sagte spontan zu, solche Aktionen gerne zu wiederholen.

Regelleistung und Verbraucherabschaltungen

Netzbetreiber 50 Hertz teilte im Verlauf des Vormittages mit, dass die ausgeschriebene und bereit stehende Regelenergie kaum gebraucht wurde. Im Verlauf der Sonnenfinsternis wurden jedoch unter anderem verschiedentlich energieintensive Großbetriebe vier Mal für ca. 7 Minuten aus der Versorgung genommen.

Die genauen Zeitpunkte sind noch zu recherchieren, dürften jedoch im Zusammenhang mit den Reaktionszeiten von fossilen Kraftwerken stehen. Diese benötigen teilweise ein paar Minuten, um Leistungswerte anpassen zu können. Erfahrungsgemäß braucht ein Gasturbinenkraftwerk im Schnitt sieben Minuten bis es auf Leistung ist, also etwa genauso lange wie ein gut gezapftes Pils. (siehe auch: Agilität von Kraftwerken)

Das jedoch die Nichteisen-Metallindustrie – namentlich die WirtschaftsVereinigung Metalle e.V in einer Pressemeldung erklärt „Die Verordnung zu abschaltbaren Lasten hat sich bewährt. Unsere Industrie hat heute einen entscheidenden Beitrag zur Netzstabilität geleistet.“ hat schon einen gewissen Unterhaltungswert.

Solcher Unternehmen zahlen keine EEG-Umlage und fehlen damit in der Solidargemeinschaft, sind damit auf Grund eines Gesetzes verpflichtet, mit Abschaltungen im Bedarfsfalle zu rechnen und reden trotzdem davon, einen entscheidenden Beitrag geleistet zu haben.

Das ist ein klein wenig wie der Applaus im Ferienflieger nach Malle. Irgendwas kann man immer positiv darstellen, was sonst selbstverständlich ist.

Fazit:

Auch wenn in der Vergangenheit teilweise ohne Hirn und Verstand Solaranlagen im Megawatt-Bereich nur auf Grund von Rendite gebaut wurden und Kritiker immer mahnten, die Netzstabilität sei gefährdet, so hat sich doch bewiesen, dass unser Netz bzw. die verantwortlichen Techniker damit umgehen können.

Sonne weg, Wind Weg und Stau auf der A8 – für unsere Stromversorgung kein Problem- Wir sind auf dem richtigen Weg.

Da unsere Veranstaltung trotz technischer Einschränkungen recht gut in der Öffentlichkeit ankam, planen wir in Zukunft weitere, allerdings deutlich kürzere Live-Hangouts. Man darf also gespannt sein. Weitere Infos folgen.

(Beitrag: Björn-Lars Kuhn – Proteus Solutions)

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