Eine Woche in Frankreich liegt hinter mir, bei der die Gelegenheit bestand ganz normale Bürger über das Thema Energie und Strom zu interviewen. Nicht wissenschaftlich und repräsentativ – sondern unvorbereitet und spontane Gespräche, die wahrscheinlich ehrlicher und offener sind, als alle Meinungsumfragen je sein können.

In Deutschland können wir stolz sein,  lautet mein erstes Fazit, denn ich will nicht tauschen. Der Versuch einer Aufbereitung von sehr vielen Eindrücken.

Es ist uns allen bekannt, dass Frankreich eine große Atomnation ist. Strom und dessen Erzeugung ist den Bürgern so fern, wie dem Deutschen der Zusammenhang zwischen Burger und Rind.  Eine auf den König ausgerichtete zentralistische Weltanschauung schreibt vor, dass ein Konzept wie eine Bürgerenergiewende eigentlich nicht existieren kann. Protest hat eine Richtung: Nach Paris, die Leiter nach oben. Die Energiepolitik macht hier keine Ausnahme.

Strom kommt in Frankreich aus der Steckdose, obwohl es mittlerweile auch ein Bewusstsein über so etwas wie Einspeisetarife gibt (vergleichbar mit EEG). Preislich zahlt der private Kleinverbraucher deutlich weniger, als in Deutschland. Energiesparen wird nicht mit Stromsparen in Verbindung gebracht.

Das Hotel, indem ich übernachte, hat wurde früher von einem Fernwärmesystem beheizt. Heute übernehmen die Klimaanlagen in den Hotelzimmern diese Funktion, da der Strom zu günstig ist. Einer meiner Gesprächspartner sagt mir, dass dies auch für die Umwelt besser ist, das Wärmekraftwerk habe zuviel CO2 verursacht.

Ein Parisien, der mittlerweile in London lebt, erklärt mir mit Blick auf Deutschland, dass man in Frankreich alles richtig gemacht habe. CO2 ist die einzige Sorge, die man habe und Kernkraftwerke haben keine CO2 Emission.  In Deutschland sieht man ja, passiert wenn man auf Kohlekraftwerke setzt.

Tatsächlich vermarktet sich die Energiepolitik in Deutschland sehr schlecht. Das Zitat aus dem Titel stammt von einem anderen Gesprächspartner, der mir über die soziale Dimension der Energiearmut einige Punkte sagt. Die Schattenseite der französischen Energiepolitik ist, dass ganze Gruppen der Gesellschaft plötzlich in ein Problem gedrängt werden. Mit dem Strompreis habe dies zwar nichts zu tun…

Gerade in den ärmeren Vierteln am Rande der Ile De France sieht man, wozu eine fehlende Vollkostenrechnung bei >70% Atomstrom führen. Kommen neue Kostenbestandteile bei der Energieversorgung hinzu, gehen hier die Lichter aus. Mir werden im Internet Archiv einer Zeitung gezeigt, wie Überhitzung für viele lebensbedrohlich wurde.

Unisono bekomme ich die Story aufgetischt, dass jeder (meiner Gesprächspartner) bereits Verantwortung für die Personen übernimmt, die unter Energiearmut leiden. Als einige Kernkraftwerke im letzten Sommer in Revision gingen, gab es einen Aufruf die Klimaanlagen der Bürogebäude am Tage abzuschalten. Kernkraftwerke hätten schließlich eine durchgehende Erzeugungsmenge von Strom und am Tage wird für Computer und Produktion mehr Strom als in der Nacht verbraucht. Mit etwas Reue erinnere ich mich daran, dass ich meine grüne Bahncard letzten Sommer im Hotelzimmer gelassen hatte, damit die Klimaanlage weiter läuft.

Der Netzbetreiber ETF ist aus diesem Aufruf als (gefühlter) Held heraus gegangen, da er den Aufruf (scheinbar) veranlasst hatte. Eigenartig, in Deutschland denkt man so etwas wie Lastverschiebung würde nicht funktionieren, der Stromkunde kann nicht animiert werden. In Frankreich gibt zwar kein Demand-Responds, wohl aber ein ausgeprägtes Verständnis, dass Atomkraftwerke sehr unflexibel sind – und der Bürger mithelfen muss, wenn man weiter (wertlosen) Strom haben will.

Mit 320km/h geht es von Gar Est zurück nach Deutschland. In gerade einmal 1,5 Stunden überqueren wir die Netzentkopplungsstelle zwischen Forbach und Saarbrücken. An diesem Punkt werden die Bahnstromnetze voneinander getrennt, was für den Bahnfahrer lediglich daran erkennbar ist, dass der Strom auf den Steckdosen des Zuges kurz ausfällt. Ab jetzt  wird wieder mit Ökostrom gefahren….

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Ein Gedanke zu “Frankreich: Strom ist nichts wert – und Energie ist kostbar

  1. Nichts illustriert das Elend der Energiewende und die Ignoranz ihrer Vertreter besser als der Schlusssatz: „Ab jetzt wird wieder mit Ökostrom gefahren….

    Auf französischen Gebiet ist der Autor in der Tat mit sauberen, sicherem und billigem Atomstrom unterwegs gewesen. Mit dem Übertritt nach Deutschland fährt er hingegen zwar „rechnerisch“ eventuell mit WKA/PV-Strom, praktisch aber zu 80% des Tages mit Kohle/Gas-Strom.

    Da hilft auch eine theoretische Verzehnfachung der Subventionspropeller nicht, da es lediglich die Volatilität nach oben treibt.
    Der Autor hat mit großer Wahrscheinlichkeit allein mit seiner Deutschlandbahnfahrt mehr CO2 in die Luft geblasen, als während seines Frankreichaufenthaltes….

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