Dienstag Abend gegen 19:30 Uhr. Im Foyer des Palatin Kulturzentrums treffen sich grüne und graue  Menschen zum Bürgerdialog mit der Landesfraktion. Während der örtliche Musikverein noch die Bühne füllt, empfängt mein Smartphone eine Push-Nachricht über eine „Primary Control Reserve Activation“. Meistens bedeutet dies ein Kraftwerksausfall. Die Erfahrung zeigt, es müssen etwa -500 MW sein.

Eine sichere Stromversorgung ist uns allen wichtig, was bei zunehmender Häufigkeit der Push-Nachrichten zumindest bei mir eine gewisse Nervosität hinsichtlich der Diskussion um Kapazitätsmärkte aufkommen lässt.  Wird dann noch das Wort Versorgungssicherheit eingereiht….

„Es ist die entscheidende Herausforderung im künftigen Stromsystem, bei wachsender Produktion durch Sonnen- und Windenergie, das hohe Niveau der Versorgungssicherheit zu halten. Um das zu schaffen, müssen wir mehr tun, als nur zu versuchen, den Energy Only Markt der Energiewende anzupassen“, erklärte Umweltminister Franz Untersteller heute in Stuttgart mit Verweis auf das vom Bundeswirtschaftsministerium erstellte Grünbuch „Ein Strommarkt für die Energiewende“. (Quelle)

Sonnen- und Windenergie werden heute und in absehbarer Zukunft keine sichere Stromversorgung bringen. Dies zeigt schon einige Jahre die Auswertung zur Vollversorgung.  Eine konzeptlose Politik, die mittlerweile für jedes Thema eine Studie in den Akten hat, und jetzt sogar Studien zu Studien ausschreibt, wird es nur mit Arbeit und Fleiß schaffen eine messbare Verbesserung der Versorgungssicherheit hinzubekommen.

Ob ein Energy-Only-Markt genügend Impulse für eine sichere Stromversorgung liefern kann, darf man gerne so oder so interpretieren. Doch was sollen wir wirklich mehr tun?

Den Weg Richtung Kapazitätsmarkt würden andere Länder im Übrigen bereits gehen. So wurden in England Ende vergangenen Jahres Kraftwerkskapazitäten ausgeschrieben, Frankreich und Italien befinden sich in der Planungsphase. „Unsere Nachbarn sind da weiter als die Bundesregierung, wie es scheint“, sagte Untersteller.

Was macht man eigentlich in den Niederlande? – Man aktiviert den Stromkunden zu einer aktiven Komponente in der Kapazitätssteuerrung. In Baden-Württemberg traut man solch einem Modell nicht zu, man nutzt lieber ein Cash&Carry Modell mit Ökoanstrich:

Unsere Potenzialstudie für Süddeutschland, die wir zusammen mit Bayern und Agora Energiewende erstellt haben, zeigt, dass für kurze Zeiträume mehr als ein Gigawatt Stromverbrauch zeitlich nach hinten geschoben werden kann. Diese Lastverschiebung ist eine ausgesprochen kostengünstige Option zur Gewährleistung der Versorgungssicherheit. Zudem lässt sie sich sehr zeitnah realisieren“, so Minister Untersteller.

Herr Untersteller – aber auch die Bundesregierung – scheinen lieber an einem Strommarkt rumzudoktern, als zurück auf Anfang zu gehen und die Gründe für die heutigen Engpässe im Keim zu ersticken. Im Gegenteil: Es wird sogar zum Heiler auserkoren, was chronisch Krank zu sein scheint.

Auf der Webseite der EnBW findet sich nach meiner Rückkehr aus Wiesloch die Ursache für die Sofortnachricht einige Stunden vorher:

Kraftwerk Rostock 13.1.15
19:30
18.01.15
23:45
514 Steinkohle Ausfall 13.1.15
18:47

Wollen wir wieder über einen bedauerlichen Einzelfall reden? So wie in Hamm, wo man mit dem bestehenden Reserve/ Kapazitätsmechanismus Geld verdienen kann. Der Trend zeigt aktuell zwar wieder leicht nach unten, allerdings nur, da im Moment der Anteil der geplanten Nichtverfügbarkeiten zunimmt und damit die Basis für die ungeplanten verbessert wird.

Herr Untersteller spricht von 1 Gigawatt als kostengünstige Option, bei der jedoch nur die Industriebetriebe mitspielen dürfen. Wobei zeitgleich gilt:

Als bekennender Fan des RDK8 (auch EnBW), welches hoch flexibel seine Arbeit verrichten kann, frage ich mich schon, wie bei einem künftigen Kapazitätsmarkt mehr als nur eine Deckung der Grenzkosten  möglich sein soll. Jeglicher Kapazitätsmechanismus fördert alte Kraftwerke, die störanfällig mit schlechter Klimabilanz operieren. Lernen kann man dies sehr schön bei der Verbund AG aus Österreich, die sehr eindrucksvoll zeigt, wie man in Süddeutschland den Markt mit  Kohlestrom definiert.

In welchem Konzept wird auf die Verbesserung der Versorgungssicherheit bei den Altkraftwerken überhaupt eingegangen?

Beim Bundes Wirtschaftsministerium hat man bereits kapituliert. Auf Anfrage von blog.stromhaltig  teilt man mit:

Soll bei der Kalkulation des Angebotes davon ausgegangen werden, dass keine neuen Erkenntnisse aus der öffentlichen Konsultation zum Weißbuch erwartet werden?

Aus hiesiger Sicht spielt es für die Kalkulation des Angebots keine Rolle, welche Erkenntnisse aus der Konsultation des Weißbuchs zu erwarten sind.

Das Ziel ist eine Stromversorgung aus 100% Erneuerbaren, die der notwendigen Qualität einer Industrienation entspricht. Es ist eine Strategie gefragt, die dem Markt eine Ausgestaltung ermöglicht und Luft zum Atmen lässt. So schnell wie möglich voran gehen, unter Berücksichtigung der wirtschaftlichen Möglichkeiten und auch Veränderungen. Die heute bereits existenten Probleme unter den Teppich zu kehren, zeugt nicht gerade von Weitblick.

Hingeschaut bei den Veröffentlichungen an anderer Stelle, wenn Versorgungssicherheit inflationär genutzt wird – ohne ein Konzept die Stabilität der bestehenden Kraftwerke zu verbessern, hat dies ein Geschmäckle.

Hybridstrommarkt beerdigen?

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