Beiträge, die sich mit einem selbst beschäftigen, sind immer die schwierigsten. Am Anfang war wohl ein Erkenntnis-Junkie, der sich durch Daten gewühlt hat – heute jemand, der sich in seiner Freizeit mit Strommarkt-Design beschäftigt. Ziemlich schräg?

In meinem beruflichen Leben habe ich sehr viel mit den unterschiedlichsten Datentöpfen zu tun. Man macht sie auf – probiert, und kommt nach einiger Zeit zur Erkenntnis, dass die Suppe salzig ist. Beim Stromnetz gibt es sehr viele Datentöpfe, die in sich eine Faszination ausstrahlen. Man möchte jeden Topf probieren, um das ideale Gericht herauszufinden?

By NBC Television Uploaded by We hope at en.wikipedia [Public domain], via Wikimedia Commons
By NBC Television Uploaded by We hope at en.wikipedia [Public domain], via Wikimedia Commons

Öffnet man beim Thema Strom die Büchse der Pandora, so stellt man sehr schnell fest, dass Schein und Sein nicht zusammen passen. Die bezaubernde Jeannie ist mehr als nur Nullen und Einsen, mehr als nur Tabellen. Der Geist hinter den Daten spricht, aber nicht die Sprache, die zum Weltbild passt. Hypothesen, die sich aus dem Studium von Fachtexten und Nachrichten ergeben, finden plötzlich keine Bestätigung in diesen Zahlenkolonnen.

Da wetzelt es plötzlich, dass der Deutsche Stromverbrauch lediglich 21,5 Mrd. Euro schwer ist. Nüchterner Blick auf die Stromrechnung zeigt, dass der Verbrauch des Casa Stromhaltig damit 300%  mehr verbraucht, als der Schnitt, wenn in Deutschland nur von Privathaushalten Strom verbraucht würde. Da kann etwas nicht stimmen. Zahlen haben eine Macht.

Macht der Zahlen

Im Zuge der Liberalisierung des Strommarktes, sind die Veröffentlichungspflichten der beteiligten Akteure gestiegen. Für jeden frei zugänglich sind nun Daten im Überfluss abrufbar. Viele Töpfe, in denen sehr viele Gerichte gekocht werden.

Kommuniziert wird gerne, dass wir einen Netzausbau für den vielen Windstrom aus den Norden brauchen – die gesamte Erzeugung aus Erneuerbaren die Netze belastet und immer mehr Eingriffe notwendig sind.

redispatch_20141212Jeannie sagt: Die Re-Dispatch zahlen sagen, dass Braunkohle im Osten nicht zu den Verbrauchszentren im Süden gelangt. Die Eingriffe sind genau diese Re-Dispatches.

Es entstehen vollständig andere Aussagen beim Blick auf die Daten, als die Welt uns wetzeln möchte.

Leider kein Einzelfall, denn auch die Stromanbieter nutzen die Macht der Zahlen zur Kommunikation. Scheinbar bekommt der Leser eine objektive Zahl geliefert, tatsächlich ist sie behaftet von Ideologie: Netzentgelte auf der Preisinfo 2015.

Auf die Ausfälle bei den fossilen Kraftwerken angesprochen, meint einer der Experten hinter der jährlichen EEG-Berechnung, dass dies eine Momentaufnahme ist. Stimmt! Genau so würde ich die Auswertungen der Daten auch beurteilen.

Ideologger, Der

Die Experten streiten sich bei dieser Wortschöpfung noch um die genaue Schreibweise. Idiologger=Idiot und Blogger oder tatsächlich Ideologger=Ideologie und Blogger.

Jeder Blogger ist Hausherr in seinem Blog und will damit etwas erreichen. Hier sollen Dinge diskutiert werden dürfen und es soll ein Austausch stattfinden. Da gibt es dann auch mal die Macht der Worte zu spüren. Es ist erstaunlich, was manche (wenige) Kommentatoren denken, hier als Ideologie zu lesen.

Und einen Pilotenschein hat der Kerl auch noch....
Und einen Pilotenschein hat der Kerl auch noch….

Als Vielflieger (lieber 5 Stunden am Flugplatz sitzen, als 2 Stunden mit der Bahn reisen), Kurzstreckenfahrer (Gott gab meinem Fuß die Form eines Gaspedals – nicht zum Busfahren), Stromheizer, Fleischesser und Raucher, frage ich mich echt, wo die Ökoverblendung zum Vorschein kommen soll.

Bei der Frage nach Nachhaltigkeit schaut es schon anders aus. Hier geht es um Folgekosten, die durch Handlungen entstehen können, die  unmittelbar eingepreist werden müssen.

Die nuklear-fossile Stromerzeugung hat Folgekosten, die ich nicht zahlen will. Das hat für mich etwas mit Selbstbestimmung zu tun, die ich mir in einer Demokratie wünsche.

Jeannie sagtIm Strommarkt liegen in den Daten sehr viele Folgekosten begraben, über die wir heute keine (Er-)Kenntnis haben, oder verharmlost werden.

Wenn mir ein Unternehmen sagt, wie es seinen Weg aus der Kohleverstromung realisieren will. Welcher Aufwand in die Grundlagenforschung zur CO2-Abscheidung vorgenommen werden, dann kann ich sogar Fan von diesem Unternehmen werden.

Leider sieht die Realität in Deutschland so aus, dass die Daten verwendet werden um irgend einen kurzzeitigen Erfolg zu realisieren, ohne auf langfristige Nachhaltigkeit (die sich auszahlt!) zu setzen.

Die EnBW ist ein Cooler-Schuppen

enbwIm Oktober 2014 durfte ich eine sehr exklusive Führung durch das Rhein-Dampf-Kraftwerk Block 8 (RDK8) machen.  War ich begeistert? Natürlich: Große Maschinen, Lärm … welchem großen Junge gefällt dies nicht? Das allein reicht nicht, um hier im Blog die Prüfung auf Nachhaltigkeit zu bestehen. Ist man dann allerdings offen und vor allem ehrlich, liefert Zahlen und stellt sich dem Dialog (Hallo Kai und Hubertus! ). Werden die Karten neu gemischt…

Jennie sagt: Daten werden für die Meinungsbildung gebraucht, wer sie liefert erlaubt auch dafür Anerkennung zu genießen und Verständnis zu erhalten.

Genug Zuckerbrot für den Atomkonzern :) – Leider sind meine Fragen zum Stromnetz bereits über ein halbes Jahr unbeantwortet.

Ehrenamt in der Stromwirtschaft

ehrenamtViele Erkenntnisse über das Leben, das Universum und den ganzen Rest, habe ich in meinen Ehrenämtern gewonnen. Als Brandbatscher, Pflasterkleber und Profitröster, wird man an Grenzsituationen geführt. Das bietet Rückhalt, Erdung, Ausdauer und Stärke, die man in andere Bereiche einbringen kann.

Das Heroin des  Erkenntnis-Junkie  sind Aussagen wie „Wieso verstehen sie, was ich Ihnen da sage?“ vom Kraftwerksleiter beim RDK8 Besuch.

Für viele Unternehmen, Organisationen, Start-Ups, Universitäten, Politiker – sogar andere Blogger – ist es ein Rätsel, wie man ohne dafür Geld zu bekommen ein solch unsexy Thema wie Strom erschließen kann. Die Lösung ist leider banal: Der Wunsch auf Selbstbestimmung in einer Zivilgesellschaft.

Es gibt natürliche Grenzen der Selbstbestimmung, meine persönliche Prioritätsliste muss aber so weit wie möglich erfüllt werden:

  1. Versorgungssicherheit (Strom, wann ich ihn will)
  2. Nachhaltigkeit (Strom ohne Folgekosten)
  3. Kosteneffizienz (Strom zum günstigen Preis)
  4. Entscheidungshoheit (Strom woher ich ihn will)
  5. Transparenz (Strom von Daten und Informationen inkl. Aufklärung)

Bei fast 2.000€ pro Jahr ist mein Engagement diese Prioritätenliste vollständig erfüllt zu bekommen schon recht hoch. Kein anderer Lebensbereich verursacht mehr Kosten, bei ähnlich schlechter Abdeckung.

Dem Idiologger ist natürlich klar, dass er an der Nadel hängt und ohne Strom nicht leben kann. Muss man aber dafür die Triebe der Kundschaft zwangskastrieren?  Es ist davon auszugehen, dass der Heroin-Dealer am Bahnhof mehr Gespür hat als die heutige Stromwirtschaft.

Jennie sagt: [nichts mehr]

Irgendwann wird der Ideologger zum Ideenlogger und bewegt sich damit raus aus der passiven Berichterstattungswelt. Der wetzelische Welt-Journalist würde zwar gerne „schaffend“ sein, kann es aber nicht, da im Korsett der Nachricht gefangen.

Ehrenamt in der Stromwirtschaft ist eine Geschäftsführung ohne Auftrag, ein Amt ohne Mandat, eine Handlung ohne extrinsische Motivation.

Ehrenamt im Verein? Nein Danke! BDEW e.V. und VKU e.V. sind eher Teil des Problems als die Lösung.

Strommarkt-Designer

In „Die Teilung der Erde“ von Friedrich Schiller spricht Zeus zu den Menschen:  „Nehmt hin die Welt!“. Die Menschen teilen daraufhin die Erde unter sich auf.

„‚Ich war‘, sprach der Poet, ‚bei dir. Mein Auge hing an deinem Angesichte, an deines Himmels Harmonie mein Ohr – verzeih dem Geiste, der, von deinem Lichte berauscht, das Irdische verlor!‘ ‚Was tun?‘ sprichtZeus, ‚die Welt ist weggegeben, der Herbst, die Jagd, der Markt ist nicht mehr mein, willst du in meinem Himmel mit mir leben – so oft du kommst, er soll dir offen sein'“

Die Stromwelt wird aktuell neu (zu-)geteilt. Es wird von niemandem verlangt, dass  er blind irgend einem Modell vertraut.  Das Angebot steht, dass mein ehrenamtliches Engagement vorhanden ist, für Fragen und Kritik am Hybridstrommarkt – im Rahmen meiner Möglichkeiten – zur Verfügung zu stehen.

  • Jeder Besitzer eines Stromanschlusses hängt am Strommarkt
  • Jeder Besitzer einer PV-Anlage hängt am Strommarkt
  • Jeder mit einer Beteiligung an einer Anlage – hängt am Strommarkt

Engagement kann gezeigt werden, durch die Kommunikation von einigen wenigen Merksätzen (die auf den Hybridstrommarkt zutreffen).

  • Es gibt eine Alternative zu Kapazitätsmärkten
  • 100% Erneuerbare ist nur über ein entsprechendes Marktdesign möglich
  • Es gibt eine Alternative zur Abzocke im dezentralen Leistungsmarkt
  • Es gibt eine Zukunft für die Bürgerenergiewende
  • Es gibt Selbstbestimmung für Stromkunden
  • Es gibt Investitionssicherheit für neue Anlagen
  • Es gibt die Möglichkeit zur Mitbestimmung

Ja wenn…

Die Beobachtungen der letzten Wochen zeigt, dass scheinbar bei den Experten das Thema überhaupt nicht angekommen ist.

„Auch ist das derzeit nicht wirklich ein Thema für die Stiftung, da wir uns projektmäßig gerade sehr auf das besagte BBEn und ein anderes Projekt fokussieren.“

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Ein Gedanke zu “Vom Erkenntnis-Junkie zum ehrenamtlichen Strommarkt-Designer

  1. Hi Thorsten,

    soweit ich Deine Motivation und auch das Hybridstrommarkt-Modell verstanden habe, geht es Dir um das Recht auf Selbstbestimmung eigener Angelegenheiten. Nennen wir es Bürgerlich-Liberal. Nicht zu verwechseln mit Neo-Liberal und dem Abbau jeglicher schützender Grenzen.

    Deine Definition der Nachhaltigkeit ist: Nachhaltigkeit = Strom ohne Folgekosten. Sehr viele Folgen kann man in Kosten ausdrücken: Entsorgungskosten, Abbruchkosten, Gesundheitskosten, Kosten für Konflikte, Kosten für Flüchtlinge, Kosten für Hochwasserschutz, Kosten beim GAU etc. Für den Begriff gibt es auch den alten Ansatz von Hans Carl von Carlowitz. Er schrieb 1713 die „Sylvicultura oeconomica: haußwirthliche Nachricht und Naturmäßige Anweisung zur Wilden Baum-Zucht“. Es gab einen Mangel an Energie für die Schmelzhütten im Erzgebirge. Daher definierte er das Ziel „es eine continuierliche beständige und nachhaltende Nutzung gebe „. Es geht also darum, immer nur so viel zu nutzen, dass immer genug da ist.

    Dann gab es den Vorsitz der Norwegerin Gro Harlem Brundtland bei der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen. In „Our Common Future“ wurden erst die drei Säulen Ökologie, Ökonomie und Soziales definiert. Demnach ist Nachhaltig, was all diese drei Säulen dauerhaft sicherstellt. Ob man das in Geld oder in anderen Zahlen ausdrückt ist egal. Ökologisch nachhaltig wäre in meinen Augen, dass keine Arten Sterben und Ökosysteme nur in dem Maße genutzt werden, wie diese auch regenerieren. Ökonomisch nachhaltig wäre, dass es dauerhaft funktioniert und nicht ein Quartalswachstum das Dekadenwachstum vermasselt. Sozial wäre, wenn es allen einigermaßen gut gehen kann; auch außerhalb der „entwickelten Länder“.

    Ich lese Deine Artikel sehr gerne.

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