In wenigen Tagen ist es wieder so weit, die Weihnachtsgänse kommen auf den Speiseplan und lösen ein Ereignis aus, welches im Jahre 2009 als das Gänsebraten-Phänomen bezeichnet wurde (Bild-Zeitung). Gemeint ist eine Nachfragespitze nach elektrischer Energie um die Mittagszeit des ersten und zweiten Weihnachtsfeiertages, welche mal eintritt – mal aber auch nicht.

Geringer Stromverbrauch von der Industrie, bei unsicherem Stromverbrauch von den privaten Haushalten, bringt so manchen Netzbetreiber ins Grübeln, dabei hätte man schon vor einigen Jahren gegenlenken können.

Jammern ist billiger…

In einem Stromnetz muss zu jedem Zeitpunkt immer soviel Strom eingespeist werden, wie zum gleichen Zeitpunkt entnommen wird. Damit diese Balance gehalten wird, kommen verschiedene Mechanismen zum Einsatz.  Zeitlich gesehen ist die Netzfrequenz das letzte Steuerelement, welche bei einer Änderung mit Hilfe der sogenannten Regelenergie ein Gleichgewicht herstellt.

Zeitlich deutlich vorher hat jedoch der Handel und der Strommarkt einen entscheidenden Beitrag, dass die grundlegenden Parameter stimmen. Man geht davon aus, dass die sogenannten Bilanzkreisverantwortlichen rechtzeitig im Voraus die Nachfrage ihrer Kunden kennen und entsprechend auf dem Markt eingekauft haben.

Mit dem Festtagsmenü verhält es sich im Prinzip gleich, man weiß einige Tage oder Wochen im Voraus, welche Gäste kommen und plant entsprechend die Getränke, Zutaten, Beilagen und die Größe der Gans. Beim Besuch auf dem Markt wird dann entsprechend eingedeckt (um die Begrifflichkeit aus dem Stromhandel anzuwenden).

Das Tischlein-Deck-Dich bei Groß-Stromkunden, wie es viele Industriebetriebe sind, funktioniert anders. Hier gibt es Dinge wie die Registrierende Leistungsmessung, welche genau ermittelt,  wann welcher Stromverbrauch vorliegt – oder sogar der individuelle Eindeckung über die Strombörse. Dies alles führt dazu, dass den Betreibern des Stromnetzes sehr viel Arbeit bei der Ermittlung der Nachfrage durch den Markt abgenommen wird, weil es im Prinzip bereits eine Balance aus Angebot und Nachfrage gibt.

Gerade in den letzten Jahren gibt es immer mehr Berichte über Unternehmen, die ihren Stromverbrauch sogar an den Börsenpreisen anpassen können. Schade ist, dass man hier nur wenig konkrete Zahlen bekommt.

Das Photo-Unternehmen Agfa meinte auf Anfrage von blog.stromhaltig :

Your question reached Agfa’s corporate communications department in Mortsel, Belgium. I’m sorry to inform you that as a policy, we only provide this kind of information to official authorities. We are therefor unable to help you with your question.

Schade, der Otto-Normal-Bürger, der einen Teil der Stromrechnung des Konzerns zahlt, hätte bestimmt gerne erfahren, warum der Gänsebraten bei diesem Unternehmen einfacher vorhersehbar ist.

Ebenfalls angefragt wurde bei Agrafrost, AFM-Aluminium, ABC Klinker, Classen und 50 weiteren Unternehmen, die keine Rückantwort zur Besonderheiten des Stromverbrauchs geben wollten.

Eine Antwort liefern allerdings die Stromnetze selbst. Auf den Seiten der Übertragungsnetzbetreiber lässt sich die Systemlast abrufen. Parallel ist bekannt, welche Menge Strom für die privaten Stromkunden eingespeist wird. Berechnet wird diese Strommenge durch die Anzahl der Haushalte in Deutschland (=40,1 Millionen) bei gegebenem Durchschnittsverbrauch (=3050KWh/Jahr).

Zieht man von der vertikalen Systemlast die Haushaltsstrom-Abnahme ab, so bleibt kaum noch anderer Stromverbrauch übrig.

Die Gänsebratenspitze ist weniger ein Problem, dass sehr viel Strom verbraucht wird – es ist ein Problem, da dieser Strom nicht durch den Markt/Handel bereits in Balance gebracht werden konnte. Wie man am Modell des dezentralen Leistungsmarktes des BDEW und VKU erkennen kann, jammert man auch in den kommenden Jahren lieber, als der Gänsebratenspitze ihre Mediale Schärfe zu nehmen. Schlagzeilen mit Bestandteilen des Weihnachtsmenüs sind nun mal auch eine Form der PR stimulierten Werbung.

Hybridstrommarkt? Bei diesem Design des Strommarktes kann es durch die deutlich flexibleren Gestaltung der Erzeugungs/Verbrauchs Balance eine Gänsebratenspitze geben, aber dies ist dann vorhersehbar.

(Bild zum Beitrag: A. Fiedler @ flickr – CC BY SA 2.0) 

Den Beitrag "Die Gänsebratenspitze - oder warum die industrielle Stromnachfrage besser ist als die private offline Lesen:

8 Gedanken zu “Die Gänsebratenspitze – oder warum die industrielle Stromnachfrage besser ist als die private

  1. Als sogenannter Bilanzkreisverantwortlicher muss ich jetzt mal einiges klarstellen:
    1. Die Bilanzkreisverantwortlichen müssen sowohl den industriellen als auch den privaten Verbrauch Ihrer Kunden vorab prognostizieren und über den Strommarkt abdecken. Das Problem über längerer Feiertagsperioden ist, dass auch Bilanzkreisverantwortliche an den Feiertagen gern feiern möchten und deshalb heute am 23.12. Prognosen und Handelsgeschäfte bis zum 29.12. erstellt werden. Das ist auch eigentlich kein Problem, wenn der private Verbrauch nicht zum Teil sehr wetterabhängig wäre. Die Wetterdienste können Temperatur und Globalstrahlung und Niederschlag nur für 3 Tage ausreichend genau prognostizieren. Das heißt ab dem vierten Tag (dieses Jahr der 27.12.) werden Wetterprognosen und damit auch die Verbrauchsprognosen und die Einspeiseprognosen für Wind- und Fotovoltaikerzeuger ziemlich ungenau. Und wenn jetzt ungenaue Verbrauchsprognosen für privaten Verbrauch und ungenaue Erzeugungsprognosen für Wind- und Sonnenstrom am nächsten Wochenende blöd aufeinandertreffen, kommen die verantwortlichen Netzbetreiber ins schwitzen und die für diese Ungleichgewichte vertraglich gebundenen Reservekraftwerke eventuell an ihre Grenze. Da Dilemma ist nur auflösbar, wenn die BKV sich keine Feiertage gönnen würden – aber das treibt dann wieder die Verbraucherpreise in die Höhe, weil Feiertagsarbeit gerechter weise auch bezahlt werden will – das gilt auch in jedem Strommarktdesign. Die Gänsebratenspitze ist jedoch kein Problem, weil sie jedes Jahr zur gleichen Zeit auftritt, unabhängig vom Wetter ist und damit von den BKVs gut prognostiziert werden und damit am Markt auch gut eingedeckt werden kann. Das ist deshalb überhaupt kein Thema, aber wird in populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen gern herangezogen um den Lesern komplexe Themen halbwissenschaftlich zu vermitteln.

    Antworten
    • @Ulf

      Strompreiserhöhung weil einige BKV Feiertags/am Wochenende arbeiten müssten?
      Also bitte, das ist gelinde gesagt lächerlich… oder ihr verdient bei weitem schon zu viel! Würdest Du uns mal verraren, wieviel elektrische Energie in Deinem Bilanzkreis pro Tag in etwa umgesetzt wird, dann dürfte schnell auffalen, dass auch 1 Dutzend Feiertage im Jahr mit 100% Zuschlag nicht ins Gewicht fallen werden, wenn Du „Normalverdiener“ bist!

      Die 52 Wochenenden brauchen uns ja nicht zu kümmern, bis zu 3 Tagen im Voraus sind ja kein Problem, wie Du schreibst. Auch Montags- oder Fretags-Feiertage sind noch kein Problem, bleiben also nur die hohen christlichen Feste, Ostern und Weihnachtem. Das sind dann 2 Tage mitt 100% Zuschlag, von 220-240 Arbeitstagen im Jahr oder schlicht 1% erhöhte Personalkosten aufs Jahr gerechnet, bei den Bilanzkreis-Verantwortlichen. Peanuts!

      Als jemand der jahrelang Schichtdienst im medizinischen Bereich geschoben hat, mutet mir Deine Argumentationslinie seltsam an, denn weder Kraftwerkspersonal noch Feuerwehr oder Polizei, noch Hotels oder Gastronomie stellen an solchen Tagen den Dienst komplett ein. Warum sollten Stromer nicht das selbe wie Bahner leisten können?

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  2. Pingback: Gänsebratenspitze | EnWiPo Energie­Wirtschaft­Politik

  3. Wer hat das denn hoch gedrueckt, da brat mir doch einer ….

    ————————–

    “ Fuern Zehner durchs Jahr ……

    http://yle.fi/uutiset/electricity_prices_exceptionally_low_this_holiday_season/8554382

    Bemerkenswert wenn solche Nachrichten aus Atomlaender kommen und der niedrige Strompreis nichts mit der Atomkraft zu tun hat.“

    (heute bereits auf Telepolis veroeffentlicht)

    Und was jetzt noch fehlt:

    http://yle.fi/uutiset/rare_white_stork_takes_up_residence_in_central_finland/8553935

    3 kg Fleisch frisst so ein Vogel am Tag …. das kann doch nicht sein,oder?!
    Gut, im Winter, wenn er draussen steht, auf dem Balkon und ohne Schuhe …

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