Kommenden Samstag findet der Tag der offenen Tür am neu gebauten Rhein-Dampf-Kraftwerk Block 8 (RDK8) der EnBW statt. Bereits vorab durfte blog.stromhaltig geführt von Kraftwerksleiter Dr. Manns die Anlage im Karlsruher Rheinhafen besichtigen.

In ein Kohlekraftwerk heute zu investieren benötigt vor allem eine Vision, ein Betriebskonzept, eine Rolle, die mit der Anlage übernommen werden soll. Flexibilität im Betrieb ist dabei ein Schlüssel zum Erfolg.

„Für die Mitarbeiter ist die Situation schwierig“, sagt Kraftwerksleiter Joachim Manns. Sie bekommen die öffentliche Diskussion über Kohlekraftwerke mit und merken, dass unsere Budgets reduziert werden. Da fragen sie sich natürlich, ob ihr Arbeitsplatz eine Zukunft hat.“ (Gegenüber Die Welt)

Anlagen zur Erzeugung von elektrischer Energie kann man im groben nach ihrer Möglichkeit der Lastgangfolgung untergliedern. Im Klartext, ob die Kraftwerke in der Lage sind, dann viel Strom zu erzeugen, wenn viel verbraucht wird – und dann wenig zu erzeugen, wenn wenig Strom verbraucht wird. Die schlechteste Klasse nehmen die Kernkraftwerke ein. Dort ist es technisch nur sehr schwer möglich die erzeugte Strommenge nach der Uhrzeit (Bedarf) anzupassen. Früher wurde dies als sogenannte Grundlast bezeichnet, d.h. die Rolle der Atomkraftwerke war es den Verbrauch zu decken, der 24 Stunden am Tag in das Netz eingespeist werden muss. Andere Kraftwerkstypen mussten mit ihrer Erzeugung dem Verbrauch folgen.

Wende der Stromerzeugung

lastgang20141007Eine weitere Klasse der Stromerzeuger sind die PV und Windparks. Diese Kraftwerke lassen sich sehr gut nach unten korrigieren, d.h. die Erzeugung kann zwischen 0% und 100% der Erzeugung gesteuert werden. In der Verfahrenspraxis wird durch das Grünstromprivileg (gekoppelt durch die Vermarktung des EEG-Stroms am Spot-Markt) diese Flexibilitätsoption nicht genutzt. PV und Windstrom-Anlagen erzeugen immer soviel, wie gerade wetterbedingt möglich ist.

Nach meinen Kenntnissen sind die fossilen Riesen sehr unflexibel. Innerhalb wie vieler Minuten lässt sich da etwas regeln? (Frage des Lesers Kilian)

Zum Zeitpunkt des Besuches (ca. 20:00 Uhr) speiste das Rhein-Dampf-Kraftwerk 850 MW, der möglichen 912 MW Vollast, in das Stromnetz ein. Dies entspricht etwa 93% der Vollast. Technisch möglich ist ein Betrieb zwischen 20% und 100% der Last, wobei der Lastgang eines Tages vollständig „nachgefahren“ werden kann.

Lastfolgebetrieb

Angenommen im RDK8 soll im Lastfolgebetrieb gearbeitet werden, dann hätte das Kraftwerk zum Zeitpunkt des Spitzenverbrauches am 07.10. um 14:00 Uhr 912 MW Leistung bringen müssen und somit 8,95% des Strombedarfs für das Gebiet der TransnetBW abgedeckt.

Rechnerischer Lastfolgebetrieb des RDK8 - 07.10.2014
Rechnerischer Lastfolgebetrieb des RDK8 – 07.10.2014

Um über den gesamten Dienstag die Quote von 8,95% zu halten hätte der Block somit im Bereich zwischen 912 MW (=100%) und 633 MW (=69%) gefahren werden müssen.  Diese ~30% Schwankung entspricht auch in etwa der Schwankung, die durch alte Steinkohleblöcke realisiert werden kann.  Diese alten Meiler sollten allerdings keine Rolle bei der Energiewende als sogenannte Schattenkraftwerke spielen, denn sie folgen lediglich der Schwankungen, die durch den Verbrauch indiziert werden – nicht aber den Schwankungen bei der Erzeugung.

Schattendasein

„Die Einsatzweise und Aufgabe von konventionellen Kraftwerken wandelt sich“, erklärt Manns. „Es wird künftig immer mehr darum gehen, die Anlage dem Markt zur Verfügung zu stellen, nicht sie die ganze Zeit voll laufen zu lassen.“ (Gegenüber Die Welt)

Erzeugte Strommengen Wind+Sonne am 07.10.2014 im Gebiet der TransnetBW
Erzeugte Strommengen Wind+Sonne am 07.10.2014 im Gebiet der TransnetBW

Am Dienstag den 07.10.2014 war es sehr regnerisch in Baden-Württemberg, die typischen Herbstwinde kamen erst gegen Abend.  Um die Rechnung einfach zu halten, soll eine Momentaufnahme dieses Tages erstellt werden – und die Frage beantwortet werden, wie viel Schatten benötigte es? Die Rechnung erfolg analog zur Berechnung von oben.

schattenkap_20141007Der größte Anteil von Strom aus Windkraft und Fotovoltaik wurde in der Zeit um 12:45 Uhr mit 1167 MW (=12,3% des Verbrauchs) erreicht. Die restlichen Stunden sind entsprechend durch Schattenkapazitäten abzudecken. Mit dem RDK8 hätte (fast) die gesamte bestehende Stromerzeugung aus Wind und Sonnenenergie in Baden-Württemberg abgesichert werden können.

Stromwende: Gemeinsam mehr erreichen

Vieles rund um die Energiewende klingt heute wie ein großes Motivationsproblem.  Negativ ausgedrückt, schafft es das RDK8 nicht einmal 10% der Bevölkerung in Baden-Württemberg mit Strom zu versorgen. Bei Wind und Sonne sieht es noch viel schlechter aus, wenn man den ganzen Tag des 07.10.2014 betrachtet. Ja, es ist nur eine Momentaufnahme….

RDK8 + Windkraft und Photovoltaik schafften am 07.10.2014 etwa 12,3% der Stromversorgung von Baden-Württemberg zu stemmen. 

Der Stromhandel macht leider diese ganze Rechnung kaputt… darauf soll aber hier nicht weiter eingegangen werden…

Kleines Zahlenspiel zum Abschluss:

Im klassischen Lastfolgebetrieb hätte das RDK8 am 07.10.2014 18,2 GWh Strom erzeugt. Im Schattenbetrieb 16,6 GWh (-8,8%). Der Wirkungsgrad von Kohlekraftwerken liegt im globalen Schnitt bei 30% – beim RDK8 bei über 46%.

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4 Gedanken zu “Mit Kohlekraftwerken dem Lastgang folgen

  1. Tja, leider ist die („mehrheitspolitische“) Devise in Deutschland aber die träge Kernenergie bis 2023 zu erhalten und den Weiterbetrieb der mindestens ebenso trägen Braunkohlekraftwerke durch den Aufschluß neuer Braunkohlentagebaue und Stromnetzausbau für mindestens weitere 50 Jahre zu zementieren.

    Vor dem hintergrund, dass derartige politische Entscheidungen gegen die mehrheitliche Meinung in der Bevölkerung maßgeblich durch die Lobbyarbeit von Konzernen -wie unter anderem EnBW- vorangebracht werden, ist mein Verständnis für die Lage der Mitarbeiter in einen Kraftwerk wie RDK8 ungefähr genauso ausgeprägt, wie mein Vertändnis für die Mitarbeiter von Rüstungskonzernen, die Angst um ihren Job haben, wenn weniger Waffen exportiert werden sollen.

    Es braucht werden Rückgrat noch Cojones, um derartige Arbeitsverträge erst gar nicht zu unterschreiben, ein Minimum an Selbstwertgefühl wäre ausreichend.

    Einfach ausgedrückt, wer ein mustergültig schlechtes Beispiel vorrechnet, um aufzuzeigen, wieviel besser so ein Steinkohleblock im Vergleich zu Wind und Sonne wohl ist, hat ganz offensichtlich die Realität verkannt.

    Das Netz der TransnetBW ist ein Musterbeispiel fehlgeleiteter Energiepolitik, bei keinem anderen Netzbetreiber ist der Anteil an Widstrom so gering wie dort. Am 7.10.2014 speisten die WEA im Netz der TransnetBW in der Spitze halt nur 240 MW während es im Netz von TenneT Minimum 4,5 GW, bei 50Hertz 3 GW und selbst bei Amprion noch mehr als 1,3 GW.
    Und das lagt nicht am Wetter, es leigt daran, dass es im Netz der TransnetBW halt einfach weniger als 700 MW an WEA gibt, weniger als 2% der in Deutschland installierten Windkraft-Leistung entspricht. Im Vergleich zur Versorgung von 12% der Bevölkerung einfach viel zu gering.
    Im restlichen Deutschland war an diesem Tag der Anteil der Windenergie an der Gesamterzeugung wohl zu keinem einzigen Zeitpunkt unter 25%.

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    • Grundlegend richtig – aber der Punkt, der mich am meisten stört ist die fehlende Kooperation zwischen den Erzeugungsarten. Soll die Energiewende überhaupt irgend wann gelingen, dann muss gemeinsam an einem Strang gezogen werden. Das Schattenkraftwerke benötigt werden, sollte nicht in Frage stehen. Das Kraftwerke wie Lippendorf, Schkopau, Schwarze Pumpe noch am Netz sind, ist eine Zumutung für den gesunden Menschenverstand.

      Hinsichtlich des WEA-Ausbaus in BW tut sich allerdings aktuell auch mehr als in anderen Bundesländern. Das Verschlafene aus den letzten Jahrzehnten ist der Zubaurekord der Gegenwart. Nur… ob man den Stand von Niedersachsen, Brandenburg und Co. überhaupt erreichen kann, wird wohl von der nächsten Landesregierung abhängig sein.

      Was die Mitarbeiter am RDK8 angeht, dann denke ich auf keinen Fall, dass es sich um reine „Heizer bei der E-Lok“ handelt, sondern eher um Zubaubeschleuniger, denn die ominöse Dunkelflaute kann man so nicht mehr als Bremsklotz vorschieben.

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  2. Thorsten, „In der Verfahrenspraxis wird durch das Grünstromprivileg… nicht genutzt.“ Du meinst den Vorrang der EE oder die (nun abgeschaffte) Politik des Grünstromprivilegs? Wenn zweiter, dann verstehe ich dich nicht und bin für eine Erläuterung dankbar.

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