Bereits im Juni dieses Jahres hatte der Präsident der Bundesnetzagentur Jochen Homann eine Steigerung der Netzentgelte für Eigenstromer gefordert (blog.stromhaltig berichtete). Nach der dürftigen Reduktion der EEG-Umlage fühlen sich jetzt auch viele Interessenvertreter alarmiert, dass in Sachen Letztverbrauchspreis etwas geschehen muss.

Ist die Infrastrukturumlage bereits beschlossen?

Fast 90% der Kosten auf der Stromrechnung eines Letztverbrauchers sind variable, d.h. sie hängen unmittelbar mit der verbrauchten Menge an elektrischer Energie zusammen. Mit dieser Praxis ergibt sich für die Netzbetreiber ein Dilemma, denn optimierter Strombezug und damit rückläufige Verbrauchsmengen (vergl. Deutschland verbraucht immer weniger Strom), lässt sich nicht mehr mit Schönrechnen wegdiskutieren.

Bittere Wahrheit: Sparen schadet der Infrastruktur

Wird weniger Strom verbraucht, nehmen die Netzbetreiber weniger Geld ein. Infrastrukturkomponenten wie Leitungen, Trafos und Umspannwerke altern immer gleich schnell – unabhängig davon, wie viel Strom dadurch zum Letztverbraucher transportiert wurde. Die in der Buchhaltung übliche Praxis der Abschreibung über die Lebzeit passt sehr gut – folgen die Einnahmen allerdings nicht parallel, so klafft irgendwann eine Lücke zwischen dem benötigten Verbrauch und dem tatsächlichen Verbrauch.

Im Spätjahr 2014 ist der Beginn einer Umwälzung erkennbar, welche  zunächst durch einen spürbaren Anstieg der Netzentgelte erkennbar ist. Auf Kurz oder Lang wird wohl eine fixe Infrastrukturumlage kommen, die unabhängig von der Verbrauchten Strommenge ist.

Der Strom-Soli

„Die Wettbewerbsverzerrung bei den Stromkosten bekommt jetzt eine neue Dimension: Betriebe aus der Region Südwestfalen haben es demnächst nicht nur schwer, mit Betrieben aus Nachbarstaaten wie z.B. Frankreich oder Polen zu konkurrieren. Bei den Stromkosten haben jetzt auch noch Betriebe aus anderen Regionen Deutschlands die Nase vorn.“  (WSM Hauptgeschäftsführer Christian Vietmeyer gegenüber dem Verlag Proteus Solutions)

Über 600 verschiedene Verteilnetze gibt es in Deutschland, ein Flickenteppich, bei dem zwar einige Netze durch den gleichen Netzbetreiber betrieben werden, jedoch durch eine Rekommunalisierung immer mehr zu Inseln werden. 

Die 4 Übertragungsnetze liegen darüber wie lose Wasserstraßen. Verteilnetzbetreibern wird aktuell eine Eigenkapitalrendite von 9% zugestanden – geht der Stromverbrauch zurück, gehen die Netzentgelte in diesem Netz hoch, damit die Rendite gleich bleibt. Transferzahlungen für Gebiete, die vom Investitionswillen benachteiligt  wurden, gibt es nicht. Die Stromnetzperle in Berlin hat mit einem Netz in Südwestfalen nichts zu tun.

Ein Strom-Soli wird es wohl früher oder später geben, damit veraltete Infrastruktur nicht einem wirtschaftliches Genickschlag zum Opfer fällt.

Nichts mit Energiewende

In Richtung der Energiewende zu schauen und den Umbau der Verteilnetze in den Bereich der Folgekosten von Strom aus Wind -und Solaranlagen zu stecken, ist eine Verdrehung der Tatsachen. Sargträger der Energiewende reden heute von Netzdienlichkeit, wenn in Wirklichkeit von zu geringen Investitionen in den vergangenen Jahrzehnten in das Stromnetz gesprochen werden kann. Wie ein AKW einem Verteilnetz in Südwestfalen dienlich sein kann, sollte gerne einmal geschrieben werden. Kostenverlagerung von den Betriebskosten zu Erzeugungskosten sind wohl treffender.

Rendite via Infrastrukturumlage

Kommt als nächste Stufe der Netzentgelte eine zentrale Infrastrukturumlage, dann ist die 9% Eigenkapitalrendite auch in Zukunft gesichert. Ohne Risiko steht Topf zur Verfügung. Auf eine Umlage mehr oder weniger kommt es auf der Stromrechnung nicht mehr an. Das trifft den Gewerbebetrieb – wie auch den privaten Stromkunden.

Die ideale Lösung wird wohl eine vollständige Umgestaltung der Tarifierung des Strombezugs. Die heutigen Produkte sind zu weit von den tatsächlich zu lösenden Problem entfernt.

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Ein Gedanke zu “Gerechte Verteilung von Infrastrukturkosten – Netzentgelte

  1. Schön beschrieben, die entscheidenden Fragen wurden aber gar nicht gestellt.

    Wenn die Kosten für das Netz steigen, so sehr, dass sie wirklich unangenehm werden, hilft denn dann eine „Umstrukturierung“ des Marktes/der Kostenumverteilung überhaupt noch/etwas, oder müssen wir schlichtweg -beim Vergleich mit anderen Alternativen, wie Lastverschiebung und Speichersysteme- feststellen, das Netz wird zunehmend weniger wirtschaftlich?

    So wie ich mir „dezentrale Stromerzeugung“ vorstelle, werden wir jede Menge Anlagen im einstelligen MW-Bereich und kleiner haben. Wenn kein Wind weht und keine Sonne scheint, werden wir Brennstoffe (von Biomasse über Erdgas bis hin zur Kohle) auch in kleinen (KWK-)Anlagen verfeuern oder Batteriespeicher verwenden. Wenn man aber für die örtlichen WEA und PVA auch ein entsprechendes Backup lokal vorhält, dann braucht man kaum „mehr Netz“ als bis zur Mittelspannungsebene.
    Die Hoch- und Höchstspannungsnetze, werden ebenso wie die die HGÜ-Leitungen werden in einem System der dezentralen Erzeuger vermutlich nur eine einzige Funktion erfüllen (können), nämlich die Kostenoptimierung. Es muss kostengünstiger sein, eine Fernleitung zu errichten, als einen lokalen Backup-Erzeuger.

    Für die Nord-Südtrassen die dann (überwiegend) Offshore-Strom nach Bayern transportieren sollen kann man anhand der Vergütungen sagen 19¢/kWh für Offshorewind plus 8-9 ¢/kWh Netzentgelte sind schlichtweg teurer als die 12 ¢/kWh Grundvergütung für Biogas, selbst noch mit 7 ¢/kWh NaWaRo Bonus ist die Erzeugung vor Ort erheblich günstiger. Und auch mit dem Technologie-Bonus und dem Gülle-Bonus ist Biomasse noch günstiger als Offshore+Netz. Erst mit dem KWK-Bonus würde auf den ersten Blick teurer werden, nur hinkt dann der Vergleich, denn mit KWK erzeugt man auch deutlich mehr Nutzenergie.

    Unter dem Aspekt darf man zurecht die Sinnhaftigkeit von neuen Nord-Südtrasssen anzweifeln.
    Mehr noch, wenn man sich die Frage stellt, wann denn die vielen WEA (On- und Offshore) im Norden jemals mehr Strom erzeugen als im Norden verbraucht wird. Solange im Norden munter Steinkohlekraftwerke unvermindert weiter betrieben werden, ist da überhaupt kein überschüssiger Windstrom der an andere Orte weiterverteilt werden könnte.

    Nur mit immer noch mehr neuen Steinkohlekraftwerken im Norden errichtet, die sehr geringe Brennstoffkosten (~90€/Tonne, ~0,7 Cent pro kWh thermisch, ~2,1 ¢/KWh elektrisch) haben und auch jederzeit Strom liefern können werden sich die Trassen rechnen. Mit der kostengünstigen Onshore-Windkraft würden die Trassen zu selten ausgelastet werden und kaum Strom transportieren, denn Onshore Windkraft liefert nur während ~1000 Stunden im Jahr mehr als 40% der Nennleistung. Offshore Wind kommt zwar schon auf ~3000 Stunden mit mehr als 40% der Nennleistung, aber auch das reicht nicht, um so eine Trasse hinreichend auszulasten. (vgl. Leistungsdauerkennlinien auf http://www.windmonitor.de)

    Sowohl die Süd-Ost Trasse direkt ins mitteldeutsche Braunkohlerevier wie auch die Nord-Südtrasse sind letztlich nur Kohlestromschienen die liebend gerne auf dem Trittbrett der Erneuerbaren mitfahren wollen. Für die Erneuerbaren oder einer dezentralen Stromversorgung oder auch einfach der Vermeidung von CO2-Emissionen bringen sie gar nichts, im Gegenteil, sie stehen diesen Zielen sogar im Weg. Allerdings sind die Leitungen ein toller Baustein, um die AKW im Süden Deutschlands still zu legen.

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