Sommerzeit ist Gewitterzeit. Auch für die kommenden Tage meldet die Unwetterzentrale einzelne lokale Gewitter, die ihre Spuren auch im Stromnetz hinterlassen. Kann man das Eigenheim relativ leicht vom Stromnetz trennen und entsprechende Schutzvorrichtungen installieren, ist ein fossiles Kraftwerk mehr oder weniger schutzlos dem Geschehen ausgeliefert. Schnelles und vor allem kompetentes Handeln wird von den Betriebsmannschaften gefordert, um im Ernstfall auf das Wetterphänomen zu reagieren, das deutlich schwerer vorhersehbar ist als Sonne und Wind.

Im Interview mit blog.stromhaltig beschreibt ein Schichtleiter eines fossilen Kraftwerkes,  seine Eindrücke bei einem Gewitter.

„Solange keine Handwerker in der Anlage unterwegs sind, ist das hier der ruhigste Job der Welt“, scherzt Friedrich [Name durch Redaktion geändert]

Die Männer (und eine Frau) haben den Laden im Griff. Störungen gibt es fast keine, daher ist die Überwachung der Monitore in der Regel durch Abwarten bestimmt. Lediglich, wenn sich Handwerker in der Anlage befinden, dann rechnet man damit, dass eine Alarmmeldung auf dem Monitor rechts erscheint.  In Ampelfarben gekennzeichnet, so dass man gleich weiß, wenn etwas passiert. „Da rutscht einmal der Elektriker ab – mehr als ‚Gelb‘ bekommen die aber nicht hin“ – Veränderungen am Kraftwerk verursachen immer wieder kleinere Störungen, da man in der Leitwarte allerdings weiß wer gerade welche Änderung wo vornimmt, ist die Lokalisierung einfach. Im Kopf wird bereits ein Plan geschmiedet, wenn der Lötkolben hinrutscht, wo er nicht hin soll.

„Ist ein Gewitter angekündigt, dann stehen hier alle stramm.“

Schwüles Wetter führt sehr schnell zu lokalen Überentwicklungen, die sich mit Blitz und Donner entladen. Sobald die ersten Cumulonimbus Wolken am Himmel sind, befindet sich kein Handwerker mehr in der Anlage. Die Leitwarte ist voll besetzt und das Radio, das ansonsten 24/7 den Raum leicht beschallt, ausgeschaltet.

„Wir wissen nie was passiert“

leitstand_kleinKommt das Gewitter, so gibt es deutliche Spannungsspitzen, die sich wie auch in der freien Natur den Weg des geringsten Widerstands suchen. Manchmal ist es ein Schalter, manchmal ist es ein Sensor, manchmal aber auch irgend etwas anderes. Bei einem großen Kraftwerk mit vielen Blöcken ist die Summe der Teile, die betroffen sein könnten unüberschaubar.

Das Kraftwerk ist direkt an das Mittelspannungsnetz angeschlossen und liefert genügend Strom für mehrere Städte inklusive der Industrie.  Eingespeist wird direkt vor der Haustür des Kraftwerkes.

„Diese Freileitungen sind unser Blitz-Einleiter“

Seit in Deutschland die Niederspannungsnetze in die Erde vergraben wurden, kommt im heimischen Umfeld kaum noch ein Blitz durch die Stromleitung. Antennen sind für die Gerätschaften im Haus eine viel stärkere Gefährdung.

Bei  einem fossilen Kraftwerk gibt es keine Erdkabel. Die Freileitungen fangen in unmittelbarer Nähe zum Gebäude an. Riesige Blitzableiter, deren Energie dann auch in das Kraftwerk gelangt.

Einschläge in den Turm des Kraftwerkes sind harmlos, diese werden wie bei jedem Haus über die Blitzableiter geerdet. Viele Blitze schlagen hier ein, bereiten aber kaum Kopfzerbrechen.

„Professionelle Eile bedeutet Ruhe, denn nach dem Einschlag ist vor dem Einschlag“

Ein Blitz kommt selten allein. So wird berichtet, dass häufig erst ein kleiner Defekt irgendwo in der Anlage auftritt. Verpulvert man dann bereits alle Ressourcen, dann hat man nichts mehr zum Reagieren beim zweiten Einschlag eine Minute später.

Schnell entstehen Kettenreaktionen, selbst bei kleinen Fehlern. Fehlentscheidungen, weil die Störung nicht richtig lokalisiert wurde oder Ursache und Wirkung einer Entscheidung nicht für alle Beteiligten bekannt sind.

„Bei Gewitter stehen wir Kraftwerker zusammen“

Beobachtet man die Liste der „ungeplanten Nichtverfügbarkeiten“ der EEX, dann kann man bei einem Gewitter sehen, wie schnell die Zahl der Ausfälle durch „Failure“ ansteigen. Kommt  es zu einer Störung in Bayern, dann springen auch Kraftwerke in Norddeutschland ein. Gesetzt der Fall, die Übertragungskapazitäten reichen dafür aus. Die Leitwarte wird in solchen Fällen direkt durch die Netzbetreiber informiert, dass schnell mehr Strom eingespeist werden soll.

Nicht ohne Stolz folgt zum Abschluss des Gespräches noch ein Seitenhieb auf blog.stromhaltig, der Beitrag zum Pfingstmontag  sei noch vor dem Anruf des Netzbetreibers im Netz gestanden.

Gewitter sind eine Gefahr für den fossilen Kraftwerkspark, die durch hohe Einspeisemengen ihre Spuren hinterlassen. Die Kompetenz der Betriebsmannschaften ist gefordert, wenn plötzlich 1 GW droht im Netz zu fehlen. Zum Vergleich, dies entspricht dem plötzlichen Stillstand von 1000 Windkraftanlagen von einer Sekunde auf die nächste.

(Beitragsbild CC-BY-NC-SA mit freundlicher Genehmigung von THOMAS WAMBERG [www.mediaflex24.de])

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3 Gedanken zu “Gewitter im Kohlemeiler

  1. Auch Blitze haben ihre Statistik. Wer im „Zentralorgan = WIKIPEDIA“ nachsieht, sind die KW21 bis 30 (Juni … Juli) „unsere“ meist geblitzten Monate.

    Blitzschutz ist im Gegensatz zu den Blitzen genormt (DIN EN 62305). Blitz und Blitzschutz ist in Teilen immer noch rätselhaft. Bei Freileitungen ist der Blitzschutz noch eher eine Art Voodoo, jedenfalls gibt es da noch „keine anerkannten Regeln der Technik“ sprich „Norm“. Gerade die, sind jedoch unabhängig wer da gerade seine Energie transportiert, wohl die größten „Blitzfänger“.

    Klar, alles was da sich dem Blitz als „Entladestation“ darbietet ist höchst gefährdet. Umspannstationen, WKA und „gewöhnliche“ Kraftwerke sind „ideale Blitzfänger“. Weil auch die Kommunikation (Festnetz, Mobilfunk und EDV) direkt und indirekt betroffen sein kann. Je nach dem was gerade „wirksam“ wird (ESD dt. Elektrostatische Entladung oder EMP elektromagnetische Impuls) kann unser Leben mal schnell auf ein „niedrigeres Niveau“ zurückwerfen.

    Da heute zunehmend alles „miteinander vernetzt“ ist und zukünftig der Grad gegenseitiger Abhängigkeiten noch zunehmen wird (der anhaltende Trend, alles und jedes über WAN und WWW „miteinander in Verbindung zu bringen“, wird mit einiger Wahrscheinlichkeit auch jede Art von „Störung“ nachhaltiger gestalten. Wenn den „Entscheidern“ die Entscheidungsgrundlagen „wegbrechen“ oder zunehmend Automatismen deren Arbeit übernehmen drohen „natürliche“ und „menschengemachte“ Gefahren wohl in weit höherem maß, als je zuvor.

    Ein allseits gefürchteter „Blackout“ der mit „intereuropäischem Wirkkreis“ (Dominoeffekt) quasi „flächendeckend“ stattfindet, wird den Bereich der Fiktion verlassen, wenn „Natur“ oder wahlweise böswillige und verblödete Menschen sich „der Sache annehmen“. Eine ganze Reihe von Kraftwerkstypen die eben nicht „schwarzstartfähig“ sind, benötigen teilweise erhebliche Mengen elektrischer Energie die zwar nicht aus der Steckdose, aber dafür aus dem „Stromnetz“ kommen muss. Ein Netz, das gerade „flachliegt“.

    „Schwarzstartfähig“ und zum „Inselbetrieb“ fähig, sind Wasserkraftwerke, Speicherkraftwerke und die Gasturbinenkraftwerke welche sich leider „nicht rechne“.

    NICHT „schwarzstartfähig“ sind alle großen Wärmekraftwerke (Kohle braun oder schwarz) und sehr kritisch, weil permanent auf dauerhafte Kühlleistung (aktive und „abklingende“ Brennelemente) angewiesen Atomkraftwerke.

    Wenn also die für zentrale Energieversorgung unverzichtbaren Hochspannungsversorgung ausfällt, werden je nach Dauer und Schadensumfang, alle nicht schwarzstartfähigen Kraftwerke zu einer „Hypothek“. Ohne Netz kein Start dieser Kraftwerkstypen, Ohne dieser Kraftwerke keine funktionierende Zentralversorgung. Hoffen – religiöse dürfen Beten, dass dieser Zustand nicht eintritt – besser nie eintritt.

    Werde mal recherchieren, wie lange wohl das Festnetz und oder das Mobilfunknetz ohne „flächendeckende“ Stromversorgung auskommt. Ob es Ideen gibt was wohl passiert, wenn auch die Kraftstoffe „unten im Tank bleiben“, weil ohne Strom Tankstellen eben keine Tankstellen mehr sind. Nur mal für den Fall „when the shit hits the fan“ oder deutsch „wenn die Kacke am Dampfen ist“. Was ja nie niemals passieren wird – so die „Experten“ recht haben…..

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  2. Pingback: Gewitter im Windpark | blog.stromhaltig

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