Der Branchendienst von Proteus-Solutions hat am Wochenende eine Meldung der Bundesnetzagentur (BNetzA) veröffentlicht, in der die Ergebnisse für den Bedarf an Reservekraftwerken in den kommenden Jahren genannt werden:

Im kommenden Winter 2014/2015 werden danach Reservekraftwerke mit einer Erzeugungsleistung in Höhe von 3091 MW benötigt. Im Zeitraum 2015/2016 werden 6000 MW und im Zeitraum 2017/2018 werden schließlich 7000 MW an Netzreserve erforderlich.

Zahlen, mit denen man zunächst nur wenig anfangen kann. Zahlen, die allerdings recht teuer erkauft werden müssen, denn über den klassischen Strommarkt – auch bekannt als Energy-Only-Markt – wird dafür kein Geld fließen. Zahlen, die Stromrechnungen teurer, und die Gefahr von Vorteilsnahme durch Interessenvertretungen mit sich bringt.

Ab einer gewissen Größe ist es den Kraftwerksbetreibern nicht mehr selbst überlassen, ob sie eine Anlage weiter betreiben möchten, oder diese stilllegen wollen. Die BNetzA schreibt dazu auf ihrer Webseite:

Wettbewerbshüter BNetzA
Wettbewerbshüter BNetzA

Gemäß § 13a Abs. 1 EnWG sind Kraftwerksbetreiber verpflichtet, geplante vorläufige oder endgültige Stilllegungen von Kraftwerken dem Übertragungsnetzbetreiber und der Bundesnetzagentur mindestens 12 Monate vorher anzuzeigen. Der Übertragungsnetzbetreiber prüft unverzüglich, ob es sich dabei um systemrelevante Kraftwerke handelt. Dies ist der Fall, wenn eine dauerhafte Stilllegung des Kraftwerks mit hinreichender Wahrscheinlichkeit zu einer nicht unerheblichen Gefährdung oder Störung der Sicherheit oder Zuverlässigkeit des Elektrizitätsversorgungssystems führt, die auch nicht durch angemessene andere Maßnahmen beseitigt werden kann.

Eine vollständige Liste der aktuell geplanten Kraftwerke zur Stilllegung finden sich in der Liste der BNetzA, darin auffallend, dass Kraftwerks Blöcke stillgelegt werden sollen, die im vergangenen Jahr häufiger ihre Wirkleistung im Zuge eines Redispatches erhöhen sollten.  Bei einem synchronen Redispatch wird der Standortnachteil eines Kraftwerkes ausgeglichen, indem es seine Leistung reduzieren muss und zeitgleich ein anderes Kraftwerk, welches in einem Gebiet mit erhöhtem Strombedarf ist erhöhen soll (vergl. weitere Beiträge zu Redispatch). Werden Kraftwerke, die häufig ihre Wirkleistung erhöhen nun stillgelegt, so entfällt diese Option beim Engpassmanagement/Redispatch. Die Wahrscheinlichkeit, das ein solches Kraftwerk als systemrelevant eingestuft wird, dürfte auf der Hand liegen.

Beispiele aus den geplanten Stillegungen mit „Erhöhungsanforderungen“ im Zeitraum 01.04.2013 bis 01.05.2014:

Kraftwerk Redispatch MWh
Heizkraftwerk Heilbronn 12480
Knepper 1313
Gersteinwerk 490

Die Bestätigung des Bedarfs an Reservekraftwerken stellt einen weiteren Schritt des in der Reservekraftwerksverordnung vorgesehenen Prozesses zur Sicherung von konventioneller Kraftwerksleistung für die kommenden Jahre dar. Die ÜNB beginnen nun unverzüglich ein Interessensbekundungsverfahren, das mindestens bis zum 15. Mai 2014 dauern wird und in dem Kraftwerksbetreiber ihr Kraftwerk zur Aufnahme in die Netzreserve anbieten können.

20140325-Stromerzeugung-NettoKapazittjeEinwohnerKW-1Im Rahmen der Interessensbekundungen sollten nun keine Kraftwerke auf die Liste kommen, die bereits heute einen signifikanten Standortnachteil haben, allerdings auf Basis der Merit-Order keine Grenzkostenkraftwerke sind. Diese Kraftwerke lassen sich ebenfalls über die Redispatches auslesen. Es sind Kraftwerke, die häufig ihre Leistung reduzieren müssen:

  • Boxberg
  • Jänschwalde
  • Schkopau
  • Schwarze Pumpe
  • Brokdorf
  • Rostock
  • Farge
  • Grafenrheinfeld (Stillegung geplant)
  • Grundremmingen

Würden diese Kraftwerke zu den Reservekraftwerken hinzugezählt, so entstünde eine deutliche Verzerrung des Strommarktes ergeben, da diese Anlagen bislang in der Lage sind den Strom so günstig zu produzieren, dass die vorhandenen Leitungen nicht ausreichen, um den Strom zu transportieren.

Die fehlenden Übertragungskapazitäten werden von der BNetzA als Hauptgrund für den Anstieg der Reservemengen genannt:

„Die Verzögerungen beim Netzausbau verursachen auch in den kommenden Jahren einen erheblichen Bedarf an Reservekraftwerken. Umfang und Kosten steigen Jahr für Jahr. Die Versorgungssicherheit kann nur mit diesen Maßnahmen gewährleistet werden.“

Alternativlos klingt die Aussage von Jochen Homann, Präsident der Bundesnetzagentur, oder eher wie eine Kapitulation. Eine Kapitulation, dass Deutschland eben doch kein großes Strommeer (oder Kupferplatte) ist, bei dem es egal ist, wo man Strom erzeugt oder verbraucht. Das Vorhandensein von Leitungen spielen beim Handel an der EEX oder der EPEXSpot keine Rolle, bei der Versorgungssicherheit allerdings schon.

Für den Winter 2015/2016 will die BNetzA eine Reservekapazität von 6.000 MW. Dies entspricht 15.692 Porsche 911er-Turbo, die man irgendwo in Deutschland auf den Hof stellt, damit sie im Falle eines Engpasses für einige Stunden gefahren werden können.  Kein Autoverleiher würde eine solche Menge bevorraten, für den Fall der Fälle, der wirtschaftlich handeln muss. Entsprechend schwierig wird es auch fallen, einen angemessenen Ausgleich der Kraftwerksbetreiber zu finden.

Interessant ist, dass man von Seiten der Bundesnetzagentur eigentlich einen Fall versucht zu beheben, der nur eintreten kann, wenn andere einen Verstoß begangen haben. Reservekraftwerke sind für Stromversorger und Verteilnetzbetreiber, was Leitplanken für Autofahrer sind. Leitplanken werden nicht für die Autofahrer gebaut, die sich an die Geschwindigkeit halten und der Witterung angepasst fahren. Leitplanken werden gebaut um schlimmeres zu vermeiden, wenn ein Autofahrer die Kontrolle über sein Fahrzeug verliert. Das Fahrzeug der Verteilnetzbetreiber/Stromversorger ist der Bilanzkreis. Bei einer ordentlichen Führung des Bilanzkreises muss immer soviel Strom eingekauft/erzeugt/eingespeist werden, wie zur selben Zeit entnommen wird. Die Bundesnetzagentur geht scheinbar bis zum Jahre 2017 von einer Verdopplung der Unterdeckungen bei den Bilanzkreisen aus.

Es steht jedem Bilanzkreisverantwortlichen offen bereits heute Lieferverträge für das Jahr 2017 abzuschließen und sich somit die benötigten Kapazitäten zu sichern. Als Termingeschäft kann der Anleger den Phelix-Future auf unterschiedliche Laufzeiten bis zu sechs Jahren erwerben. Eine Verknappung von Elektrischer Energie würde sich durch einen Anstieg der Phelix-Future Preise erkennen lassen.  Für  den Deutschen Strommarkt kann ein solcher Trend im Moment zumindest an der EEX nicht beobachtet werden.

Einhergehend mit dem Netzausbau muss auch die Diskussion über ein zukünftiges Marktdesign weiter geführt werden. Hier gilt es, nachhaltige und transparente Mechanismen zu schaffen, die marktbasiert langfristige Investitionen in Erzeugungskapazitäten ermöglichen

Cross Border Schedule - 04.05.2014 - Quelle: ENTSOe
Cross Border Schedule – 04.05.2014 – Quelle: ENTSOe

Eine Neuerung im Marktdesign sind die sogenanntem Price-Coupling-Regions auf dem Spot-Markt (vergl. weitere Beiträge zu PCR). Dabei werden im europäischen Stromnetz die Preise jeweils so angepasst, dass die Übertragungswege optimal ausgenutzt werden. Preisschwankungen können durch den dann größeren Markt abgefedert werden. Ein Mangel an Strom aus Deutschland würde zwar hier den Preis erhöhen, jedoch nur solange, bis die Leitungen zu den Nachbarn vollständig ausgelastet werden. Allein die Kapazitäten aus den Niederlanden, Frankreich und der Schweiz würden ausreichen, um die Reservemengen bereitzustellen. Etwas mehr Stromimport würde Deutschland ohnehin nach der Rekordjagt beim Export gut tun.

Als Bürger, Wähler, Stromkunde bleibt die Frage offen, welche Art der Mitbestimmung vorhanden ist, wenn es darum geht die Reservekapazitäten festzulegen. In der Pressemitteilung der BNetzA findet sich dafür keine Antwort. Würde als Martkdesign das Hybridmarktmodell noch in diesem Jahr eingeführt werden, dann könnte man sich die ganzen Wenn und Aber sparen und würde den Stromkunden eine Stimme geben.

Den Beitrag "Zahlen der BNetzA zu Reservekraftwerken legt Netzausbau für Kohlestrom nahe offline Lesen:

Ein Gedanke zu “Zahlen der BNetzA zu Reservekraftwerken legt Netzausbau für Kohlestrom nahe

  1. Hi Thorsten,

    woran erkennt man in der Liste, um welchen Kraftwerkstyp es sich handelt? Es könnte sich hier auch um die politische Erpressung hin zum Dauerfördermechanismus in Form eines Kazitätsmarktes handeln. Wie würdest Du in dieser Angelegenheit die Handlungsmotive erklären?

    Ciao Kilian

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