Staatskraftwerk, Infrastrukturumlage, Verrechnung systemrelevatner Kraftwerke.  Egal wie man das Kind auch nennt, noch in diesem Jahr wird nach Ansicht von Branchen-Experten eine weitere Komponente ihren Weg auf die Stromrechnung finden. Irgend eine Art von Kapazitätsmarkt… Irgend ein Mittel um den Stromkunden wie ein Steuerzahler zu behandeln, denn man kann ja nicht ohne Strom leben.  

Fremdbestimmt wird erklärt, was teuer – aber notwendig ist, ohne den Verbraucher damit ins Boot zu holen. Preisanstieg beim EEG gestoppt – Zeit eine neue Geldschöpfung für Fehlinvestitionen aus der Vergangenheit zu finden. Nicht den Fehler korrigieren, sondern vergolden. Der Stromkunde hilft…

Ein Kapazitätsmarkt bedeutet, dass der Eigentümer einer Kapazität dafür Geld bekommt, auch wenn er keine Leistung erbringt. Ein Kapazitätsmarkt bei Taxis würde zum Beispiel bedeuten, dass der Taxifahrer auch dann Geld verlangen darf, wenn er überhaupt keinen Fahrauftrag hat. Ein Bäcker auch dann Geld bekommt, wenn er keine Brötchen backt. Eine Fluggesellschaft auch dann Geld bekommt, wenn sie keinen einzigen Passagier transportiert.

Beim Strom haben wir heute einen reinen Leistungsmarkt. Bezahlt wird, was der Kunde auch abnimmt. Dieses Modell funktioniert recht gut, solange man zu jedem Zeitpunkt die gewünschte Menge der Ware Strom bestimmen und bedienen kann, die ein Kunde haben möchte. Kommt es allerdings zu einem Zeitpunkt dazu, dass alle Kunden gleichzeitig backen wollen, ihre Wäsche waschen oder im schwäbischen Spaichingen ein Schwimmbad mit Tauchsiedern beheizt wird [Anmerkung: Kleiner Insider], dann reicht vielleicht die Kapazität nicht aus und der Preis muss zwangsläufig steigen, bis auch die letzte Reserve abgegriffen ist.

Mut zum teuren Spotpreis

Dem Endkunden kann es eigentlich egal sein, da er trotz gesetzlicher Verpflichtung zu variablen Stromtarifen, noch immer den gleichen Preis zahlen muss. Ein Preis, der eine Mischkalkulation ist, wie bei einer Versicherung. Manchmal ist der Bezugspreis hoch – manchmal niedrig. Mit Nichten ist es so, dass der Kunde im Moment Geld bekommt, wenn der Börsenpreis in den negativen Bereich dreht (was übrigens deutlich seltener als noch vor einem Jahr passiert). Der Endkundenpreis ist träge wie eine Fußbodenheizung beim Kälteeinbruch.

Erstaunlich ist, wie wenig Energieökonomen ihreren eigenen Modellen vertrauen, denn was passiert tatsächlich, wenn der Preis kurzfristig in utopische Höhe klettern würde? Die Situation eintritt, dass man ein Königreich für ein Schluck Wasser in der Wüste zahlt (wenn ich mich recht entsinne nennt man ein solches Angebot dann Wucher). Kurzfristige Wucherpreise am Spotmarkt. Zum Beispiel 1.000€ die MWh anstelle der sonst üblichen 35€ die MWh – lassen wir eine solche Knappheit für 10 Stunden jedes Jahr auftreten, so ändert dies den Durchschnittspreis von 35€ je MWh gerade einmal auf  36.10€. Eine Schwankung im Preis, die am Spotmarkt so gar Intraday vorkommt. Was passiert aber noch, wenn es einen solchen Wucherpreis gibt? Es entsteht das Sylvesterkracher-Phänomen.

Spricht sich rum, dass es – wenn auch nur wenige Stunden im Jahr – einen Zeitpunkt gibt, bei dem man für 1.000€ die MWh Strom verkaufen kann, dann werden auch Erzeugungsanlagen am Leben gehalten, von denen man sonst wenig spricht. Notstromaggregate erhalten die Möglichkeit der Netzeinspeisung, Mini-BHKWs schießen wie Pilze aus dem Boden. Im ersten Jahr – beim ersten Abruf freut sich noch einer. Doch bereits im zweiten Jahr hat er Konkurrenz, da auch andere merken, dass sich dies lohnt. Der Effekt: Der Spitzenpreis geht wieder zurück.

Fremdbestimmung des Risikos

Bei einer Infrastrukturumlage – oder jeder anderen Form von Kapazitätsmechanismus, der nicht über den Preis geregelt ist – wird lediglich das Risiko des Stromversorgers gemindert. Ein Risiko, welches auch durch andere Mechanismen beherrschbar wird, wie eine Optimierung des Stromhandels, langfristige Lieferverträge oder schlicht intelligentes Management. 

Die Hand auf gesicherter Erzeugung zu haben, hat ihren Preis, doch zeigen bereits alle seriösen Ökostromanbieter, dass dies möglich ist. Schon lange sind diese Anbieter auch bei den günstigeren Tarifen zu finden.

Im Sinne des Verbrauchers ist es, wenn man den Markt einmal anderes herum denkt.

Fossile Kraftwerke bleiben im Leistungsmarkt

In einem Leistungsmarkt, wie er bislang definiert wird, dreht sich alles darum möglichst günstig anbieten zu können. Jeden Cent, der unter dem teuersten gerade am Markt befindlichen Erzeuger liegt, ist reiner Gewinn. Abgerechnet wird Leistung – mit und ohne Leidenschaft. Für die Verstromung von Kohle und Uran hat sich dieses Modell bewert, einen Grund davon abzuweichen ist eine Nebelkerze. So rentiert sich heute das alte Stadtwerks-Kraftwerk genauso wie der Mega-Braunkohleblock.

Beim Leistungsmarkt wird für marktgerechte, bedarfsorientierte Leistung bezahlt. Nicht für das Rumstehen eines Taxis, das Vorhandensein einer Bäckerei, oder eines Flugzeugs. Nur unter Leitungszwang werden Flexibilitätsoptionen bei thermischen Kraftwerken umgesetzt. Nur unter Leistungsdruck keimt Innovation auch bei dieser Kraftwerkssparte.

Der Vorteil dieser Kraftwerkssparte genutzt zur Leistung aus Leidenschaft.

Sonnenstrom und Windstrom kommt in den Kapazitätsmarkt

Die verfügbare Leistung für Storm aus Wind und Sonne schwangt. Solange wir noch deutlich hinter den Ausbauzielen zurück liegen, reichen die Kapazitäten nicht aus, um eine Vollversorgung unter jeder Bedingung zu ermöglichen. Dennoch verursachen diese Anlagen auch dann Kosten für Abschreibung und Betrieb, wenn gerade kein Strom erzeugt werden kann. Ein schwankende Leistung, die nicht kompatibel ist zum Gesetzt der fossilen Kraftwerke.

Um, wie am 14.04.2014, die Bevölkerung über mehr als 22 Stunden vollständig mit Strom aus Sonne und Windkraft zu versorgen, muss eine Lösung gefunden werden, die es dem Betreiber erlaubt „normal“ wirtschaftlich zu handeln. Der Homo Ökonomikus kann nur agieren, wenn Einfluss auf die Parameter nehmen kann. Das Wetter können wir (zum Glück) noch nicht manipulieren.

Zwei Marktformen – Ein Hybridmarkt

Bei einem Hybridmarkt existieren beide Marktformen parallel. Nicht staatlich reguliert, wie bei einer Infrastrukturumlage und auch nicht verdeckt, wie beim Marktmodell von EWS, Naturstrom AG und Greenpeace Energy eG.  Leistungs- und Kapazitätsmarkt werden bis zum Verbraucher durchgeschleift. Nicht zur weiteren Belastung des Strompreises, sondern für mehr Selbstbestimmung.

Der Verbrauch soll entscheiden – individuell und nach eigenem Chancen und Risikoempfinden. Micro-Beteilung an Kapazitäten, wie sie durch die Kapazitätskarte möglich wird, bei parallelem Bezug von Mindermengen über den Leistungsmarkt.

Stromversorger als Berater und Manager für den Kunden.

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5 Gedanken zu “Markt: Wer bei Kapazitäten zur Stromversorgung an fossile Kraftwerke denkt sollte weiter lesen…

  1. Ganz richtig, Kapazitätsmärkte wären nur eine neue Masche um für gar nix Geld zu verlangen. Das Problem muss sich, und wird sich auch, rein über den Preis regeln. Das ist ja das Gute am sauberen Kapitalismus, dass er eigentlich reine Regelungstechnik ist.
    Ich denke die Erneuerbaren sollten sich vertraglich mit BHKWen verbinden, damit sie in diesem Markt flexibler und damit zukünftig mächtiger mitmischen können.

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