Am vergangenen Freitag haben die Stromkonzerne Greenpeace Energy, EWS und Naturstrom AG eine Pressemitteilung an verschiedene Medien gesendet, die bei den Energieblogkollegen von Energiezukunft eingesehen werden kann. Es wird ein Ökostrom-Marktmodell  beworben, welches unter dem Deckmantel des Verbraucherwillens („84 Prozent der Verbraucher wünschen sich direkten Ökostrom aus heimischen Anlagen“) vor allem den bestehenden Anbietern nutzen dürfte.

Positiv ist, dass man den Handel von Grünem Storm an der Strombörse ins Visier nimmt. Negativ ist, dass man den Stromkunden vollständig aus dem Auge verliert und lediglich als Alibi vorschiebt.

Mit kritischer Nachfrage hat man scheinbar – zumindest bei Greenpeace Energy – nicht gerechnet, so blieb die Anfrage nur eine Stunde nach Erhalt der Mitteilung bislang unbeantwortet, weshalb blog.stromhaltig auch auf die Veröffentlichung der Meldung verzichtete.

strom_lokal_und_kommunalBitte nicht falsch verstehen, es ist überhaupt nichts falsches daran, mehr wert auf „heimische Anlagen“ zu legen. Die Aktion >25% lokal & kommunal zielt darauf ab. Es ist allerdings ein Modell für die Wirtschaft – mit Wirkung auf den Wirtschafskreislauf. Der Verbraucher hat davon erst einmal nichts, solange er keinen direkten Einfluss hat.

Das von den drei Stromkonzernen vorgeschlagene Modell sieht vor, dass über ein EEG-Konto einen Geldfluss zwischen den Stromanbietern und den EE-Anlagenbetreibern gibt.  Für den Stromkunden gibt es lediglich ein „hochwertiges“ Stromprodukt – unabhängig, ob der Verbraucher immer und in jedem Falle ein hochwertiges Produkt wünscht.  Etwas übertrieben könnte man sagen, dass man nur noch Luxus-Limousinen verkaufen will, wünscht der Kunde einen Öko-Kleinwagen, dann geht er leer aus. Für ein EEG-Konto, welches abhängig von der bezogenen Leistung den Ausbau von Kapazitäten verrechnet mag ein solcher Vorschlag eine Lösung sein. Ein sich selbst optimierendes System – oder die Möglichkeit zur Marktmanipulation durch einzelne Teilnehmer – wird mit dem vorgeschlagenen Ökostrom Markt Modell nicht gelöst.

Im November 2013 wurde in Kooperation mit einigen Experten, Anbietern und vor allem Endkunden ein ThinkTank ins Leben gerufen, bei dem die Wurzel des Problems angegangen wurde. Der Verbraucher muss näher an die Erzeugung rücken und darf nicht hinter einem statischen Tarifmodell gefesselt sein. Nur so können die Herausforderungen von schwankender Erzeugung aus Windkraft, Solarenergie sinnvoll und vor allem bezahlbar integriert werden. Anstelle an einem Umlagenprinzip festzuhalten sollen endlich Tarife entstehen, die auch dargebotsabhängig sein dürfen.

Nach der aktuellen Regelung des Strommarktes ist es Verbrauchern nicht möglich, dass sie sich direkt auf einem Kapazitätsmarkt bedienen können und lediglich Überschüsse oder Mindermengen über einen Stromhandel beziehen. Das Modell der 3 Ökostromkonzerne adressiert dieses Problem nicht. Weiterhin werden Stromkunden über ein Standardlastprofil eingedeckt – egal, ob sie zu bestimmten Zeiten Strom wünschen oder nicht. Dies bedeutet auch, dass in der ominösen Flautenacht auch dann Reservekraftwerke bereitgehalten werden müssen, wenn sich der Verbraucher gezielt dagegen entscheidet.

Viel oder wenig Grünstrom in Hamburg - dem Firmensitz von Greenpeace Energy
Viel oder wenig Grünstrom in Hamburg – dem Firmensitz von Greenpeace Energy

Ein richtiger Strom-Vegetarier verzichtet bei wenig Strom aus Wind und Sonne darauf den unmittelbaren Hunger durch die Verbrennung von Dinosauriern befriedigen zu lassen, in dem Wissen, dass die Sonne nicht auf Dauer hinter Wolken bleibt. Möglich wird dies zum Beispiel über den Grünstrom Index.  Durchschnittlich 2.000 Abrufe/Tag zeigen, dass es nicht zu kompliziert sein kann diesen Index zur Verbrauchssteuerung zu nutzen. Von 84% der Verbrauchern ist dies zwar noch deutlich entfernt, aber darauf ist die Berechnung bislang auch nicht ausgelegt, denn der Kunde hat aktuell noch nichts von der Nutzung des Wertes.

Mit dem Modell könnten die Betreiber heimischer erneuerbarer Anlagen ihren Strom direkt an die Energieversorger verkaufen – die diesen wiederum direkt an die Ökostromkunden weitergeben.

Dem Energieversorger obliegt es auch weiterhin durch Verhandeln, handeln und Vermarktung einen Profit zu erwirtschaften.  Eine direktere Umsetzung des festgestellten Verbraucherwunsches, würde die Möglichkeit eines Kapazitätskaufes sein.  Micro- oder Minibeteiligungen an einer Wind/PV Erzeugungsanlage könnte hier eine Lösung sein.  Für 5€ – 0,01% des erzeugten Stroms der Anlage für 1 Jahr geliefert bekommen,  wobei die Kosten für die Durchleitung bereits inkludiert sind.

Wertkarte für den Kauf von Stromerzeugungskapazitäten
Wertkarte für den Kauf von Stromerzeugungskapazitäten

Über einen simplen „Code“, der bei einem Energieversorger eingegeben wird, kann der Stromkunde individuell die Erzeugung von verschiedenen Anlagen seinem Profil zuordnen. Im Prinzip handelt es sich hierbei um ein Mietmodell, welches auch den Anlagenbetreibern zu Gute kommen würde. Jeglicher überschüssiger, oder Minderstrom wird beim Wertkarten-Modell wie bisher durch den Stromanbieter in Form eines Tarifes abgerechnet. Anbieter der Wertkarten sind die Anlagenbesitzer.

Durch die geschickte Kombination von verschiedenen Erzeugungsarten (Wasserkraft, Solar, Wind, Biogas,…) kann der Kunde seine Wünsche frei umsetzen. Es bleibt in der Verantwortung des Verbrauchers, zu entscheiden ob der Strombezug bei wenig Wind in der Nacht reduziert wird oder nicht.

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Veröffentlicht von Thorsten Zoerner

Seit dem Jahr 2007 beschäftige ich mich mit den Themen Stromnetz und Strommarkt. Parallel dazu entstand ein Blog, um Informationen zu den jeweiligen Themen bereitzustellen. Er ist unter blog.stromhaltig.de zu finden. Über das Thema Energiewirtschaft habe ich bislang drei Bücher veröffentlicht. In meinem 2014 erschienenen Buch zum Hybridstrommarkt beschreibe ich ein Marktdesign, das in Deutschland in das Gesetzespaket Strommarkt 2.0 aufgenommen wurde. Hierbei werden zwei Technologien des Strombezugs vereint: der Hausanschluss mit Bezug bei einem klassischen Stromanbieter und einen alternativen Bezug von erneuerbaren Energien. Die wirtschaftlichen Vorteile für ein solches Marktdesign sind erwiesen. Auch die Digitalisierung beeinflusst die Energiewirtschaft von morgen. Daher habe ich mich intensiv mit dem Thema Blockchain Technologie befasst. Blockchain ist eine Technologie, die den Austausch und die Dokumentation von Daten vereinfachen kann. Daher kann diese Technologie mithilfe der digitalen Möglichkeiten das heutige Energiesystem revolutionieren. Denn damit ist eine automatische Abgleichung von Energieerzeugung und Energieverbrauch möglich. Um zukünftige Herausforderungen und Chancen mitgestalten zu können, habe ich 2017 die Firma STROMDAO gegründet. Dort bin ich Geschäftsführer und möchte dafür sorgen, dass mithilfe der Blockchain Technologie und dem Hybridstrommarkt eine digitale Infrastruktur für die Energiewirtschaft der Zukunft aufgebaut wird. Der STROMDAO Mechanismus zur Konsensfindung für den Energiemarkt unterstützt dabei die Marktkommunikation aller beteiligten Akteure.

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