Der 29.04.2014 wird wohl als Flaute Dienstag in die Netzgeschichte eingehen. Zwischen 08:00 Uhr und 18:00 Uhr des Tages lag die Stromerzeugung aus Windkraft nahezu am Boden. Erst in den Abendstunden normalisierten sich die Einspeisemengen auf das gewohnte Niveau.

Windkraft deckt sehr viele Teile der Grundlast ab. Mit einer Verfügbarkeit von deutlich über 50% der Zeit  leistet sie bereit beim heutigen Ausbaustand wichtige Arbeit für das Stromnetz. Aber Windstille gibt es auch – manchmal sogar in ganz Deutschland. Der Zeitpunkt, an dem man sich über verschiebbare Lasten und Speicher intensiver Gedanken machen sollte.

Windkraft: Niedrige Einspeisung am Flaute Dienstag
Windkraft: Niedrige Einspeisung am Flaute Dienstag

Ein Grund den Niedergang der Energiewende zu sehen, sind diese Zahlen nicht. Sie zeigen allerdings, dass noch ein Weg zu gehen ist, der mit ziemlicher Sicherheit kein fossiler sein kann.

Wenn alles so ist, wie es gerne geschildert wird, dann hätte das geringe Angebot an Windkraft zu einer Knappheit auf dem Spotmarkt führen müssen. Der Preis rauscht durch die Decke. War dies so?

Auf der Seite der EPEX-Spot kann man für den PHELIX am 29.04.2014 einen Durchschnittspreis von 40,19€/MWh ablesen.  Leicht unter dem Niveau des Vortages. Für das High-Noon Produkt, bei dem am meisten Nachfrage besteht (und die Flaute am stärksten war), wurde am Dienstag ein Preis von 47,09€/MWh ermittelt – am Vortag 51,18€/MWh.  Bauen wir die Schlagzeile, die jeden Ökonom zum Schmunzeln bringt: Sinkende Strompreise durch geringere Einspeisung von Windkraft.

Ja! Windkraft macht den Strompreis teuer … wir wussten es ja schon immer. Kann das bitte mal jemand erklären, denn mit Marktlogik hat das nichts zu tun…

Stop! Ein Player verschwindet fast vollständig vom Markt, dem sonst die Schuld gegeben wird, dass der Strompreis steigt – und der Markt reagiert mit dem Rückgang des Preises. Noch mal kurz denken…

Vielleicht wird ein Schuh daraus, wenn man sich die Einschränkungen der fossilen Kraftwerke am 29.04. anschaut:

Erzeugung aus Leistungeinschränkung (MW)
Steinkohle 211.0
Gas 264.0
Pumpspeicher 113.8
Steinkohle 30.0
Braunkohle 299.0
Steinkohle 200.0
Braunkohle 90.0
Steinkohle 188.0

Hier fehlen 1395 MW an Leistung. Nicht viel, aber sie fehlen genau dann, wenn sie als „wichtige“ Reserve dienen sollen, die unser aller Versorgung mit Strom sichert. Eine Sicherheit, für die der Stromkunde per Infrastrukturumlage zur Kasse gebeten werden könnte (vergl. Beitrag bei PV-Magazine).

black_outStromausfall? Black-Out? – Nein – den gab es nicht. Zwar gingen in der Innenstadt in Offenbach die Lichter aus, wie man auf Twitter lesen durfte. Die Ursachen in der Main-Region werden sich aber im Verteilnetz finden lassen. Die Erzeugung von Strom aus PV-Anlagen hat zwar das Netz gestützt, nicht aber in einem solch großen Umfang wie am vergangenen Donnerstag in Ebersberg (vergl. Merkur-Online).

Der nächste Mythos, der dank dem Flaute Dienstag wiederlegt werden kann, ist die Aussage: „Windkraft sorgt dafür, dass wir immer mehr Strom ins Ausland exportieren“. Jetzt hatten wir keinen Strom aus Windkraft – müssten wir doch eigentlich einen extremen Strom-Import haben?

Cross Border Flow Germany - Quelle: ENTSOe
Cross Border Flow Germany – Quelle: ENTSOe

Alle Daten für den Stromfluss zwischen den Ländern liefert die ENTSOe, der Zusammenschluss der Netzbetreiber in Europa (auch bekannt als Europäisches Verteilnetz).  Für die Zeit mit der größten Differenz zwischen Erzeugung und Verbrauch von Strom in Deutschland, ist die Bilanz fast ausgeglichen.  Aus Frankreich wird etwas Strom bezogen – die doppelte Menge wird nach Österreich exportiert.

Leider kann man aus dem Flaute Dienstag  29.04.2014 nichts lernen, was einen irgendwie weiter bringt.

  • Wo ist die Unterversorgung, in der Flaute?
  • Wo ist die Abhängigkeit vom Atomstrom aus Frankreich?
  • Wo ist die Sicherheit, die uns die fossilen Kraftwerke geben sollen?
  • Wo ist der funktionierende Markt, der bei Knappheit mit explodierenden Preisen reagiert?

Fragen über Fragen, ich muss schwere Steine tragen.
Ohne euch zu hassen, werde ich meinen Schatten hinterlassen! (Such A Surge – Schatten)

Vielleicht… haben die Erneuerbaren und damit die Windkraft heute doch nicht so eine wichtige Rolle im Theater der Stromversorger, wie es so manch ein Stromwende Gegner denkt.

Vielleicht… sollte man doch einen anderen Sündenbock suchen.

Vielleicht…

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Veröffentlicht von Thorsten Zoerner

Seit dem Jahr 2007 beschäftige ich mich mit den Themen Stromnetz und Strommarkt. Parallel dazu entstand ein Blog, um Informationen zu den jeweiligen Themen bereitzustellen. Er ist unter blog.stromhaltig.de zu finden. Über das Thema Energiewirtschaft habe ich bislang drei Bücher veröffentlicht. In meinem 2014 erschienenen Buch zum Hybridstrommarkt beschreibe ich ein Marktdesign, das in Deutschland in das Gesetzespaket Strommarkt 2.0 aufgenommen wurde. Hierbei werden zwei Technologien des Strombezugs vereint: der Hausanschluss mit Bezug bei einem klassischen Stromanbieter und einen alternativen Bezug von erneuerbaren Energien. Die wirtschaftlichen Vorteile für ein solches Marktdesign sind erwiesen. Auch die Digitalisierung beeinflusst die Energiewirtschaft von morgen. Daher habe ich mich intensiv mit dem Thema Blockchain Technologie befasst. Blockchain ist eine Technologie, die den Austausch und die Dokumentation von Daten vereinfachen kann. Daher kann diese Technologie mithilfe der digitalen Möglichkeiten das heutige Energiesystem revolutionieren. Denn damit ist eine automatische Abgleichung von Energieerzeugung und Energieverbrauch möglich. Um zukünftige Herausforderungen und Chancen mitgestalten zu können, habe ich 2017 die Firma STROMDAO gegründet. Dort bin ich Geschäftsführer und möchte dafür sorgen, dass mithilfe der Blockchain Technologie und dem Hybridstrommarkt eine digitale Infrastruktur für die Energiewirtschaft der Zukunft aufgebaut wird. Der STROMDAO Mechanismus zur Konsensfindung für den Energiemarkt unterstützt dabei die Marktkommunikation aller beteiligten Akteure.

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