Oktober 2012:

Der Ökostromanbieter Lichtblick wies darauf hin, dass die Netzkosten die Verbraucher stärker belasten als der Preisaufschlag für die erneuerbaren Energien. (Quelle: TAZ „Verbraucher zahlt Stromnetz“)

Damit der Strom aus der heimischen Steckdose kommt, muss er von einem Energieversorger eingekauft werden. Wobei sich dabei der Weg des Geldes vom physikalischen Stromfluss unterscheiden wird.

Bürgerpetition: Stromhandel
Bürgerpetition: Stromhandel

Einige einfache Szenarien sollen zeigen, warum durch der Handel die Netzentgelte steigen, da es Stromnetze geben muss, die in der Realität das abbilden, was der Handel vertraglich regelt. Strombörsen, die Kosten für den Netzausbau nicht in den Transaktionskosten beinhalten, lassen den Endkunden für die Gewinne der Händler zahlen.

Weinheim (an der Bergstraße). Auf dem Gelände der Firma Freudenberg steht das unternehmenseigene Kraftwerk, welches genügend Strom erzeugen könnte, um die gesamte Stadt 24 Stunden am Tag mit Strom zu versorgen:

Betrieben wird das Kraftwerk von der Freudenberg Service KG, die im Industriepark Weinheim 40 Produktions- und Dienstleistungsgesellschaften jährlich mit 100 Millionen kWh Strom versorgt – das entspricht dem Bedarf von ca. 30.000 Privathaushalten. (Quelle: Industriepark Weinheim).

Da ein Brennstoff (Gas) verfeuert werden muss, wird der in diesem Kraftwerk erzeugte Strom einen Einstandspreis haben. Dieser Preis könnte bei durchschnittlich 7,5 Cent je kWh liegen. Da es sich um ein Kraftwerk mit Kraft-Wärme-Kopplung handelt wird der Preis ansteigen, wenn weniger Wärme an das lokale Fernwärmenetz abgegeben werden kann, und zurück gehen, wenn viel Wärme benötigt wird. Der Gestehungspreis an einem Kraftwerk ist somit von einem lokalen Energiemarkt (Wärme) abhängig. Der zuständige Stromhändler wird seinen Angebotspreis abhängig machen vom lokalen Wärmebedarf.

Uniriese in Leipzig (Sitz der EEX/Strombörse)
Uniriese in Leipzig (Sitz der EEX/Strombörse)

Strom wird auf zwei Arten gehandelt. Zum einen existiert der sogenannte OTC-Handel (Over-The-Counter). Ein außerbörslicher Handel, der durch bilaterale Lieferverträge gekennzeichnet ist. Ein Broker/Handelsplattform sorgt dafür, dass Angebot und Nachfrage zusammenkommen. Bis zu 80% des erzeugten Stroms wird außerbörslich gehandelt. Die zweite Art ist der Handel an der Börse. In Deutschland ist der European Energy Exchange (EEX) mit Sitz in Leipzig beauftragt einen Marktplatz für Strom zu betreiben.

Würde es nur das eine Kraftwerk geben welches erzeugt und 30.000 Privathaushalte die den Strom abnehmen, so würde der Strompreis dem lokalen Wärmebedarf folgen. Im Winter, wenn viel Wärme benötigt wird, wird der Strom günstiger sein, als im Sommer, wenn keine zusätzlichen Einnahmen aus der Wärme-Auskopplung erzielt werden kann. Nach Angaben des Industrieparks Weinheim kann das Kraftwerk 100 Millionen kWh Strom und 300 Millionen kWh Wärme pro Jahr liefern. Für jede Lieferstunde können die Betriebskosten (Brennstoff, Personal, …) entsprechend dem Anteil in der jeweiligen Stunde aufgeteilt werden.

Sollten alle 30.000 Privathaushalte beim lokalen Stadtwerk sein, so würden diese vom Kraftwerk genau den Verbrauch einkaufen, zum Preis, der in der jeweiligen Lieferstunde gilt. Bei dieser sehr vereinfachten Darstellung wird davon ausgegangen, dass das Kraftwerk ohne zusätzlichen Kosten seine Lieferung dynamisch dem Verbrauch anpassen kann. In diesem Falle schwankt der Bezugspreis für Strom entsprechend dem lokalen Wärmemarkt. Aus dem Fahrplan des Kraftwerks lässt sich für jede Stunde ein Preis ausmachen. Der Endkunde zahlt den Durchschnittspreis des Jahres (+Gewinnmargen).

In diesem sehr vereinfachten Szenario entsprechen die Transportkosten – und damit die Grundlage der Netzentgelte – den notwendigen Einrichtungen (Leitungen, Transformatoren,…) im Einzugsgebiet des Kraftwerks.  Die Transportkosten lassen sich 1 zu 1 auf die Verbrauchsmenge umlegen. Die Abschreibung aus den Anlagen für die Verteilung wird vom Stromkunde anteilig bezahlt.

Erhöht man die Anzahl der Anbieter und die Anzahl der Abnehmer, so ändert sich dieses Szenario erheblich. Die Stadtwerke werden weiterhin versuchen den Strom so günstig wie möglich einzukaufen. Der Kraftwerksbetreiber hingegen versucht seine Leistung so teuer wie möglich zu verkaufen. Auf beiden Seiten wird ein Homo Oeconomicus (s.h. Wikipedia) in Form eines Stromhändlers sitzen, der seine individuellen Ziele verfolgt. So wird es vorkommen, dass ein Nachfrager im 500km entfernten Norddeutschland früher vom Angebot des Kraftwerks erfährt, als das lokale Stadtwerk. Per OTC-Handel oder auch über die Börse wird der Liefervertrag zwischen dem Kraftwerk und dem Abnehmer geschlossen. Das lokale Stadtwerk muss dennoch den Strom für seine Kunden erwerben und ausweichen auf ein anderes Angebot – evtl. einem Angebot aus dem 350km entfernten München.

Sowohl Kraftwerk als auch die Privathaushalte werden ihren Standort (selbstverständlich) nicht verändern. Weiterhin wird das Kraftwerk physikalisch den Strom für die 30.000 Haushalte liefern, lediglich der Handel hat einen anderen Weg genommen. Beim aktuellen Strommarktdesign geht man davon aus, dass die Verträge/Transaktionen sich in der Summe  ausgleichen. Der OTC-Handel und die Strommengen an der EEX sollen keine Auswirkungen auf die physikalischen Lastflüsse haben.

Spätestens die EEX sorgt in ihren verschiedenen Produkten (Termingeschäfte) für eine einheitliche Preisfindung über das gesamte Bundesgebiet. Zu jeder Lieferstunde existiert ein Preis, den ein Einkäufer zahlen muss – unabhängig, ob er in Weinheim, Hamburg oder München ist.

Kann der Strom in einem Teil Deutschlands in einer Stunde günstiger in ausreichender Menge erzeugt werden, als in einem anderen Teil, so muss der physikalische Stromfluss den Vertragsverhältnissen angepasst werden. In der Folge müssen auch die Übertragungswege vorhanden sein, die als Kosten für die Infrastruktur in den Netzentgelten berücksichtigt wird. Sobald die verfügbare Kapazität zu einem Zeitpunkt höher ist als die Nachfrage (Verbrauch), wird das durch den Handel ausgelöste Ungleichgewicht vergrößern.

Bei Verbrauchsgütern hat der Preis eine Signalwirkung auf den Bedarf. Steigt der Preis, so werden die Käufer bemüht sein, die Menge zu reduzieren. War der Strompreis im vereinfachten Szenario von Weinheim noch eine Signalwirkung ausgehend vom lokalen Wärmemarkt, verliert er diese Wirkung, sobald durch den Handel eine alternative Bezugsquelle in ausreichender Größe vorhanden ist. Die Co-Existenz aus Kraftwerk und Verbraucher löst sich auf und fördert den Bedarf an ausreichenden Transportkapazitäten.

Zumindest im grenzüberschreitenden Handel werden die Übertragungskapazitäten gehandelt. Im Jahre 2008 hatten die Netzbetreiber eigens die Capacity Allocation Service Company for the Central West European Electricity market (kurz: CASC.eu) gegründet. Bei Udo Leuschner wird über die Einführung berichtet:

Am 10. November, dem ersten Handelstag der Marktkopplung, glichen sich die von den CWE-Strombörsen ermittelten Preise für den Day-ahead-Baseload vollständig für jede einzelne Stunde an.

Nächster Schritt: Europäischer Markt (Quelle: PCR Initiative)
Nächster Schritt: Europäischer Markt (Quelle: PCR Initiative)

Eine ähnliche Angleichung der Preise dürfte sich auch im November 2013 bei der Einführung des Price Coupling of Regions (PCR) ergeben. Der Preis innerhalb des gekoppelten Gebietes gleicht sich an, wobei der lokale Aufwand für die Erzeugung des Stroms keinen Einfluss auf den Börsenpreis hat. Die Kosten für den Transport müssen durch den Handel mit Leitungskapazitäten gedeckt werden.

In der Vergangenheit waren der Handel von Strom an der Börse und die Nutzung von grenzüberschreitenden Übertragungskapazitäten zwei gänzlich voneinander getrennte Aktivitäten. Die nationalen Stromgroßhandelsmärkte wurden separat von einander betrieben ohne Berücksichtigung grenzüberschreitender Handelsmöglichkeiten. Bei der Marktkopplung (Market Coupling) werden diese beiden Bereiche miteinander verknüpft, indem grenzüberschreitenden Übertragungskapazitäten bereits bei der Bestimmung der Börsenergebnisse berücksichtigt werden. (Monitoringbericht 2011, Bundesnetzagentur)

Mit dem PCR (inkl. Leitungskapazitäten) wird ein wichtiges Problem gelöst, welches noch vor einigen Jahren bestanden hat. Theoretisch war es möglich, die Erzeugung von Strom auf einem Markt zu erwerben, ohne dass es Leitungskapazitäten für den Transport gab. Der  BDEW steht hinter dieser Entwicklung:

Eine Teilung des deutschen Strommarktes in zwei oder drei Preiszonen oder die Einschränkung der dem Handel zur Verfügung stehenden Kuppelkapazitäten durch Ringflüsse wären dabei kontraproduktiv. (Quelle: BDEW – Wettbewerb 2012)

Der größte Lobbyverband der Stromwirtschaft stellt sich damit hinter eine Ausdehnung des Handels mit Strom. Ein grenzüberschreitender Markt, der liberalen Regeln folgt. Doch werden auch die Kosten durch den Handel/Markt gedeckt?

strompreis2014_wendeWenn dieser Markt funktionieren würde, dann gäbe es den Posten „Netzentgelte“ auf keiner Stromrechnung mehr. Im Einkaufspreis des Versorgers würden alle Kosten für den Aufbau und den Betrieb der Übertragungsnetze enthalten sein. Durchschnittlich 200€ – mit steigender Tendenz – zahlen deutsche Haushalte pro Jahr für das Stromnetz. Jeder Euro davon ist ein Beweiß dafür, dass die Einpreisung der Leitungskapazitäten nicht funktioniert.

Für die Verbraucher bedeutet das Mehrkosten von 20 Milliarden Euro. Den Energieexperten Prof. Lorenz Jarass bringt das auf die Palme. Er wirft Netzbetreibern und Bundesnetzagentur unsinnige und ökonomisch falsche Planungen vor. (Quelle: Franz Alt – Sonnenseite).

Nach Prof. Jarass sieht der Netzausbauplan vor, dass jede in Deutschland eingespeiste Kilo-Watt-Stunde Strom der Vermarktung an jedem Ort des Landes zur Verfügung steht. Am Beispiel vom Kraftwerk in Weinheim ist es damit keine Ressourcenbegrenzung wenn der Strom nach Norddeutschland verkauft wird. Ferner ist des für die Stadtwerk kein Problem seinen Strom in München zu beziehen.

Die Knappheit einer Ressource ist aber Grundlage einer jeden Preisfindung. „Die Sonne stellt keine Rechnung“ lautet ein Slogan der Solarbranche. Für alles, was eine erfassbare Mengenbegrenzung hat, ist es dem Homo Oeconomicus möglich einen Preis zu definieren.

Wettbewerbshüter BNetzA
Wettbewerbshüter BNetzA

Schaut man auf die Informationsseite der Bundesnetzagentur zum Netzsausbau, so stellt man fest, dass die Vermutung Prof. Jarass zutrifft. Zwar wird für das Jahr 2014 eine Novelle erarbeitet, die von einer geringeren Offshore-Einspeisung ausgeht, jedoch sind die Hochrechnungen im September 2013 Entwurf des Netzentwicklungsplans dennoch ausreichend für den bundesweiten Stromhandel ohne Einschränkung durch die Netze (vergl. Kapitel „Streckenmaßnahmen“).

Das Eingangs genannte Zitat von Lichtblick lässt wird sich in für die kommenden Jahre wohl wiederholen lassen, dabei liegen die Alternativen für den durch Handel  forcierten Ausbau auf der Hand.

Zunächst müssten funktionierende lokale Märkte aktiviert werden. Im Prinzip stellen die Bilanzkreise der Verteilnetzbetreiber bereits den geeigneten Kontext und räumliche Abgrenzung. Der Verteilnetzbetreiber (das lokale Stadtwerk) kann zu einem günstigeren Preis vom lokalen Kraftwerk beziehen. Reichen die Kapazitäten für die Versorgung der 30.000 Haushalte nicht aus, so ist für den zugekauften Strom das doppelte Netzentgelt zu entrichten. Wird Strom vom Kraftwerk außerhalb des Bilanzkreises verkauft, so fallen ebenfalls die doppelten Netzentgelte an. Die zusätzlichen Einnahmen aus den Netzentgelte sind in einen Fonds einzuzahlen, der ausschließlich dem Ausbau der Übetragungsnetze und Netzkoppelstellen dient.

Klein-Erzeugungsanlagen werden ebenfalls dem lokalen Markt im Bilanzkreis zugeführt. Dadurch können die tatsächlichen Bedingungen für die Stromerzeugung (Wärmebedarf bei Auskopplung, Windmenge, PV-Leistung) eine Signalwirkung über den lokalen Strompreis entwickeln. Den Versorgungsunternehmen wird es deutlich leichter gemacht, einen variablen Tarif anzubieten, der genügend Anreize für die Verschiebung des Lastgangs bietet.  Durch die Kopplung mit dem Verteilnetzbetrieb werden die Weichen gestellt, auch langfristig eine lokale Kapazitätsdeckung zu erzielen und so den Netzausbau deutlich schmaler zu gestalten.

Bitte unterstützen Sie die Bürgerpetition von blog.stromhaltig zum Stromhandel und Netzsausbau

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