GG_01„Das Grundgrün-Team kümmert sich ohne historische Beschränkung und mit einem klaren Bekenntnis zur Energiewende um Zukunftsthemen.“ (Eberhard Holstein)

Es gibt viel Kritik am aktuellen Design des Strommarktes. Vom Handel, der das Netz stündlich einen Schluckauf bereitet (vergl. Auswirkung des Handels auf die Netze), über das leidige Thema der Kapazitätsmärkte, oder aber auch die Frage ob ein Quotenmodell für Einspeisung die Energiewende abwürgen würde (vergl. Beitrag von Bündnis 90/Die Grünen).

Die Grundgrün Energie GmbH ist nicht nur ein Akteur in diesem Markt, ihr Geschäftsführer Eberhard Holstein erarbeitete Thesen, wie das Marktdesign  aussehen könnte.  Grund genug für blog.stromhaltig einmal genauer nachzufragen.

Eberhard Holstein  - Geschäftsführer Grundgrün Energie GmbH
Eberhard Holstein – Geschäftsführer Grundgrün Energie GmbH

Wie setzt Grundgrün die Energiewende unter Strom?
Die Energiewende stellt alte wie neue Marktakteure vor neue Herausforderungen: von der Marktintegration Erneuerbarer Energien und den damit einhergehenden Anforderungen an die EEG-Direktvermarktung bis zur Notwendigkeit, neue intelligente Versorgungskonzepte zu entwickeln. Das Unternehmensziel von Grundgrün ist es, diesen neuen Akteuren einen Zugang zu diesem „neuen Energiemarkt“ zu verschaffen. Im ersten Schritt umfasst dieser Marktzugang die Direktvermarktung von Energie aus Erneuerbarer Erzeugung (insbesondere Einspeisung von Wind- und Solarstrom) sowie die Belieferung von Endkunden. Zudem arbeitet Grundgrün intensiv an der Integration von Speicherlösungen sowie der Unterstützung dezentraler Versorgungskonzepte. Mit der Umsetzung dieser Geschäftsfelder schließt Grundgrün die Wertschöpfungskette von der regenerativen Erzeugung bis zum Zähler des Endkunden und macht die Energiewende so zu einem tragenden Geschäftsmodell.

Die Bundesregierung schlägt im Wahlkampf eine Trennung der Erneuerbaren Energieträger von den klassischen/fossilen Energieträgern vor; ist dies eine hinreichende Marktreform?
Aus unserer Sicht ist dies ein falscher Ansatz. Die Trennung nach Energieträgern ist historisch bedingter Unfug. Die Energiewende kann nur dann erfolgreich vollzogen werden, wenn alle Energieträger in einem Markt sinnvoll zusammengebracht werden. Um die politischen Absichten im Marktfeld umzusetzen, ist eine tatsächlich vergleichbare Betrachtung der Gesamtkosten pro Energieträger unbedingt notwendig. Das bedeutet, dass auch der Umweltverbrauch beim Kohleabbau in die Kosten für den Strom internalisiert werden muss. Und natürlich muss die schon seit einiger Zeit dringend notwendige Korrektur bei den Kosten für CO2-Zertifikate erfolgen.

Wenn ich Ihren Vorschlag richtig verstehe, dann schlagen Sie eine Verlagerung von vielen Kosten abseits der Gestehungskosten in die Netzentgelte vor, wobei Erzeuger ebenfalls beteiligt werden. Bleibt es damit bei einem Energy-Only-Market?
Nein, definitiv nicht. Energy-Only-Märkte sind für die Liberalisierung von Strommärkten nicht ausreichend – speziell dann nicht, wenn ein hoher Anteil an Erneuerbaren Energien vorhanden ist. In fast allen Märkten ist das „Energy-Only“-Modell gescheitert – außer z.B. in Australien, wo es einen fast reinen fossilen Erzeugungsmix gibt.

Der Direktvertrieb sorgt für eine Marktintegration des EE-Stroms von der Erzeugungsseite. Welche Ansätze sehen Sie für eine Stromwende, die vom Verbrauch ausgeht?
Die Grundidee von Grundgrün ist die Betrachtung und Einbeziehung von Erzeugung und Verbrauch. Aus dieser Perspektive müssen immer alle Flexibilitäten, die sich bieten, einbezogen werden. Wichtig ist dabei die wertgleiche Betrachtung dieser Optionalitäten: vom Einsatz flexibler Kraftwerke in der Erzeugung bis zur Lastverlagerung (z.B. in Kühlhäusern) auf Verbrauchsseite.

Gehandelter Strom ist gehandelter Strom, egal ob in Flensburg oder in Traunstein. Welche Konsequenzen hat dies für den Aufbau von Infrastruktur (Netze)?
Vor allem die, dass wir die Marktintegration und die Netzintegration nicht weiter getrennt betrachten können. Die Diskussion um die Marktintegration betrachtet nur den Verbrauch sowie die Erzeugung unter dem Aspekt der Gleichzeitigkeit. Bei der Netzintegration stehen der koordinierte Zubau von EE-Anlagen und die Transportmöglichkeit im Fokus. Wir werden es uns aber nicht länger leisten können, diese Betrachtungen getrennt voneinander zu führen: Beide Herausforderungen müssen inhaltlich abgestimmt und vor allem zeitgleich angegangen werden.

Der EEG vermarktete Strom wird mehr oder weniger auf den Markt geschmissen. In der Konsequenz sind für Prognosefehler der Zukauf von Ausgleichenergie notwendig. Wer zahlt? Wer profitiert?
Das alte EEG hat alle Prognosefehler der Allgemeinheit aufgebürdet. Das ist bis zu einem Anteil von 15% Erneuerbaren auch machbar. Ab einem Anteil von ca. 20% kommt es zwangsläufig zu Konflikten. Um den Ausbau der Erneuerbaren zu sichern, hat die EEG Novelle 2012 über die zwei Marktteilnehmer Übertragungsnetzbetreiber und Direktvermarkter die Prognoseverantwortung auf breitere Schultern gestellt. Die Bundesnetzagentur zwingt die Übertragungsnetzbetreiber durch die gemeinsame Ausschreibungsplattform im Netzregelverbund zu mehr Effizienz. Zudem werden Verbesserungen bei der Performance für die ÜNBs incentiviert: 25% der Einsparungen darf der ÜNB behalten. Auch die Direktvermarkter werden sich bemühen, ihre verursachten Kosten so klein wie möglich zu halten, da sie sich dann über mehr von ihrer Pauschale und damit über eine größere Effizienz freuen können. Allerdings bleibt es zunächst dabei, dass der Verbraucher über die EEG-Umlage die Kosten hierfür trägt. Profitieren tun vor allem die Erneuerbaren Energien: sie qualifizieren sich für ein von Erneuerbaren geführtes Gesamtsystem. Grundgrün und seine Erzeuger profitieren immer dann, wenn energiewirtschaftlich und marktlich sinnvoll gedacht und agiert wird.

Ist die Eindeckung mit Energie nicht schon längst abgeschlossen, wenn der EEG-Strom bezogen werden kann?
Absolut richtig. Daher sehen wir gerade so einen starken Preisverfall am Spotmarkt: Vertriebe kaufen langfristig Energie ein, um ihren Verbrauchern Preissicherheit zu gewährleisten. Entsprechend wird die konventionelle Produktion ebenfalls langfristig verkauft. Wenn dann viel Strom aus Erneuerbaren Energien kommt, senken die konventionellen Erzeuger ihre Produktion ein und ersetzen sie durch den günstigeren, zugekauften Strom. Mittelfristig möchten wir als Grundgrün unseren Haushaltskunden Spotprodukte anbieten, damit auch Haushalte von den günstigen Strompreisen am Spotmarkt profitieren können.

Das G.R.E.E.N Tool bildet die Schnittstelle zwischen Erzeuger und Abnehmer. Wie kann man sich dies praktisch vorstellen?
Das Grundgrün Renewable Energy Efficiency Network Tool vernetzt grundsätzlich erst einmal alle dezentralen Anlagen zu einem Energiemanagement-System und ist damit ein klassisches virtuelles Kraftwerk. Als Schnittstelle zwischen Lieferanten und Abnehmern fasst es Erzeugung, Speicherung und Lastverlauf zusammen. Die Bündelung der Anlagen ermöglicht die Glättung der unregelmäßigen Leistungseinspeisung von Wind- und Solaranlagen und ermöglicht so, auch viele kleine Anlagen sinnvoll zu vermarkten. Das G.R.E.E.N Tool bietet für uns und unsere Erzeuger maximale Flexibilität und Versorgungssicherheit. Aus dem virtuellen Kraftwerk heraus können wir Fahrpläne abfahren, Anlagen energiewirtschaftlich sinnvoll steuern und Stromhandelspositionen minütlich aktualisieren.

Abschließend eine aktuelle Frage im Hinblick auf die Bundestagswahl. Am Strompreis wird bei allen Parteien das Thema Energiewende aufgerollt. Von welchem Schlagwort würden Sie das Thema aufrollen?
Die EEG-Umlage als Preistreiber ist an sich aussagelos. Ein Kostentreiber für die Endkunden sind sicher die sinkenden Forward-Preise am Spotmarkt, die die Differenzkosten in das EEG erhöhen. Aber das alleine macht die Energiewende nicht teuer. Die steigende Eigenversorgung, also Erzeugung, die nicht mehr zum Gesamtsystem beiträgt, etliche Ausnahmeregelungen und eine Stromwirtschaft, die in den vergangenen 5 Jahren in viele unsinnige Dinge wie wärmegeführte Kraftwerke á la Moorburg oder Irsching investiert hat, verteuern das System unnötig. Der steigende Strompreis ist also nur ein Symptom der nicht konsequent zu Ende geführten Liberalisierung des Strommarkts – mit vielen, durch lange Jahre im Monopol geprägte, marktlich unflexible Marktbeteiligten sowie sehr starke Lobbyinteressen, die insgesamt zu dem aktuellen Flickwerk geführt haben. Aber: Strom ist ein vermaschtes System – eine noch so kleine Änderung zieht viele Auswirkungen nach sich.

Die nach wie vor von den meisten Menschen gewünschte Energiewende wird nur möglich sein, wenn wir zu einer ganzheitlichen Betrachtung der Wirkmechanismen gelangen und ein langfristig tragfähiges Marktdesign entwickeln, das das EEG mittelfristig ablösen kann.

Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg!

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