Nächster Schritt: Europäischer Markt (Quelle: PCR Initiative)
Nächster Schritt: Europäischer Markt (Quelle: PCR Initiative)

Über Kopplung von Strombörsen über den Preis – kurz PCR – ist ein Algorithmus zum Handel mit elektrischer Energie über die verschiedenen Strombörsen in Europa hinweg.

blog.stromhaltig hatte Anfang September bereits über das Vorhaben berichtet, welches nun von der EU Komission für Europa als Weg angesehen wird, jedoch mit kritischem Blick nach Deutschland.

Es geht um die Stromwende, um die Investitionen in Deutschland, um Jobs, die mit der Energiewende zu tun haben und letztendlich um einen Berg an Kosten, der auf die deutschen Stromverbraucher zukommt. Von PCR profitieren die Betreiber großer Kraftwerke und große Stromhändler. Mittelstand, Kleinunternehmer und die privaten Haushalte dürfen nur zuschauen.

Jede Ware kann gehandelt werden, so auch der elektrische Strom. Börsen sind ein bewehrtes Konzept für die Findung eines Preises, aus der Angebotsmenge und dem Bedarf entsteht ein Gleichgewichtspreis. Der Handel über die Grenzen eines Landes hinweg ist generell auch nicht schlecht, setzt aber voraus, dass der Binnenmarkt funktioniert.

Bisher kann etwa ein Stromkunde aus Deutschland nicht auf Überkapazitäten aus Spanien zurückgreifen, da diese Überkapazitäten den Strombörsen außerhalb der iberischen Halbinsel nicht bekannt sind. (Hendrik Kafsack, FAZ)

Die Europäische Komission übt nun Druck auf die zukünftige Bundesregierung aus, nicht als Bremsklotz für das große Haus der Strombörsenkopplung zu fungieren. Hendrick Kafsack berichtet in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, wie selbst CDU nahe Berater wie Justus Haucap von der Monopolkommission (vergl.  „Quote oder Flexi„), von liberalem Gedankengut befreite Positionen einnehmen.

In einem Drittel bis zur Hälfte der Zeit, wenn die Stromerzeugung in den deutschen Nachbarländern die höchste Auslastung erreicht, gibt es in Deutschland keine Überproduktion. Die Kommission selbst beziffert den ökonomischen Vorteil durch eine bessere Vernetzung der Börsen auf 4 Milliarden Euro im Jahr.  (Prof. Justus Haucap Vorsitzender des RWI)

Über- oder auch Unterproduktionen sollte es in Deutschland eigentlich nicht geben, wenn die Bilanzkreise ordentlich geführt werden. Leider ist dies nach Angaben der Bundenetzagentur nicht immer der Fall:

Die Bundesnetzagentur sieht hier dringenden Handlungsbedarf seitens der Bilanzkreisverantwortlichen. Gleichzeitig scheint bei verschiedenen Akteursgruppen kein oder wenig Bewusstsein über die tatsächlichen Pflichten im Rahmen der Bilanzkreisbewirtschaftung zu bestehen. (Quelle: Positionspapier der BNetzA)

Pflichtverletzung oder ein geplantes Auffangen im Netz des Europäischen Verbundes? – Export und Import lohnt sich. So wird für Strom aus Kohlekraftwerken meist im Ausland ein besserer Preis erwirtschaftet, als in Deutschland. Über den noch zulässigen Handel mit Wasserkraftzertifikate – ohne tatsächlichen Energiefluss, kann auch in Deutschland der Ökostrom schön grün gefärbt werden (vergl. Ökostrom „Die Erste“).

Den 4 Milliarden Euro, des ökonomischen Vorteils stehen die Kosten für den Ausbau der Kupplungsstellen gegenüber. Beim Stromhandel spielt die tatsächliche Übertragung der elektrischen Energie keine Rolle. Zahlen für den Aufbau darf diese Infrastruktur der Letztverbraucher. Das Europäische Parlament hat bereits im vergangenen Jahr die notwendigen Grundlagen dafür geschaffen (vergl. „Leitlinien für die transeuropäische Energieinfrastruktur„) :

Die Kosten für die Entwicklung, den Bau, den Betrieb oder die Instandhaltung eines Vorhabens von gemeinsamem Interesse sollten generell vollständig von den Nut­zern der Infrastruktur getragen werden. (EU 347/2013 Abs. 35)

Wie hoch die Kosten für den notwendigen Netzausbau sind, wird sich zeigen. Gezahlt werden sie mit Sicherheit nicht von den 4 Milliarden Euro ökonomischen Vorteils. Zum Vergleich hebt der aktuelle Stand des Ausbau Erneuerbarer Energie in Deutschland bereits das Handelsvolumen um 4,5 Mrd. Euro im Jahr (Schätzung für 2013  / Übertragungsnetzbetreiber).

Europäischer Stromfluss 25.03.2013 (Quelle: Entsoe)
Europäischer Stromfluss 25.03.2013 (Quelle: Entsoe)

Auch ohne gehandelten Strom von der iberischen Halbinsel, der in Deutschland konsumiert wird, zeigt der Stromhandel bereits seine Spuren in der Stabilität der Netze (vergl. Auswirkung des Stromhandels auf die Netze). Erzeugung und Verbrauch muss immer in Balance bleiben. Lieferverträge sind mengenbegrenzt und zeitlich gebunden. Am Anfang oder Ende einer Lieferung kommt es daher zu einem kurzzeitigen Ungleichgewicht, der durch andere Mechanismen ausgeglichen werden muss.

Beim Handel mit elektrischer Energie wird die Notwendigkeit von Reservekraftwerken nicht beachtet (vergl. Analyse der Netzsituation im Winter 2012/2013). Es sind physikalische Eigenschaften, wie der Bedarf an sogenannter Blindleistung, die benötigt wird, wenn Strommengen über eine große Distanz transportiert werden müssen. blog.stromhaltig hatte im Juni 2013 den Rückgriff auf Kaltreserve im Januar untersucht und ist zum Ergebnis gekommen:

Die Liberalisierung des Strommarktes und die damit verbundene Trennung von Stromerzeugung und Netze, sorgt im Anblick der Blindleistungsthematik zu einer besonderen Herausforderung, die zunächst regulatorisch adressiert werden muss.

Bürgerpetition: Transeuropäischer Stromhandel
Bürgerpetition: Transeuropäischer Stromhandel

Die regulatorischen Rahmenbedingungen in Deutschland verhindern aktuell das Entstehen von lokalen Strommärkten. Ohne einen funktionierenden Stromhandel in der Nachbarschaft, ist der trans-europäische Handel nur teuer. Den Vorteil haben wenige Marktteilnehmer, wobei das Entstehen eines Marktes mit sehr vielen Marktteilnehmern aktiv verhindert wird.

Will man in Zukunft nicht einfach den Strom abdrehen, wenn es der „Markt“ vorsieht, so müssen heute Anreize geschaffen werden. Beim Handel sind Anreize den Konsum zu verändern lediglich über den Preis zu bestimmen. Quoten und Kapazitätsmärkte auf der einen Seite zu forcieren und auf der anderen Seite die Weichen für einen Übergang zum Europäischen Handel zu schaffen, ist ein Match das auf zwei Spielfeldern ausgetragen wird. Eines die Versorgungssicherheit – der Profit durch Handel.

Dargebotsabhängige Tarife sind bereits heute umsetzbar. Der Grünstromindex erlaubt bereits heute die Schaffung eines lokalen Handels und setzt Anreizfaktoren für Verbraucher.  Erst nach einer erfolgreichen Implementierung von lokalen Märkten sollte man den Weg nach Europa gehen – nicht umgekehrt. Oder man gibt das Steuer ab … und lässt die Bürger-Energiewende durch Europa an die Wand fahren.

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Ein Gedanke zu “EU will Tod durch Handel für die Stromwende in Deutschland

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