Christian Pohl (links) und Prof. Dr. Ralf Simon, die Gründer der SP EnergyControl GmbH
Christian Pohl (links) und Prof. Dr. Ralf Simon, die Gründer der SP EnergyControl GmbH

Prof. Dr. Ralf Simon berichtet, dass bereits im Jahre 2007 an seinem Lehrstuhl intensiv zum Thema Smart Grid und besonders dem Bereich virtuelle Kraftwerke geforscht wurde. Damals interessierte sich  niemand ein solches Kraftwerk auch tatsächlich zu betreiben. Dies änderte sich. Im Jahre 2011 bekam das Vorhaben den Rheinland-Pfälzischen Innovationspreis. Heute tritt SP EnergyControl als Kümmerer im Hintergrund von virtuellen Kraftwerken auf.

blog.stromhaltig hatte schon häufiger über Virtuelle Kraftwerke berichtet. Ein Zusammenschluss verschiedener (kleinerer) Erzeugungsanlagen mit dem Ziel nach Außen als ein Leistungserbringer aufzutreten. Es ist die Faszination des „Wisdom of Crowds“, welches von diesen Aggregationen ausgeht. Gemeinsam sind Erzeugungseinrichtungen stärker am Markt als allein – gelingt der Zusammenschluss, dann ist dies ein Gaspedal für die Energiewende.


Was macht die SP EnergyControl GmbH? 

Die SP EnergyControl GmbH ist eine Ausgründung der Transferstelle der FH Bingen. Sie betreibt im white label Verfahren für verschiedenen Händler in Deutschland virtuelle Kraftwerke. Hierbei übernimmt sie die komplette Technik. D.h. von der Kommunikationstechnik, dem Betrieb der Software in einem Rechenzentrum, der Wartung und Weiterentwicklung der Software sowie der Bearbeitung von Engineeringaufgaben im Rahmen der Anbindung komplexerer Anlagen reicht das Dienstleistungsangebot der SP EnergyControl GmbH.

In Ihrem Konzept beschreiben Sie industrielle Lasten als virtuelle Speicher. Sind an dieser Stelle auch private Haushalte, besonders Wärmepumpen, angedacht? 

Die wirtschaftliche Anbindung von privaten Haushalten ist für mich noch ein sehr, sehr weiter Weg. Ein Kühlschrank, der in einem Smart Grid einen Beitrag zur Netzstabilität leisten soll, hat, um eine wirtschaftliche Einbindung zu gewährleisten, eine zu kleine Leistung. Und sie sollte in Zukunft immer kleiner werden. Am liebsten wäre mir doch ein Kühlschrank, der überhaupt keinen Strombedarf hat. Ein zweites Problem ist das Nutzerverhalten. Eine Waschmaschine, die in der Nacht die Wäsche wäscht, ist netztechnisch gesehen, eine gute Sache. Aber wer räumt um 2 Uhr nachts die Wäsche aus der Maschine?

Wir können aber Potenziale in Gewerbe und Industrie finden, die wirtschaftlich und nennenswert sind. Somit ist heute schon ein Beitrag möglich. In der Zukunft werden wir auch immer kleinere Anlagenleistungen integrieren können. Vielleicht auch einmal den Kühlschrank.

Welche Rolle bekommen VKs mit Speichern bei der Fahrplanerstelliung konventioneller Kraftwerke? 

Kohlekraftwerke werden wir im Rahmen des Umbaus des Energiesystems noch eine einige Zeit  benötigen. Nach der Merit Order, welche die Basis für die Fahrpläne ist, wird ihre Laufzeit mit dem Ausbau der EE-Anlagen immer weniger. Sie werden somit automatisch zu Reserveanlagen. Dies gilt bei der momentanen Gesetzgebung. Wir werden jedoch aufpassen müssen, dass im Rahmen der Novellierung des EEG die Grundpfeiler der CO2-freien Stromerzeugung nicht zerstört werden.

Lassen sich klassische Kraftwerksbetreiber überhaupt in die Fahrpläne „diktieren“ ? Oder erfolgt die Kommunikation ausschließlich über den Markt/Handel?

Der Markt und  somit der Handel bestimmen die Fahrpläne (siehe oben).

Eine Hypothese von mir ist, dass dezentrale Energiewende einen zentralen (regionalen) Bertrieb mit sich bringt. Ist dieser „Betrieb“ das VK?

Es gibt zwei Tendenzen, einmal der regionale und einmal der lokale Betrieb eines virtuellen Kraftwerks.

buendelung_von_anlagenZusätzliche Wertschöpfungspotenziale ergeben sich im Bereich der Systemaufgaben für die  Übertragungsnetze. Gemeint ist hier vor allem die Regelenergiebereitstellung zur Stabilisierung der Frequenz durch die dezentralen Energieerzeuger. Wenn wir die Energiewende vorausdenken, wird es notwendig, dass die Dezentralen immer mehr auch die Systemaufgaben übernehmen. Systemaufgaben im Bereich der Übertragungsnetze sind zentrale Aufgaben, die über ein überregionales Virtuelles Kraftwerk erledigt werden können.

Parallel dazu wird es vor allem durch den Ausbau der Photovoltaik in den Niederspannungsnetzen der lokalen Versorger zu einem Bedarf an lokalen Virtuellen Kraftwerken geben, um die Spannungshaltung zu organisieren. Wenn die Photovoltaik beispielsweise am Rande eines Ortsnetzes auf einer großen Scheune stark einspeist, gibt es die Möglichkeit mit Hilfe eines lokalen Virtuellen Kraftwerks Verbraucher einzuschalten, um hier Spannungsüberhöhungen abzubauen. Dieses zweite lokale Einsatzgebiet für virtuelle Kraftwerke ist jedoch noch zu  entwickeln.

Um eine höhere Abdeckung durch die regenerative, ja oft fluktuierende Stromerzeugung für die Lastgänge zu erreichen, sind natürlich Virtuelle Kraftwerke / Smart Grid sehr geeignet. Sie können Verbraucher in der Fahrweise verändern bzw. Speicher be- oder entladen. Die lastganggerechte Versorgung einer Kommune mit Hilfe der regenerativen Stromerzeugung unter Nutzung eines virtuellen Kraftwerks / Smart Grid liefern so einen Beitrag zum Klimaschutz.

Wir erleben gerade, dass einige Kommunen in die Richtung der lokalen Systeme denken, weshalb wir ein System entwickelt haben, welches die lokalen Bedürfnisse abdeckt und zu den Zeiten, in denen keine Bedarf besteht, die eingesammelte Leistung des lokalen virtuellen Kraftwerks / Smart Grid in ein übergeordnetes virtuelles Kraftwerk zur Bereitstellung von Regelenergie. Dies ist für mich die sinnvollste Maßnahme, da nun die geschaffene Infrastruktur des virtuellen Kraftwerks / Smart Grid mehrere Aufgaben übernehmen kann. Gleichzeitig liefert das System auch über die Bereitstellung von Regelenergie einen Beitrag zur Wertschöpfung vor Ort.

Sie sprechen Regelenergie (MRL) an. Ist der Markt für Ausgleichenergie (Intra-Day/Spot) nicht viel spannender?

Regelenergie in Form der Minutenreserveleistung oder der Sekundärregelleistung ist ein sehr interessanter Markt. Es werden Leistungs- und Arbeitspreise gezahlt, weshalb ein Beitrag hier wirtschaftlich sinnvoll ist. Der Bereich der Ausgleichsenergie ist ebenfalls sehr interessant. Die Arbeitspreise hier liegen in einem Bereich der eine Wirtschaftlichkeit darstellen kann. Das Problem ist jedoch, dass so gut wie alle Bilanzkreisverantwortlichen ihren Bilanzkreis nicht aktuell sehen. D.h. ein Gegensteuern im Falle einer Abweichung zwischen dem prognostizierten und dem tatsächlichen Bezug von Strom ist für viele nicht möglich. Wenn sich die Smart Meter durchsetzen und somit eine Messung von prognostiziertem und real sich einstellendem Strombedarf vorhanden ist, wird sich diese Situation verändern und für die Infrastruktur Virtuelles Kraftwerk / Smart Grid ergibt sich somit ein zusätzlicher Markt.

In welchem Bereich sind die Investitionen notwendig? Forschung, Anlagen, …. ?

Es existiert noch ein erheblicher Bedarf im Bereich der lokalen virtuellen Kraftwerke / Smart Grid. Hier müssen Messsysteme auch in die unterste Spannungsebene eines Netzes integriert werden, um die Möglichkeit der lastganggerechten Versorgung sicher zu stellen. Hierzu braucht es noch einige Pilot- bzw. Demonstrationsprojekte, aus denen gelernt werden kann.

Vielen Dank an Prof. Dr. Ralf Simon für die Beantwortung der Fragen!

Den Beitrag "Nachgefragt bei SP EnergyControl: Virtuelle Kraftwerke als Energiewende-Beschleuniger offline Lesen:

Kommentar hinterlassen

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong> 

benötigt