Dr. Tim Meyer - Geschäftsführer Grünstromwerk
Dr. Tim Meyer – Geschäftsführer Grünstromwerk

Vor einigen Monaten wurde bei blog.stromhaltig die Frage gestellt, wo eigentlich der ganze PV Strom hinkommt? Auf Rückfragen hatten einige Anbiete Schwierigkeiten Informationen zu liefern, andere hatten einen relativ kleinen Anteil in ihrem Mix. Nun bietet Grünstromwerk einen Tarif Solar25 an, der zu 25% aus deutschem Solarstrom besteht, wie man der Pressemitteilung des Unternehmens entnehmen kann.

Vorab ein großes Danke an Herrn Dr. Meyer, dass er so schnell die Fragen beantwortet hat – und dabei noch Bezug auf die aktuellen Beiträge nimmt. Das ist nicht selbstverständlich!

Das Fazit vorab: Solarstrom ist in Endkundenprodukten in Deutschland möglich…

gsw_logo„Heute sind Ökostrommarkt, reale Stromproduktion aus erneuerbaren Quellen und Energiewende weitgehend entkoppelt. Mit unserem Tarif zeigen wir, dass ein guter Schritt voran heute schon möglich ist: einerseits machen wir Solarstrom aus Deutschland für Ökostromkunden direkt zugänglich. Und andererseits können Ökostromkunden über ihre Kaufentscheidung unmittelbar den Ausbau der Photovoltaik voran treiben.“ (Dr. Meyer – Grünstromwerke)

Was macht Grünstromwerk anders?
Ein viertel unseres Stromes kaufen wir direkt bei Betreibern größerer Solaranlagen ein. Diese Solarstrommenge wird dann nicht mehr vom Netzbetreiber nach EEG vergütet, sondern von uns zu einem vereinbarten Preis bezahlt. Sie fließt direkt und ohne Zwischenhändler oder Umweg über die Strombörse in unseren Bilanzkreis. Dies geschieht zeitgleich, d.h. auf Basis der energiewirtschaftlichen ¼ h-Bilanzierung. In Teil 1 Ihrer Beitragsreihe verweisen Sie auf die übliche rein bilanzielle Beschaffung von Ökostrom. Der Solaranteil ist bei uns im Gegensatz dazu tatsächlich zeitgleich beschafft und ausgeliefert. Auch bei der Restmenge haben wir eine höhere Qualität von Zeitgleichheit als marktüblich, nämlich auf Monatsbasis.

Mit SOLAR 25 integrieren wir erstmalig in Deutschland einen hohen Solaranteil direkt in einen Stromtarif. Ohne jegliche Förderung durch Grünstromprivileg oder andere Mechanismen. Damit entlasten wir gleichzeitig das EEG.

Grünstromwerk nutzt 25% – ist mehr möglich für Standard Lastprofilkunden? (Ohne Speicher?)
Mehr als 25% Solarstrom ist ohne Speicher tatsächlich kaum in Standardlastprofile integrierbar. Im Sommer würden große Überschüsse entstehen, d.h. die Anlagen würden zeitweise deutlich mehr produzieren, als unsere Kunden verbrauchen.

In der Pressemitteilung geben Sie eine regionale Ausbaugarantie, wie muss ich mir dies vorstellen?
Unser Ziel ist es, den heute bundesweit angebotenen Tarif in viele einzelne Regionaltarife zu überführen. Ähnlich Ihrer Vision zum Ende von Teil 3 Ihrer Beitragsreihe. Wir sehen dafür zwei Wege vor.

Zum einen die Zusammenarbeit mit Energiegenossenschaften, Gemeinden etc. In Kurzform: Genossenschaften errichten neue PV-Anlagen, wir kaufen den Strom aus den Anlagen und bringen ihn in einen regionalen SOLAR 25 – Tarif ein. Genossenschaftsmitglieder und regionale Haushalte und Gewerbekunden beziehen den (selbst produzierten) Strom. Der Kreis ist geschlossen.

Zusätzlich sprechen wir eine regionale Ausbaugarantie aus. Wenn in einer Region (Umkreis 10 km) über 1000 Kunden SOLAR 25 beziehen, verpflichten wir uns, im Folgejahr die Solarstrommenge direkt aus der Region zu liefern. Falls wir keine Lieferanten für diese Menge finden, verpflichten wir uns, selber ein Kraftwerk errichten zu lassen (hierfür haben wir ein Jahr länger Zeit wg. des benötigten Vorlaufes in der Projektentwicklung). Wir erwarten, dass die Ausbaugarantie zuerst in großen Ballungsgebieten wie dem Ruhrgebiet oder Berlin greift. Um hier dann überhaupt Flächen für Kraftwerke zu finden, aus denen wir die Region beliefern können, haben wir den Umkreis für die Belieferung auf 50 km gesetzt.

Alle Kriterien für den Tarif finden Sie auch in einer Übersicht unter http://www.gruenstromwerk.de/stromherkunft.html. Unser Strommix und die Erfüllung der Ausbaugarantie werden vom TÜV Rheinland überwacht.

Sie sprechen von PV-Kraftwerken – d.h. es handelt sich um Anlagen ab welcher Größe?
Ab einigen hundert kW kann ein Regionaltarif für alle Beteiligten funktionieren. In der Regel werden die Anlagen vermutlich über 1 MW Leistung aufweisen. Wichtig ist vor allem der Einspeisetarif, den die Anlagen bei reiner Einspeisung nach EEG erhalten würden. Im Großhandel kostet Strom mit einem Lieferprofil einer Solaranlage derzeit um 3 ct /kWh („Marktwert Solar“). Wir müssen den Anlagen mindestens EEG-Tarif zahlen, also bei Neuanlagen derzeit über 10,5 ct/kWh. Noch höhere Strompreise halten wir für schwer realisierbar, da dies unsere Endkundenpreis erhöhen würde. Derzeit liegen wir preislich in den meisten Regionen unterhalb hochwertiger Ökostromanbieter. Dies wollen wir gerne so beibehalten.

Wieviel Ausgleichenergie benötigen Sie für Prognosefehler aktuell?
Dies ist eines der wichtigsten Betriebsgeheimnisse von Direktvermarktern. Bitte haben Sie Verständnis, dass ich diese Zahl nicht nennen kann. Nur so viel: die Strukturierung (Marktprozesse, Ausgleichsenergie etc.) ist ein spürbarer Kostenblock auch in solaren Stromtarifen.

[Red. Anmerkung: Die Frage war dumm von mir gestellt… muss mir nochmal genau überlegen, wie die Frage zu stellen ist.  Dazu aber in einem Follwup mehr…]

Können Sie sich Direktvermarktung auch für Privatkunden (Mikro-Direktvermarktung) vorstellen?
Derzeit leider nein. Einerseits sind die energiewirtschaftlichen Prozesse dafür zu aufwändig (Wechselprozesse & Marktkommunikation, Datenmanagement, Datenklärung, Abrechnung etc.). Die Nutzung der Marktprämie lohnt sich daher nicht. Andererseits sind die Einspeisetarife für Kleinanlagen heute zu hoch für eine Vermarktung im Rahmen von Stromtarifen.

Grünstromwerk ist kein reiner Trader, daher die direkte Frage: Was ist Ihre Leistung zur Stabilität und Sicherheit des Stromnetzes?
Als Lieferant eines Tarifes mit hohem Solaranteil sorgen wir direkt für die Integration fluktuierender Solarstromproduktion in ein Stromprodukt. D.h. wir übernehmen die Integrationsleistung, die sonst beim Übertragungsnetzbetreiber und im Großhandel an der Strombörse Leipzig anfällt. Dies ist das einzige Instrument, das wir als Lieferant derzeit besitzen. Damit leisten wir mehr als Lieferanten „einfacher“ Ökostromprodukte ohne Integration fluktuierender Mengen aus deutscher Produktion. Zukünftig sehen wir jedoch weitere Möglichkeiten und Anforderungen, z.B. über virtuelle Kraftwerke. Stand heute ist der Mehrwert solcher Ansätze für Solarstrom jedoch zu gering (der Wert einer Abregelung von Solarstrom ist kleiner als der zu leistende Ersatz gegenüber dem Betreiber).

Grundsätzlich gilt in Deutschland jedoch die Trennung der Rollen Lieferant / Netzbetreiber. Für Stabilität und Sicherheit des Stromnetzes sorgen die Netzbetreiber. Und bereits heute tragen Solaranlagen zur Netzstabilität bei, z.B. über die VDE-AR-N 4105 und die Mittelspannungsrichtlinie.

Dezentrale Energiewende – bedeutet zentrales Managment (Betriebsführung). Würden Sie dieser These zustimmen?
Ja. Wobei das zentrale Management auf mehreren Ebenen stattfinden wird: regional und bundesweit.

Vielen Dank für die Beantwortung der Fragen und viel Erfolg!

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