wind_17072013Ausgehend vom zukünftigen Ereignis des Einschaltens eines Lichtes, wurde in dieser Beitragsserie bislang die Verbrauchsseite betrachtet. Zum Zeitpunkt, an dem der Verbrauch eintritt, muss allerdings auch genügend Strom erzeugt werden.

Schwankende Erzeugung zum Beispiel der Windenergie bringen allerdings tendenziell eine weitere Unsicherheit mit sich. Ohne Windenergie müssen die Übertragungsnetzbetreiber lediglich die Unsicherheit zwischen der Erzeugung und dem Verbrauch ausgleichen, so könnte man meinen. Mit der Windenergie und der Sonnenenergie müssen allerdings auch die Erzeuger untereinander einen Ausgleich durchführen.

Von Kritikern der Stromwende wird dies gerne als Killerkriterium für Versorgungssicherheit angeführt. Doch ist es dies wirklich?

In den voran gegangenen Kapiteln wurde immer nur von Ausgleichsenergie gesprochen, die benötigt wird um die Waage zwischen Erzeugung und Verbrauch zu halten. Zur besseren Unterscheidung soll hier zwischen Horizontaler und Vertikaler Ausgleichsenergie unterschieden werden. Horizontale Ausgleichsenergie  liegt dann vor, wenn die Erzeugung dem Verbrauch angepasst wird. Vertikale Ausgleichsenergie ist die Kompensation von geringerer Erzeugung aus einer Quelle bei Steigerung einer anderen Quelle. Auf der Verbrauchsseite existiert dies auch in Form der abschaltbaren Lasten – zukünftig unterstützt durch Speicher, die im Prinzip ähnliche Effekte haben.

Ganz neu ist das Phänomen der vertikalen Ausgleichsenergie, bei der eine Balance auch zwischen den einzelnen Erzeugern hergestellt werden muss nicht.  Man bedenke allein den Fall, dass es zu einer ungeplanten Nichtverfügbarkeit eines Großkraftwerks kommt. In diesem Falle muss ein anderes Kraftwerk die Erzeugung übernehmen. Dies geschieht nach Angaben der EEX  deutlich häufiger, als man es vermuten könnte. Am 17.07.2013 waren 10 Kraftwerke ungeplant nicht beanspruchbar mit einer Leistungseinschränkung von 2.800 MW – aus Windkraft konnte am gleichen Tag ein Teil davon relativ leicht abgefedert werden.

Existieren nur wenige Kraftwerksbetreiber am Markt, dann ist die vertikale Ausgleichsenergie ein Nullsummenspiel, da mal der eine – mal der andere einspringt oder nicht verfügbar ist. Erhöht sich allerdings die Anzahl der Anbieter am Markt, dann kommt es leicht zu einer gefühlt ungerechten Verteilung. Auch hier siegt, wer den niedrigsten Einstandspreis hat. Teurere Erzeuger gehen eher leer aus. Dennoch verdient immer irgend jemand an der benötigten Ausgleichsenergie. Bezahlt über die Stromrechnung an den Stromanbieter, durchgereicht in Form der Netzentgelte an den Verteilnetzbetreiber, aufgeschlagen über dessen Bilanzkreisführung beim Übertragungsnetzbetreiber…

Der 17.07.2013 war ein typischer Sommertag. Ein stabiles Hochdruckgebiet über ganz Deutschland sorgte verlässlich für sehr viel Sonne – ungetrübt von Wolken oder gar Schauern. 33.163 MWh wurden von PV-Anlagen ins Netz eingespeist – 7.492 MWh Ausgleichenergie wurden benötigt. Davon 6.746 MWh positive und 746 MWh negative Ausgleichsenergie. Nach der bereits genannten AusglMechAV sollte gelten:

Die vortägigen und untertägigen Prognosen des nach § 16 oder § 35 Absatz 1 des Erneuerbare-Energien-Gesetzes zu vergütenden Stroms sind nach dem Stand von Wissenschaft und Technik zu erstellen.

Das ein Verfahren zur Überprüfung verwendet wird, geschweige denn jemand die Menge aufdröselt, ist mir nicht bekannt. Es ist aber davon auszugehen, dass es einen „Jemand“ gibt, der sich über die 6.746 MWh Erzeugung zu Lasten der Netzentgelte freut. Bei einer besseren Prognose wäre diese Freude deutlich kleiner ausgefallen.

Wind und Sonne als dargebotsabhängige Energieträger stellen sich an dieser Stelle leider selbst etwas das Bein. Sie bieten eine Angriffsfläche für einen Wirtschaftskrieg im Hinterzimmer der vertikalen Ausgleichenergie, den sie alleine nur verlieren können. Die Art, wie aktuell der EEG-Strom vermarktet wird, sorgt zusätzlich für eine Verschlechterung der Lage. Im Rahmen der EEG-Umlage wird Ökostrom  nicht aktiv vermarktet – er fällt entsprechend der Prognose an – oder auch nicht – und trifft bei der Ausgleichenergie auf aktive Marktteilnehmer, die agieren und handeln können.

Eine einfache Regel würde Abhilfe schaffen: Grünstrom darf nur mit Grünstrom ausgeglichen werden – Graustrom nur mit Graustrom.

Strompreise sind immer Mischkalkulationen – genauso wie der Strommix auch ein Eintopf ist. Der ideale „Ausgleichspartner“ für Wind und Sonne ist die Biomasse sowie die Wasserkraft. Letztere ist allerdings bereits bei der Eindeckung durch die Stromanbieter (Lastprofile) an die Ökostromkunden vermarktet worden, sie steht somit nicht mehr zur Verfügung um im Poker der Ausgleichenergie mitzuspielen. Dies würde sich über ein entsprechendes Marktdesign ändern lassen.

Des weiteren sollte eine Verpflichtung bestehen, den Stromkunden über den tatsächlichen Strommix des Verteilnetzbetreibers informieren zu müssen. Aktuell sieht die Stromkennzeichnungspflicht dies lediglich für den Tarifanbieter vor.

In dieser Beitragsreihe wurden bislang einige Themen ausgeklammert und vereinfacht. Im fünften und letzten Teil der Serie sollen diese kurz angesprochen werden und letztendlich ein Fazit gezogen werden. Letztendlich soll das Licht angehen – nachhaltig, sicher und so günstig wie möglich.

Den Beitrag "In 30 Stunden schalte ich das Licht ein... – Teil 4 offline Lesen:

5 Gedanken zu “In 30 Stunden schalte ich das Licht ein… – Teil 4

  1. Danke für die Erläuterungen. Ich bin mir aber gar nicht sicher ob die 6.746 MWh positive Ausgleichsenergie wegen Prognosefehlern aktiviert wurde. Zum einen soll es gar nicht mehr so dramatisch hohe Prognosefehler geben (und der 17. hatte zumindest kein „überraschendes“ Wetter). Zum anderen könnte die Ursache auch in Netzengpässen liegen, wenn nämlich in einem Teil des Landes ein großes Strom-Überangebot (z. B. aus PV-Anlagen) besteht und woanders Strom-Mangel herrscht, so dass die dazwischen liegenden Stromleitungen heiß laufen. Um das zu verhindern müssen dann im Strommangelgebiet Kraftwerke (vielleicht auch aus der Regelleistung?) hochgefahren werden – auch wenn dann insgesamt bundesweit ein Überangebot entsteht, das (mal wieder) exportiert werden muss.
    Dafür könnte in diesem Fall sprechen, dass Deutschland tagsüber in einige Nachbarländer exportierte und dass außerdem zu dieser Zeit Pump- und Saisonspeicher angeworfen wurden.
    Oder sehen Sie das anders?

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    • Das kann sein. Nehme an, Sie meinen das Thema „ReDispatch“. Das Problem ist leider, dass es meist keine klare/rekonstruierbaren Daten gibt. Von daher bleibt es ein Thema der Spekulation. Wobei es ein Indiz gibt, dass dem nicht so ist. Ein großer Teil des PV-Stroms „verbleibt“ physikalisch in der Niederspannungsebene und wird lokal verbraucht. Die Belastung der ÜNBs ist damit geringer als man annehmen könnte. Dennoch obliegt dort die Vermarktung (Strommenge wird „sichtbar“), was eine Asynchronität zwischen „Belastung“ (wirtschaftlich) und „Belastung“ (Netze) mit sich bringt.

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  2. Durch Ihre eigenwillige Definition von Ausgleichsenergie wird es leider ziemlich unverständlich, was Sie wollen.

    Hier http://www.next-kraftwerke.de/wissen/regelenergie/ausgleichsenergie ist der Zusammenhang von Ausgleichs- und Regelenergie gut beschrieben.

    Vortägige Fehlprognosen bzgl. erneuerbarer Energien werden von den Bilanzkreisverantwortlichen (BKV) übrigens überwiegend im untertägigen Energiehandel ausgeglichen. Ziel ist dabei immer die Minimierung der buchmäßig anfallenden Ausgleichsenergie des Bilanzkreises.

    So weit mir bekannt, kann der BKV die Viertelstunden-Prognose seines Bilanzkreises für den aktuellen Tag mit einem Vorlauf von 1h gegenüber dem ÜNB anpassen.

    Zum Ausgleich seines Bilanzkreises wird der VNB (Verteilnetzbetreiber) genau so am Markt agieren wie der Stromhändler. Genau wie der Bilanzkreis sind die dafür gehandelten Strommengen reine Buchwerte, die nichts darüber aussagen, woher der Strom im Verteilnetz tatsächlich kommt.

    Da nicht klar wird, was Sie mit Ausgleichsenergie meinen, kann man die angegebenen Zahlenbeispiele zur Ausgleichsenergie auch nicht richtig einordnen.

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    • Die Anpassung ist soweit richtig beschrieben.

      Was im Beitrag nicht beschrieben wurde, ist die Unterscheidung der unterschiedlichen Märkte. Zum einen der EPEXSpot (Intraday), auf dem nach meiner Definition die Ausgleichenergie gehandelt wird. Auf der anderen Seite die Lastprognosen. An beiden Seiten existieren BKVs.

      Die Berechnung beruht auf die Day-Ahead Prognose in Abweichung zur tatsächlich gelieferten Strommenge unter Ausklammerung der PRL,SRL,MRL. Dieses Delta verändert (bitte korrigieren, wenn falsch) nicht die Strommkennzeichnung die der Letztverbraucher mit seiner Rechnung bezieht. Da es sich nur um einen reinen Buchwert handelt – wird sich allerdings physikalisch die Erzeugungsstruktur verändern. In welcher Kennzeichnung findet sich diese Mengen?

      Konstruiert der folgende Fall:
      In einem Verteilnetz beziehen die Kunden alle 100% „Ökostrom“. Es gibt nur Privatkunden, keine Sondertarifkunden. Im Day-Ahead liegt die Prognose für eine Zeiteinheit bei 0,50 MW. 3 Stunden vorher bei 0,52 MW. Die 0,02 MW werden untertägig zugekauft. Ich würde diese jetzt als Ausgleichenergie bezeichnen. Es ist zulässig, dass die 0,02 MW aus einem Erdgas Kraftwerk stammen. Das Verteilnetz ist damit nicht mehr 100% Ökostrom….

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  3. Pingback: Bekenne mich schuldig! Ich habe Ökostrom verschmutzt… via blog.stromhaltig.de

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