Friedrich Wilhelm Raiffeisen (Bild: Wikimedia - Public Domain)
Friedrich Wilhelm Raiffeisen (Bild: Wikimedia – Public Domain)

Kommentiert man in einem fremden Blog, dann kann man nicht in epischer Breite etwas vorstellen. Daher ein kleiner Followup zum Thema Bürgerbeteiligung als Antwort auf einen Beitrag bei Windwärts. Dieser Blog ist einer der neusten Mitglieder bei den Energiebloggern und definitiv ein Besuch wert.  Die Besonderheit von Blogs ist, dass man über mehrere Beiträge ein Thema auch erst einmal erarbeiten kann – viel zu häufig wird dies (auch von mir) vergessen. Weiterentwickeln, um nicht in die Visionslosigkeit anderer Debatten zu verfallen. Bürgerbeteiligung ist für mich zu wichtig, um keine eigene Vision zu haben. Wie es aber mit Visionen ist, sie sind Zukunftsmusik, und man tappt über lange Strecken im Dunkeln…

Da ich schon wieder auf mein Buch referenzieren will … wer ein Ebook Edition wünscht, der darf sich gerne per Mail an mich wenden.

Erzeugungs Genossenschaften

Das Genossenschaftskonzept zur Bürgerbeteiligung an der Energiewende finde ich wirklich gut.  Friedrich Wilhelm Raiffeisen würde sich freuen, wie sein Unterstützungsmodell unbemittelter Landwirte den Weg zu den Stromwirten gefunden hat. Das Konzept der „Grünen“ Kredite, bei denen Saatgut mit der späteren Ernte bezahlt wird, hat seinen Charme.  Gemeinsamer Einkauf und Vertrieb ist bei den Bürgergenossenschaften der dezentralen Energiewende jedoch bislang weniger von Bedeutung?

 „Einer für alle, alle für einen“

Die Basis des Handelns, der ersten landwirtschaftlichen Genossenschaften. Das Motto zeigt, es geht nur in der Gemeinschaft. Mittelbar und direkt – nicht abstrakt und Unnahbar. Alle mir bekannten Finanzierungen von Windparks und Gemeinschafts-PV-Anlagen erfüllen diesen Punkt des Raiffeisen-Prinzips.

Wirklich nur ein Finanzierungsmodell?

Energiegenossenschaften, sind leider bislang nur Finanzierungsmodelle. Durch die Einlage der Genossen wird ein Projekt verwirklicht, anteilig wird der Ertrag anschließend an die Investoren ausgezahlt. Das Genossenschaftsmodell erlaubt aber eigentlich mehr.

Die Fördergenossenschaften sind als Beschaffungs- und Verwertungsgenossenschaft ein Gemeinschaftsunternehmen der Mitglieder, das Mittel zum Zweck der Erfüllung bestimmter Funktionen für die Trägerwirtschaften (private Haushalte, Unternehmen) darstellt. Die Mitglieder sind zugleich Nutzer der kooperationsbetrieblichen Leistungen (Abnehmer, Lieferant), Miteigentümer (Träger von Willensbildung und Kontrolle), sowie Kapitalgeber. (Wikipedia – „Genossenschaften„)

Jeder Kapitalgeber wird mit Sicherheit auch ein Stromkunde sein, somit ein potentieller Nutzer der kooperationsbetrieblichen Leistung. In der Satzung der Energiegenossenschaft Rhein-Ruhr findet man den Ansatz der eingangs genannten Vision bereits verwirklicht:

Die „Energiegenossenschaft Rhein-Ruhr eG” begründet sich in dem Zweck mit Energieleistungen zu handeln. Ihre Aufgabe besteht im selbstständigen Einkauf und der Vermittlung preisgünstiger Energie, Energieträger, damit zusammenhängender Dämmstoffe, Technologien und resultierender Dienstleistungen. Die Genossenschaft engagiert sich in den Bereichen Klima und Umwelt.
Die Genossenschaft ist auf den Nutzen der Mitglieder ausgerichtet. Erwirtschaftete Überschüsse, die nicht zur Aufrechterhaltung der gemäß dieser Satzung bezeichneten Aufgaben reinvestiert und/oder zurückgestellt worden sind, werden den Mitgliedern als Rückvergütung ausgezahlt.

Aus dem Präambel der Energiegenossenschaft wird eine wichtige Besonderheit der „EG“als Unternehmensform erkennbar: Es ist zum Teil ein Verein – zum Teil aber auch ein Unternehmen.

Handelsware Strom

Wird ein Windkraftwerk gebaut, so wird der Betreiber die erzeugte Strommenge verkaufen. Eine Möglichkeit ist die Direktvermarktung, bei denen ein „Stromsuchender“ direkt einen Vertrag mit dem Lieferanten abschließt. Geregelt wird dies im 15-Minuten Takt. D.h. der Suchende kennt seinen Bedarf für diesen Zeitraum und wird sich damit am Markt eindecken. Unabhängig ob Strom-Discounter, Ökostromer oder Stadtwerk – jeder Stromversorger mit Kunden agiert nach diesem Prinzip.  Gelingt es nicht den benötigten Bedarf durch die bestehenden Verträge zu decken, dann wird über die Strombörse ein Vertrag abgeschlossen.

Klassische „Eigenstrom“ Genossenschaften

Was ist, wenn die Genossenschaften selbst auch als Stromlieferant für ihre Kapitalgeber (Mitglieder) auftreten?  D.h. deren Strombedarf zuerst eingedeckt wird, bevor über die Börse entweder die Überschüsse verkauft – oder bei zu geringer Erzeugung die Menge nachgekauft wird.

Geht man zunächst von einer 100% Deckung des Bedarfs durch die Mitglieder aus, dann würden diese einen Strompreis zahlen, der keine Gestehungskosten enthält. Diese machen zwar beim privaten Stromtarif nur ein kleinen Anteil aus  – aber man darf immer noch die 19% Mehrwertsteuer abziehen 🙂 .

Nach einer Studie des Fraunhofer IWES liegen die Stromgestehungskosten für Windkraft recht stabil bei ca. 7 Cent je kWh. Diese 7 Cent sind die „kooperationsbetrieblichen Leistungen“, die den Mitgliedern der Genossenschaft als Kapitaldienst zugänglich gemacht werden könnten. Wobei der Kapitaldienst in Form eines günstigeren Strompreises geleistet wird.

Bei einem Strompreis von 25 Cent/kWh entfällt rund 1/4 auf die Erzeugungskosten. Mit diesen Erzeugungskosten werden auch die Investionskosten gedeckt. Ein weiterer Anteil sind die Betriebskosten. Es ist zu hoffen, dass die Betriebskosten über die zusätzlich verkaufte Strommenge gedeckt werden. Dem Mitglied der Genossenschaft könnte somit ein Strompreis von ca. 20 Cent/kWh angeboten werden.

Smarte „Eigenstrom“ Genossenschaft

Das vorgestellte „klassische“ Modell gefällt mir allerdings nicht wirklich, da das Agieren können in der Genossenschaft zu passiv ist. Bei der Erweiterung stelle ich mir daher vor, dass die Mitglieder für einen Tag im Voraus erkennen können, wie die Erzeugungsprognose ist – eventuell auch, in welchen Zeiten eine Erhöhung des Eigenverbrauchs mehr Sinn macht als zu anderen.

Aus rein wirtschaftlichen Interessen könnte dadurch die Bereitschaft zur Lastverschiebung entstehen. Zwingend notwendig ist die Echtzeitmessung des Verbrauches und auch eine individuelle Verbrauchsprognose.

[update] Diese Idee weiterentwickeln

eigenstron_genossenschaft_debatteblog.stromhaltig würde die Idee der Eigenstrom Genossenschaften gerne weiter entwickeln. Damit dies gelingt wurde im „Debattierclub“ ein eigener Bereich zu diesem Thema eröffnet.

Es würde mich persönlich freuen, wenn es gelingt ein paar Stimmen einzufangen. Wie in der Einleitung bereits geschrieben, sind noch etliche weitere Informationen zur Umsetzung vorhanden, die gerne geteilt werden.

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Veröffentlicht von Thorsten Zoerner

Seit dem Jahr 2007 beschäftige ich mich mit den Themen Stromnetz und Strommarkt. Parallel dazu entstand ein Blog, um Informationen zu den jeweiligen Themen bereitzustellen. Er ist unter blog.stromhaltig.de zu finden. Über das Thema Energiewirtschaft habe ich bislang drei Bücher veröffentlicht. In meinem 2014 erschienenen Buch zum Hybridstrommarkt beschreibe ich ein Marktdesign, das in Deutschland in das Gesetzespaket Strommarkt 2.0 aufgenommen wurde. Hierbei werden zwei Technologien des Strombezugs vereint: der Hausanschluss mit Bezug bei einem klassischen Stromanbieter und einen alternativen Bezug von erneuerbaren Energien. Die wirtschaftlichen Vorteile für ein solches Marktdesign sind erwiesen. Auch die Digitalisierung beeinflusst die Energiewirtschaft von morgen. Daher habe ich mich intensiv mit dem Thema Blockchain Technologie befasst. Blockchain ist eine Technologie, die den Austausch und die Dokumentation von Daten vereinfachen kann. Daher kann diese Technologie mithilfe der digitalen Möglichkeiten das heutige Energiesystem revolutionieren. Denn damit ist eine automatische Abgleichung von Energieerzeugung und Energieverbrauch möglich. Um zukünftige Herausforderungen und Chancen mitgestalten zu können, habe ich 2017 die Firma STROMDAO gegründet. Dort bin ich Geschäftsführer und möchte dafür sorgen, dass mithilfe der Blockchain Technologie und dem Hybridstrommarkt eine digitale Infrastruktur für die Energiewirtschaft der Zukunft aufgebaut wird. Der STROMDAO Mechanismus zur Konsensfindung für den Energiemarkt unterstützt dabei die Marktkommunikation aller beteiligten Akteure.

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