Aktuelles Stromnetz - Westküste von Schleswig Holstein (CC BY SA - OpenStreetmap)
Aktuelles Stromnetz – Westküste von Schleswig Holstein (CC BY SA – OpenStreetmap)

Die Bürger am Netzausbau zu beteiligen, war eine der Ideen, die der Minister für Reaktorsicherheit Peter Altmaier im vergangenen Jahr häufiger in die Kameralinsen der wartenden Boulevard-Reporter kommuniziert hat (s.h. auch FAZ). Ab Juni 2013 haben die Bürger in einer fest vorgegebenen Entfernung zur geplanten Westküstenleitung die Möglichkeit eine Bürgeranleihe zu erwerben. Bei dem Vorhaben handelt es sich um eine Freilandleitung, die vor allem den Strom aus Offshore Wind aufnehmen und auf das Binnenland verteilen soll.  Emittent des Wertpapiers ist die Tennet TSO (weitere Beiträge zur Tennet TSO), einer der  vier Übertragungsnetzbetreiber in Deutschland. Aufgabe der Übetragungsnetzbetreiber ist die Netzstabilität auf dem gesamten Bundesgebiet sicherzustellen und die elektrische Energie der Verteilnetzbetreiber entsprechend dem Bedarf zu verteilen. Bei genauerem Hinsehen ergeben sich allerdings ein paar Fragen…

Zum anderen handelt es sich beim „Bürger-Anleihe-Konstrukt“ nicht um einen Bürgerfonds mit Eigentumsvergemeinschaftung durch KG-Anteile, sondern um eine wertpapierverbriefte „Darlehens-Festverzinsungs“-Fremdfinanzierung auf Zeit ohne Einflussrechte der betroffenen Bürger. (Dr. Horst Werner – Blog Bankfreie Finanzierung)

Die Notwendigkeit einer Finanzierung für ein Projekt stammt nicht von einer Gemeinschaft von Bürgern, die ein Projekt realisieren wollen, sondern von einem privaten Konzern. Damit unterscheidet sich die Anleihe der Westküstenleitung nicht von anderen Anleihen – aber sehr stark von den Konstrukten, die bei Bürgerwindparks oder bei Genossenschaften gewählt wird. Der Zeichner einer Bürger-Anleihe bekommt keine Rechte an einem Eigentum oder einen Teil des zu erwartenden Gewinns. Vergleichbar mit einem Privatdarlehen wird ein fester Zinssatz vereinbart. Im Falle des Tennet Projektes liegt dieser bei 3% in der Bauphase – bei ~5% sobald die Leitung in Betrieb genommen wird.

Der Niederländische Staat, der Eigentümer der Tennet TSO, dürfte sich über diese Zahlen freuen, denn der Zinssatz liegt deutlich unter den sonst üblichen Zinsen für Bauvorhaben.

Rund neun Prozent Eigenkapitalrendite sind Tennet sicher – Renditen, die Sparbuchbesitzer neidvoll sehen. „Tennet erwartet in den kommenden Jahren einen weiteren Umsatzanstieg aufgrund der zunehmenden Aktivität, insbesondere auf dem deutschen Markt“, heißt es in der aktuellen Pressemeldung. (Die Zeit – April 2012)

Bei der Anleihe von Tennet handelt es sich letztendlich um eine reine private Platzierung eines Wertpapiers – oder eine alternative Finanzierungsform. Der Gedanke einer Bürgerbeteiligung am Netzausbau wird damit wohl eher nicht voran getrieben. Für eine solche Beteiligung müsste es eine höhere Transparenz geben,welche Gewinne man mit einer Stromleitung tatsächlich erwirtschaften kann. Wie schwierig dies ist kann man aktuell in Berlin erkennen.

Die Konzession des Stromnetzes in der Hauptstadt, welches aktuell von Vatenfall betrieben wird läuft aus. Ein Weg ist das Stromnetz zurück in Bürgerhand zu nehmen – wofür sich auch eine Genossenschaft stark macht (s.h. auch dieser Beitrag). In diesem Zusammenhang wurden die Zahlen die der aktuelle Betreiber veröffentlicht etwas näher begutachtet. Der Blog UmweltFAIRaendern kommt zu dem 30 Millionen Ergebnis:

Mit den Stromnetzen lässt sich eine Menge Geld machen.

Bei der Anleihe von Tennet TSO ist zumindest kein öffentlicher Business Plan einsehbar. Von daher ist auch keine Abschätzung möglich, ob und in welcher Höhe die Westküstenleitung zum Gewinn des Unternehmens beitragen kann.

Wir kommen dieser Verantwortung auf zwei Weisen nach: Zum einen berücksichtigen wir beim Bau neuer Verbindungen die Wünsche der Gesellschaft. Wir suchen das Gespräch mit den Bürgern. Zum anderen setzen wir auf innovative Ideen, an deren Entwicklung wir mit zahlreichen Initiativen mitwirken. Mit Innovationsgeist und sozialer Verantwortung minimieren wir die Risiken für Mensch und Umwelt. (Quelle: Corporate Social Responsibility und Nachhaltigkeit bei Tennet)

Unbestritten ist der gute Ruf, der von allen Wortkombinationen, die mit Bürger beginnen, ausgehen. Viel zu stark ist die Angst vor dem Wutbürger vergraben, der bereits zum Machtwechsel in einem Bundesland geführt hatte und auch vor Unternehmen keinen Halt macht. Die einfachste Art jemanden ins Boot zu bekommen ist immer eine Abhängigkeit zu schaffen. Wer Geld in etwas investiert hat, wird dagegen nicht protestieren.

„Wir wollen für Akzeptanz werben, damit eines der wichtigsten Projekte für die Energiewende gelingt“, sagt Lex Hartman, Geschäftsführer von Tennet. (Quelle: TAZ)

Raffiniert ist das Projekt mit der Bürgeranleihe des Netzbetreibers auf jeden Fall. Maximal 15% der Investitionskosten sollen über die Anleihe gedeckt werden, so Dr. Horst Werner in seinem Beitrag. Sollte es zu einem Scheitern der Platzierung kommen, dürfe die Finanzierung des Vorhabens nicht in Gefahr kommen. Risikominimierung verbunden mit überschaubarer Kostenstruktur, kein Wunder, dass auch der Ministerpräsident von Schleswig Holstein Torsten Albig das Projekt einen Meilenstein für die Umsetzung der Energiewende nennt (TAZ).

Die Mindesteinlage für eine Anleihe an der Westküstenleitung beträgt 1.000 €. Eine Summe, die ein klares Zeichen in Richtung der potentiellen Investoren setzt. Angesprochen werden besser Verdienende – Influencer – des Umlandes der Leitung. Bei anderen Beteiligungsformen liegt die Mindesteinlage deutlich niedriger. Crowdener.gy hat für seine Projekte die Hälfte (500€) – bei Prokon geht es bei 100€ los.

Entsprechend der Projektbeschreibung von Tennet, ist die geplante Stromtrasse ein Brückenschluss zur Verbindung der Infrastruktrurkomponenten die bereits im Einsatz sind. Erst vor wenigen Wochen hatte man die Freileitungen zwischen den Umspannwerken Wilster und Büttel fertiggestellt (s.h. nok21 Blog).

„Schon jetzt wird deutlich, dass die Gefahr einer Lücke zwischen der Errichtung der Netzanbindungssysteme und dem Zubau an Offshore-Windkapazität besteht. Wir bauen bereits heute Anbindungskapazität praktisch auf Vorrat. Wir müssen dringend Wege finden, den Ausbau der Offshore-Windenergie gleichmäßig voranzutreiben, um zumindest die bereits entstehenden Anbindungskapazitäten effektiv zu nutzen.“ Lex Hartman, Geschäftsführer von Tennet (Quelle: Maritim Heute)

Den Beitrag "Bürgerbeteiligung am Stromnetz - oder reine Risikominimierung? offline Lesen:

Kommentar hinterlassen

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong> 

benötigt