Alternde Kraftwerkslandschaft

Nettokapazitäten der Großkraftwerke
Nettokapazitäten der Großkraftwerke

Als „Dickschiffe“ der Stromerzeugung können Kraftwerke mit eine hohen Kapazität bezeichnet werden. Im Zuge der Dezentralisierung von Erzeugungskapazitäten und der Zunahme von kleineren Windparks und PV-Anlagen nimmt zwar die generelle Bedeutung für die Versorgungssicherheit der „Dickschiffe“ ab, die  Umweltbelastung und die Herausforderungen bei Störungen bleiben jedoch auf einem signifikanten Niveau. Fast 50% des konventionellen Stroms stammt aus Kraftwerken, die älter als 30 Jahre sind.  Muss der Zubau von Stromerzeugung aus Erneuerbarer Energie deutlich beschleunigt werden?

Falsch optimiert. Schaut man sich ein Kraftwerk an, das vor 30 und mehr Jahren geplant wurde, dann wurde es zu einer Zeit konzipiert, als die Atomenergie ihre Hochzeit hatte. Eine Zeit, bei der man mit Nachtspeicherheizungen versucht hat den „günstigen“ Strom der in der Nacht zuviel im Netz war irgendwie einer Nutzung zuzuführen. Mit dem Nachteil, dass im Sommer viele Kraftwerke unterhalb ihrer Möglichkeiten und somit auch unterhalb ihrer Rentabilität betrieben wurden.

Kraftwerksdeutschland bestand zu weiten Teilen aus Dickschiffen, große Kessel mit großer Leistung. Planer hatten wohl eher die technische Faszination im Sinne als die Bedürfnisse der Kunden. Nachtspeicherheizungen sind da ein sehr nettes Beispiel, wie man lieber am Bedarf des Kunden gedreht hat als aus der Sicht des Kunden die Kraftwerke zu dimensionieren. Demand Side Management wurde als Demand Side Dictatorship verstanden.

Im Zuge der Energiewende und der Verbreitung von PV und Windkraft hat sich eine dezentrale Erzeugungsstruktur gebildet, die deutlich kleinteiliger ist, als es die Dickschiffe jemals sein konnten.  Da Betreiber und Eigentümer dieser neuen Strukturen unabhängig von den Großkraftwerken waren und sind, hat die Summe der Kraftwerke auch keine natürliche Evolution der Erneuerung erfahren, sondern eine Parallelgesellschaft. Konventionell auf der einen Seite – Erneuerbarer Strom auf der anderen Seite – dazwischen das Stromnetz und hinten kommt das raus, was für den Stromkunden bestimmt ist.

Niemand kann vorschreiben, wie lange man sein Auto fährt. Genauso kann man niemandem vorschreiben, wie lange ein Kraftwerk zu betreiben ist. Zwar kann man Marktanreize schaffen wie eine Abrwrackprämie, letztendlich entscheiden muss aber immer der Eigentümer. Ähnlich dem Auto nimmt mit zunehmendem Alter auch die Häufigkeit von Pannen zu.

Quelle: EEX
Quelle: EEX

„Ungeplante Nichtbeanspruchbarkeiten von Erzeugungseinheiten“ nennt sich eine Panne bei Kraftwerken. Die tagesaktuelle Übersicht für Kraftwerke mit einer Kapazität von mehr als 10 MW finden sich in der Transparency Plattform der EEX. Aktuell sind 2.963 MW un-geplant vom Netz. Dies ist nicht sonderlich viel, ein näherer Blick in die Kraftwerksliste zeigt auch welche Kraftwerke dies (höchst wahrscheinlich) sind:

  • Steinkohle – 757 MW = Wilhelmshaven = Baujahr 1976
  • Steinkohle – 110 MW = Heizkraftwerk Heilbronn = Baujahr 1965/1966

Kleines Schmankerl ist das Gas-Kraftwerk… hiebei handelt es sich (wahrscheinlich) um das 2010 in Betrieb genommene Irsching 5, welches ohnehin ein sehr spannendes Kraftwerk ist. (s.h. auch Beitrag: Billiger Gaspreis verändert Wirtschaftlichkeit).Irsching 5 bleibt die Elb-Philharmonie unter den Kraftwerksneubauten, die als politischer Ausreißer in der Statistik zu sehen ist.

Neben  den ungeplanten Nichtbeanspruchbarkeiten, haben die neueren Anlagen allerdings auch noch ein weiteres Manko der Altanlagen wett-zumachen  welches im Bereich der Flexibilität angesiedelt ist. Es gibt zwei grundlegend verschiedene Wege, um die selbe Leistung als Ergebnis zu erzielen. Zum einen kann man ein Kraftwerk auf die gewünschte Leistung drosseln – oder man nutzt viele kleine Kraftwerke, um in der Summe die Leistung zu bekommen. Der Nachteil der ersten Variante ist, dass die Generatoren, der Kessel und andere Einrichtungen einen Bereich haben, in denen sie ökologisch am effizientesten arbeiten können. Soll die Erzeugung stärker am Verbrauch ausgerichtet werden, so ist Flexibilität gefragt, die nicht vorgesehen war. Das Ergebnis ist eine Ökobilanz, die deutlich unter dem Machbaren liegt gepaart mit einem höheren Verschleiß.

Betrachtet man die Überalterung der konventionellen Flotte, so muss vielleicht eine Abwrackprämie schnell geschaffen werden, die auf gekoppelte Stillegung mit EE-Neubau  gezahlt wird. Ohne eine Weichenstellung wird die Netzstabilität durch die konventionellen Kraftwerke in großem Maße gefährdet. Die 35%, die der Strom aus EE-Quellen im Jahre 2012 in der Regelzone der 50 Hertz ausgemacht hat, reichen da nicht (s.h. Beitrag bei Euwid).

„Robert Frank“ geht vom Netz, war die gestrige Meldung der Zeitung für Kommunale Wirtschaft. Gemeint ist das 1973 gebaute Gaskraftwerk in Landesbergen (Niedersachsen), welches noch im vergangenen Jahr als systemrelevant klassifiziert wurde. Gestern nun die Meldung, dass das Kraftwerk nun in die Kaltreserve überführt werden solle.  Als Ursache wird der Kostendruck genannt, der keinen rentablen Betrieb bei lediglich 80 Vollaststunden bei Jahresfrist zulässt.

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Veröffentlicht von Thorsten Zoerner

Seit dem Jahr 2007 beschäftige ich mich mit den Themen Stromnetz und Strommarkt. Parallel dazu entstand ein Blog, um Informationen zu den jeweiligen Themen bereitzustellen. Er ist unter blog.stromhaltig.de zu finden. Über das Thema Energiewirtschaft habe ich bislang drei Bücher veröffentlicht. In meinem 2014 erschienenen Buch zum Hybridstrommarkt beschreibe ich ein Marktdesign, das in Deutschland in das Gesetzespaket Strommarkt 2.0 aufgenommen wurde. Hierbei werden zwei Technologien des Strombezugs vereint: der Hausanschluss mit Bezug bei einem klassischen Stromanbieter und einen alternativen Bezug von erneuerbaren Energien. Die wirtschaftlichen Vorteile für ein solches Marktdesign sind erwiesen. Auch die Digitalisierung beeinflusst die Energiewirtschaft von morgen. Daher habe ich mich intensiv mit dem Thema Blockchain Technologie befasst. Blockchain ist eine Technologie, die den Austausch und die Dokumentation von Daten vereinfachen kann. Daher kann diese Technologie mithilfe der digitalen Möglichkeiten das heutige Energiesystem revolutionieren. Denn damit ist eine automatische Abgleichung von Energieerzeugung und Energieverbrauch möglich. Um zukünftige Herausforderungen und Chancen mitgestalten zu können, habe ich 2017 die Firma STROMDAO gegründet. Dort bin ich Geschäftsführer und möchte dafür sorgen, dass mithilfe der Blockchain Technologie und dem Hybridstrommarkt eine digitale Infrastruktur für die Energiewirtschaft der Zukunft aufgebaut wird. Der STROMDAO Mechanismus zur Konsensfindung für den Energiemarkt unterstützt dabei die Marktkommunikation aller beteiligten Akteure.

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