75% des Windstroms geht in die Direktvermarktung

Wie einer Meldung des Bundesverband WindEnergie e.V. (BWE) zu entnehmen ist, übernimmt mit 3/4 die direkte Vermarktung die wichtigste Vertriebsform des Erzeugungsbereiches. Damit nähert man sich der Quote von rund 80% an, die bei den konventionellen Energieträgern erreicht wird. Ein Erfolg der auf eine bessere Telemetrie, der Simulation und Prognose der Ertragssituation aber auch einer besseren Verbrauchsprognose, zu verdanken ist. Folgt man der Meldung des BWE weiter, so sollen in diesem Jahr auch Optionen für den Einsatz von Windkraft bei der Regelenergie geprüft werden. Bei diesem Szenario würden Windgeneratoren dann zum Einsatz kommen, wenn die Netzfrequenz des Stromnetzes unter 50 Hertz fällt.

Nicht nur aus diesen Meldungen wird erkennbar, dass die Betriebskonzepte und damit auch die Business Pläne der Windkraft einem systemischen Wandel unterzogen sind. Die Betreiber positionieren ihre Stärken im großen Strommarkt. Eine Tatsache, die auch notwendig wird, bedenkt man, dass der Windstrom gerade in den letzten Tagen zu einer dominanten Produktion mit destabilisierenden Tendenzen auf das Marktgeschehen, geführt hatte.

Bereits nach der ersten Novellierung des EEGs 2011 hatte sich eine gewaltige Änderung in den Betriebskonzepten der Parkbetreiber abgezeichnet. Hatte man vorher viele Anlagen nach dem Prinzip der Ernteoptimierung betrieben, bewegt man sich seither immer stärker auf einen gesättigten Markt zu, bei der man nicht mehr mit „Vollgas“ einspeisen kann. Ist die Produktion höher als die Abnahme, müssen die Konzepte angepasst werden. Die Direktvermarktung stellt dabei den Bezug zum Verbrauch her. Es entsteht eine neue Merit-Order die sich allein auf die Regelbarkeit von unterschiedlichen Energieträgern zurückführen lässt.

Alle aktuellen Betriebsformen sind nach meinem Empfinden allerdings noch zu nahe an einer Kopie der Mechanismen von konventionellen Kraftwerken orientiert. Direktvermarkteter Strom für Privatkunden – immerhin 2/3 des verbrauchten Stroms in Deutschland – wird beim Demand Management nicht einbezogen.  Spätestens bei der Diskrepanz aus Standardlastprofil und tatsächlichem Lastgang der privaten Haushalte wird sich auf kurz oder lang ein Konkurrenzkampf zwischen den verschiedenen erneuerbaren Energieträgern ergeben. Wieso soll auf Ertrag aus einer Windkraftanlage verzichtet werden, wenn die Sonne gerade richtig gut scheint?

Im Rahmen des Bürgerdialogs hat das Ministerium für Forschung und Bildung bereits vor längerem ihre Vorstellungen klar kommuniziert:

Eine modernere Infrastruktur ermöglicht außerdem eine größere Flexibilität in der Stromversorgung, die auch dem Verbraucher zu Gute kommt. Bisher konnten nur Großabnehmer von schwankenden Preisen am Strommarkt profitieren. Künftig kann sich jeder diese Schwankungen zunutze machen: Mit intelligenten Stromzählern und Endgeräten im Haushalt, die durch ein intelligentes Stromnetz versorgt werden, kann Energie in besonders nachfragearmen Zeiten verbraucht werden. Dann ist Strom nämlich besonders günstig. (Quelle)

Windkraft kann unbestritten Regelenergie sein, sie kann in weiten Teilen zur Deckung der Grundlast dienen. Ohne eine Einbeziehung des Endverbrauchers wird die Erzeugung immer dem Verbrauch hinterherlaufen – einfach, wenn die Erzeugung mit der Verbrennung von Fossilen Brennstoffen gekoppelt ist und man lediglich eine Schippe mehr auflegen muss. Das aktiv verzichtet werden muss, obwohl mehr Stromernte möglich ist, um zu Zeiten einer starken Nachfrage noch freie Kapazitäten zu haben, ist ein neues Konzept. Es ist selbstredend, dass ein CO2 und Nuklearabfall neutraler Strom deutlich privilegiert werden muss.

Beim BWE findet sich als Lösungsansatz eine Kombination aus Grünstromprivileg und dem Marktprämienmodell der Direktvermarktung. Ich würde weiter gehen und belohnen, wenn ein Erzeuger seine Einspeisung direkter mit genannten Verbrauchern/Messstellen abstimmt. Ein Potential von 20% sind möglich beim Demand Management von Privathaushalten, wie man im Podcast von Energynet erfahren kann.

Von Thorsten Zoerner

Seit dem Jahr 2007 beschäftige ich mich mit den Themen Stromnetz und Strommarkt. Parallel dazu entstand ein Blog, um Informationen zu den jeweiligen Themen bereitzustellen. Er ist unter blog.stromhaltig.de zu finden. Über das Thema Energiewirtschaft habe ich bislang drei Bücher veröffentlicht. In meinem 2014 erschienenen Buch zum Hybridstrommarkt beschreibe ich ein Marktdesign, das in Deutschland in das Gesetzespaket Strommarkt 2.0 aufgenommen wurde. Hierbei werden zwei Technologien des Strombezugs vereint: der Hausanschluss mit Bezug bei einem klassischen Stromanbieter und einen alternativen Bezug von erneuerbaren Energien. Die wirtschaftlichen Vorteile für ein solches Marktdesign sind erwiesen. Auch die Digitalisierung beeinflusst die Energiewirtschaft von morgen. Daher habe ich mich intensiv mit dem Thema Blockchain Technologie befasst. Blockchain ist eine Technologie, die den Austausch und die Dokumentation von Daten vereinfachen kann. Daher kann diese Technologie mithilfe der digitalen Möglichkeiten das heutige Energiesystem revolutionieren. Denn damit ist eine automatische Abgleichung von Energieerzeugung und Energieverbrauch möglich. Um zukünftige Herausforderungen und Chancen mitgestalten zu können, habe ich 2017 die Firma STROMDAO gegründet. Dort bin ich Geschäftsführer und möchte dafür sorgen, dass mithilfe der Blockchain Technologie und dem Hybridstrommarkt eine digitale Infrastruktur für die Energiewirtschaft der Zukunft aufgebaut wird. Der STROMDAO Mechanismus zur Konsensfindung für den Energiemarkt unterstützt dabei die Marktkommunikation aller beteiligten Akteure.

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