Strom Import/Export - Deutschland 24.01.2013
Strom Import/Export – Deutschland 24.01.2013 (Quelle enstoe.net)

Deutschland erstarrt, Dauerfrost. In den Massenmedien wird von Winterchaos berichtet. PV Anlagen auf den Dächern sind mit Schnee bedeckt und zumindest im Binnenland ist nur moderater Wind zu spüren. Das Stromnetz hält. Obwohl mittlerweile alle Industrieunternehmen aus dem Weihnachtsurlaub zurück sind und die Produktion wieder auf normalen Niveau ist. Unfassbar? Oder doch ein Beweis, dass das Risiko besteht, dass der Umbau der Stromnetze in Deutschland und die Energiewende auch ohne größere Blackouts gelingen könnte?

Zoe Case schreibt im Blog der European Wind Energy Association:

Freezing temperatures in both Belgium and Germany have put both countries’ power systems to the test this week, but neither country has experienced electricity blackouts despite the lack of nuclear power. (Quelle: EWEA)

Am ausführlichsten kann man in der Online-Ausgabe des Greenpeace-Magazins diesen bemerkenswerten Fortschritt beim Jahrhundetprojekt Energiewende nachlesen. Aus Sicht der benötigten Heizmenge unterscheidet sich der Januar 2013 nicht grundlegend zum Vorjahr. Dennoch musste bislang nicht auf die sogenannte Kaltreserve zurückgegriffen werden. Dabei handelt es sich um eine Leistung von rund 2.600 MWh an Kraftwerken, die kurzfristig in Betrieb genommen werden könnten. Diese Kapazitäten hatten sich die Übertragungsnetzbetreiber im Dezember 2012 gesichert – eine Verdopplung der Kapazitäten, die noch im vergangenen Jahr vorhanden war. Im Kampf um Kaltreserve Kapazitäten hatte allein Tennet TSO nach Agenturmeldungen 2.000 MWh für schlechtere Zeiten gesichert, deren Kosten nun  getragen werden müssen.

Eine Fehleinschätzung des Bedarfs, dem sich nun auch die Politik annehmen muss, die für Akzeptanz der steigenden Haushaltsstrompreise im Spätjahr geworben hatte.

„Erschreckend: Schon bei der jüngsten Kältewelle konnten Wind (Flaute) und Sonne (zu wenig) nicht den erhöhten Stromverbrauch der Deutschen decken. “ (Quelle: Berliner Kurier)

Diese Meldung/Aussage stammt vom Sonntag 27.01.2013 am Rande eines „Geheimtreffens“ des Netzbetreibers 50 Hertz, dem Innensensator Frank Henkel (CDU) und Experten der TU-Berlin. Wer bislang dachte, dass die Netzbetreiber eigentlich am ehesten über Ihren Stabilität bescheid wissen sollten…

„Doch Boris Schucht, Chef des Netzbetreibers 50 Hertz (steuert die Stromversorgung Berlins), tut so, als gäbe es die Gefahr nicht. Aber die Wahrheit sieht anders aus. Auf einem Geheimtreffen mit Innensenator Frank Henkel (CDU) warnten Experten vor dem Ausnahmezustand für Berlin.“ (Quelle: Berliner Kurier)

Folgt man der Spur des Geldes, so erkennt man: 2.000 MWh hatte sich allein die Tennet TSO gesichert. Bedeutet für Amprion, TransnetBW und 50 Hertz bleiben noch rund 600 MWh übrig. Das finanzielle Risiko ist somit bei 50 Hertz relativ gering. Es verwundert daher nicht, dass es von der letzten Woche auch Meldungen des am stärksten betroffenen Übertragungsnetzbetreiber gibt:

„Es wird immer teurer, Blackouts zu vermeiden“, sagte der Deutschlandchef des Übertragungsnetzbetreibers Tennet, Martin Fuchs, im Gespräch mit dem Handelsblatt: „2012 mussten alleine wir knapp 1000-mal eingreifen, um kritische Situationen abzufangen“ (Quelle: Handelsblatt)

Vom Stromnetz ins Cockpit
Im Laufe meiner Pilotenausbildung habe ich eins gelernt: Treibstoffmanagement ist das A und O. Hat man zuviel Treibstoff dabei, dann hat man zusätzliches Gewicht und fliegt ineffizienter. Hat man zuwenig dabei, dann ist das auch Misst. Piloten lernen daher die unsicheren Faktoren in ihrer Berechnung einzuschließen. Ein Faktor ist der übrige Verkehr, der vielleicht zu ein paar Extrarunden führen kann. Ein weiterer Faktor ist das Wetter – Gewitterzellen wollen umflogen werden, aber gerade der Gegenwind können die Flugstrecke leicht im zweistelligen Prozentbereich „verlängern“. Trotz dieser Unbekannten fliegen dennoch täglich mehrere hundert Flugzeuge über den Atlantik und sind bei der Landung zwar nicht trocken wie ein Martini, aber haben auch keinen Treibstoff für den Rückflug dabei.

Vielleicht sollte man bei der Berichterstattung über Blackout-Risiken in Zukunft nach einem Pilotenschein für den Netzbetrieb fragen?

Was man als Pilot auch lernt, ist mit unerwarteten Ereignissen umzugehen und diese zu meistern. Natürlich gibt es technische Ausfälle (Treibstoffpumpen), oder stark verlängerte Wartezeiten. In Verkehrsflugzeuge sitzen dafür zwei hoch-ausgebildete Personen, die eine Lösung für diese Fälle finden müssen. Ein Autopilot oder PR-Berater hilft in diesen Situationen nicht.

Persönlich sehe ich es als Aufgabe der Daseinsvorsorge an, dass man sich über den Fall der Fälle auch beim Stromnetz einige Gedanken macht. Für den Blackout vorbereitet zu sein ist wichtig. Piloten lernen dafür Taktiken im Segelflug eine sichere Landung hinzubekommen.  Im Stromnetz ist es die Sicherstellung der Schwarzstarkfähigkeit.

Sobald allerdings andere Ziele mit einer Meldung verfolgt werden, führt dies nach meiner Meinung mehr zur Verunsicherung und Rückgang der Akzeptanz in der Bevölkerung. Bei Piloten ist ein falsches Treibstoffmanagement ein Grund diesem die Lizenz zu entziehen. Bei einigen Stromern ein Grund eine Pressemitteilung zu veröffentlichen.

Beim „Geheimtreffen“ in Berlin ging es übrigens tatsächlich um eine Planung für den Ernstfall, wie man im Tagespiegel nachlesen kann. Im Beitrag des Tagesspiegel finden sich Ursachen für einen Blackout:

„Bernd Krömer (CDU), der als Staatssekretär der Verwaltung stellvertretend für Henkel sprach, erinnerte an Großlagen der vergangenen Jahre wie die Hochwasser an Oder und Elbe, den Wirbelsturm Kyrill oder die tagelangen Stromausfälle im Münsterland, wo Strommasten im Jahr 2005 unter nassem Schnee zusammengebrochen waren.“  (Quelle: Tagesspiegel)

Das Thema Netzumbau oder aktuelle Lagen spielen hier keine Rolle. Es geht um Katastrophenschutz im weitesten Sinne. Vor 12 Jahren ist man diese Szenarien unter dem Stichwort Y2K bereits einmal durchgegangen. Was passiert in der Gesellschaft, wenn der Strom wirklich einmal für 1 Stunde, 1 Tag, 1 Woche nicht vorhanden ist? Die Pläne sollten eigentlich noch in den Schubladen liegen und lohnen sich auf den aktuellen Stand zu bringen.

Zum Glück sollen die Temperaturen in den nächsten Tagen in ganz Deutschland steigen. Weiter zum Wetter…

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Ein Gedanke zu “Berlin: Frost – Das Stromnetz hält… – auch ohne Kaltreserve

  1. Pingback: Energiewende – Geht das Interesse zurück? – Ist jetzt die Zeit der Weichenstellung? via blog.stromhaltig.de

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